Von Kurt Kister

Der Deutsche ist ein Beschwerdeführer. Seitdem nun auch noch der vorletzte Narr E-Mails schreiben kann, wird das zu einer echten Plage.

Es sei angenommen, dass demnächst das Abendland untergehen wird. Der Bundestag würde dazu vermutlich eine Enquete-Kommission einsetzen, um herauszufinden, ob es eigentlich schlimm ist, wenn das Abendland untergeht. Zunächst wäre es ungewiss, ob diese Kommission zustande kommen würde, weil die CSU darauf bestünde, dass Erika Steinbach darin Sitz und Stimme bekommt.

Bild vergrößern

Schreibt der Deutsche wiederum E-Mails, bloggt er gar, wächst er sich zum Beschwerdeführer im Quadrat aus. (© Foto: Christina Hess)

Anzeige

Die Grünen wiederum würden nur mitarbeiten wollen, wenn der Untersuchungsauftrag geschlechtsneutral formuliert wird ("Herausforderungen und Probleme beim Untergang des/der Abendlands/ländin"); die SPD forderte auf jeden Fall zusätzlich einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss Abendland, um nachzuweisen, dass auch hier Guttenberg Schuld trägt. Und Außenminister Guido Westerwelle würde Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel die Zuständigkeit fürs Abendland übertragen sowie die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Cornelia Pieper, den Untergang parteipolitisch begleiten lassen.

Deutschland funktioniert recht einfach. Wenn man etwas verzögern kann, wird man das tun, und wenn man sich bei jemandem über etwas beschweren kann, wird man das auf keinen Fall unterlassen. Sehr beliebt ist bei Beschwerdeführern hierzulande die direkte Intervention beim Vorgesetzten, ja beim obersten Chef. Wenn eine Kassiererin falsch eintippt, dröhnt der Kunde: "Ich will den Filialleiter sprechen!" Beschwerden an die Zeitung gehen grundsätzlich sofort an die Chefredaktion (". . . hat sich Ihr Mitarbeiter Unerhörtes geleistet . . .") und außerdem in zahlreichen Kopien zur Kenntnis an Geschäftsführung, Verleger, Papst, Kanzlerin, Verlegersgattin.

Die Kopien-Beschwerde ist zu einer modernen Plage geworden, seitdem auch noch der vorletzte Narr E-Mails schreibt. Das Einfügen von 16 E-Mail-Adressen in das Feld "Kopie" ist leider so simpel wie das Nasebohren und findet deswegen auch so häufig statt. Man erhält den ganzen Tag irgendwelche E-Mails in Kopie, in denen der Kollege Weiß dem Kollegen Müller mitteilt, dass er doch recht hatte, oder die Kollegin Dr. Grün ein potentiell feindselig eingestelltes Konglomerat von drei Dutzend anderen Kollegen darauf hinweist, wie recht sie hatte. Wer das Unglück hat, ein kleinerer oder größerer Chef zu sein, wird grundsätzlich immer in Kopie angeschrieben - schon allein weil der Deutsche eben ein geborener Beschwerdeführer ist.

Schreibt der Deutsche wiederum E-Mails, bloggt er gar, wächst er sich zum Beschwerdeführer im Quadrat aus. Er führt noch heftiger, noch häufiger und grundsätzlich öffentlich Beschwerde. Briefe schreibt er keine mehr, obwohl die Briefkultur eine der Stützen des Abendlandes war. Aber das geht ja sowieso unter.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Eigentümer der Lebensläufe

Alexander Kluge, der intellektuelle Schattenspieler des deutschen Kinos und der deutschen Literatur, wird achtzig. Jetzt lesen ...

(SZ vom 30.01.2010/iko)