Was lesen Sie gerade? Das soll keine Moralpredigt in breve gegen jene sein, die Bücher scheuen. Es ist vielmehr ein Plädoyer für die wilde Lektüre.
Zur Grundausstattung des gefahrlosen Smalltalk gehört die Frage: "Was lesen Sie gerade?". Manchmal bekommt man darauf eine richtige Antwort, weil man einen richtigen Leser gefragt hat. Meistens aber ist aus dem Gebrummel nur zu entnehmen, dass der Antwortende kaum etwas liest, weil er keine Zeit hat, weil er gerade bloggen muss, weil er lieber Wein trinkt oder masturbiert anstatt sich mit Simon Schama oder Stefan Zweig zu beschäftigen.
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Es ist immer richtig, das Leben zu ändern, was beim Philiosophen Sloterdijk selbst damit beginnen sollte, dass er sich endlich mal die Haare schneiden lässt. (© Foto: dpa)
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Nein, dies ist keine Moralpredigt in breve gegen jene, die Bücher scheuen. Es ist vielmehr ein Plädoyer für die wilde Lektüre. Wild im Sinne von: durcheinander, planlos, einfach ins Regal greifend - sei es das eigene oder das des Buchhändlers. Selbst wer niemals glücklich ist, wird zufriedener sein, wenn er auf die erwähnte Smalltalk-Frage mit einer Gegenfrage antworten kann: "Was lese ich gerade nicht?"
Zum Jahreswechsel fiel einem Simon Schamas "Der Traum von der Wildnis" in die Hand. Das Buch ist 15 Jahre alt und es spannt einen sehr weiten Bogen vom Wald über das Wasser bis hin zum Fels. Das hört sich disparat an, ist es aber nicht, weil Schama in einer Großerzählung von Tacitus über Fouché bis zu den Staudämmen von Abu Simbel das Leben des Menschen in der und gegen die Natur reflektiert. Weil man sich mit Schama so sehr mit dem Leben und dessen Bedingungen auseinandersetzte, kaufte man gleich noch Sloterdijks "Du musst dein Leben ändern".
Prinzipiell hat Rilke recht, von dem Sloterdijk den Titel seines Buches entlehnte. Es ist immer richtig, das Leben zu ändern, was bei Sloterdijk selbst damit beginnen sollte, dass er sich endlich mal die Haare schneiden lässt. Zweifelsohne ist Sloterdijk weniger gut zu verstehen als Schama. Aber man findet in dem Wälzer so viele Gedanken, die sich, selbst wenn man sie nur teilverstanden hat, weiter spinnen lassen.
Sloterdijks Miniatur über den Scientology-Gründer Hubbard plus seine Grundsätzlichkeiten über die Nicht-Existenz von Religion bringen einen zum Beispiel zu der Überlegung, was denn eigentlich Hubbard von Mohammed unterscheidet, und ob nicht vielleicht Tom Cruise und Osama bin Laden einen ähnlichen Hang zur Vertikalität ausleben.
Bevor aber nun der Somalier mit dem Hackebeil das Büro betritt, schnell noch einige Gedanken zu Stefan Zweig. Seine "Welt von gestern" steht schon lange, auch schon lange gelesen, im Regal, gleich neben dem Meter Max Brod. Gegen Weihnachten wurde es erneut zur Hand genommen. Man las sich fest. Was für ein Erzähler, wie bringt er sein zerborstenes halbes Jahrhundert von Kaiser Franz Joseph bis Adolf Hitler wieder zum Atmen. 2010 scheint Zweigs Welt von gestern zwei Jahrhunderte her zu sein. Und dennoch lebt sie in diesem Buch. Was für ein Abenteuer: Lesen.
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(SZ vom 09.01.2010/iko)
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"Nicht allein Lektüre, die schöpft aus den Büchern der Alten" (Walahfrid Strabo, Hortulus) - nein, nach den Gesetzen der Assoziation braucht es gegensätzliche Reize, die den so vor sich hin vegetierenden wilden Leser aufscheuchen sollen. Warte, warte nur ein Weilchen, dann kommt der Somalier auch zu dir, mit dem Hacke-, Hackebeilchen und macht - ja was denn bloß? Wildes Hackgedachtes, halb und halb(!?) aus dir. Denkpaare und Paarformeln scheinen ins wilde Kraut (nö, nicht Wildbad Kreuth) zu schießen. Von Kierkegaard zu Westergaard und zurück - "Et in Arcadia ego", hingegeben an die Eskapaden des paarmäandrierenden Schama-nen (Rembrandt vs. Rubens, "Landscsape and Memory", viel besser als der dt. Titel "Traum von der Wildnis") und hineingezwungen ins zurückgeschraubte Schauen à la Schlotterbein. Der Torso glüht - der Schmonzes blüht. Ob apollinisch archaisch oder balsamiert balladesk, macht nichts - es lebe die magische Weltsicht (Lévi-Strauss). Sloterdijk und Safranski sehen aus, als würden sie sich gegenseitig die Haare schneiden - allerdings nicht mit Ockhams Rasiermesser. Wer von denen Pan, wer Hirte ist, sollen die doch unter sich ausmachen. In brevi können sich meinet- und der unbedingten Sicht auf Hühner und andere Unbedingtheiten Hubbard und Mohammed gegenseitig mit dem Hackebeil den Scheitel ziehen.
"Wildes Lesen" verhält sich zu "Wildem Denken" so reziprok wie "Wildes Bieseln" zu "Wildem Schnasseln". Letzteres ist aber nicht zu verwechseln mit wildem Schnack-seln (wie weiland fürstlich mariaeglorios dem TV-Volk verkasematuckelt), sondern kommt über das Jiddische "schasjenen" ins Rotwelsch des gepflegten Alkoholkonsums. Denn Lesen ohne Rotspon ist wie Aventiure ohne Roß.
Als ich einst Prinz war von Arkadien ... ist schon gut, Hans, ab in den Styx.