In schlaflosen Morgenstunden wird jedes Problem, das man sich vorstellen kann, noch viel größer. Gut, dass es zum Trost Frank Sinatra gibt.
Es gibt ein schönes Lied von Frank Sinatra, das sich mit dem Nichtschlafenkönnen beschäftigt. Natürlich geht es bei Sinatra darum, dass einer nicht schlafen kann, weil er eine Frau vermisst. "Du liegst wach und denkst an das Mädchen / und es kommt dir niemals in den Sinn, Schafe zu zählen", singt er. Wenn man noch jung und optimistisch ist, mag es tatsächlich sein, dass man nicht schlafen kann, weil ein bestimmter Mensch nicht da ist. Wird man gescheiter, also älter, kann man oft nicht schlafen, gerade weil einer da ist. Der schnarcht zum Beispiel oder ist sonstwie unangenehm.
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Wusste, wie das Leben in den wee small hours of the morning war: Frank Sinatra. (© Foto: dpa)
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Das Lied heißt "In the wee small hours of the morning". Es erschien 1955 auf einer LP, auf deren Cover eine Zeichnung von Sinatra zu sehen war. Er steht, den Hut schräg aus der Stirn geschoben, in einem bläulichen, nebulösen Licht an einer Straßenecke und hat eine Zigarette in der Hand. Rauch kräuselt sich. Es ist drei Uhr morgens, vielleicht auch halb vier. Die ganze Szenerie sieht so aus, als würde es immer kalt, einsam, nassdämmrig bleiben. Das sind die wee small hours of the morning, die frühen, kleinen Morgenstunden.
In diesen Morgenstunden wird jedes Problem, das man hat oder sich auch nur vorstellen kann, noch viel größer als tagsüber oder am frühen Abend. Es sitzt einem auf der Brust wie ein spitzohriger, zähnebleckender Inkubus und will nicht weichen.
Die wachen Geister
Man dreht sich auf die Seite, schließt die Augen, atmet tief. Im Hirn aber oder in der Seele oder sonstwo im Körper beginnt die Maschinerie zu rattern, Zahnräder drehen sich, Keilriemen treiben Mühlsteine an, die den Schlaf zermalmen. Gewaltige Schatten schweben über einem. Der Leuchtwecker zeigt 3.15 Uhr. Man denkt sich Dialoge aus, die man zu führen hat mit jenen Teiggesichtigen, denen man nach dem Aufstehen wieder begegnen wird. Man fällt ins Bodenlose, holt sich ein Glas Wasser. 3.46 Uhr. Es beginnt zu regnen. Ach, würde man doch wieder rauchen. 4.09 Uhr.
Später, im Büro. Der Mensch von gegenüber ist sichtlich lebensfroh und ausgeschlafen. "Na, Sie sehen aber wieder grau aus, heute morgen", sagt er. So? Grau? "Ich laufe ja fast jeden Tag nach dem Aufstehen", verkündet er, "eine halbe Stunde. Das weckt die Lebensgeister." Geister wecken?, denkt man. Die sind doch sowieso wach, sie haben immer montags bis freitags Nachtschicht von halb zwei Uhr an. "Wollen Sie es nicht auch einmal probieren?", hört man. Was sollte man denn probieren, vielleicht gar nicht mehr ins Bett zu gehen? "Kaufen Sie sich ein Paar gute Laufschuhe und ab geht's." Dann verschwindet er pfeifend in seinem Büro.
Eigentlich ist er ein armer Mensch. Er kann zwar schlafen, weiß aber nicht, wie das Leben ist in den wee small hours of the morning. Dafür hat er Laufschuhe.
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(SZ vom 17.10.2009)
Bundespräsident Gauck in Israel
Mit Entsetzen habe ich heute morgen in der TAZ den Artikel über die "klamme(n) graue(n) Herren" von St. Grimberg gelesen, wonach - auch wegen Steuernachzahlungen durch die SWMH - in der Redaktion der SZ Arbeitsplätze wegfallen sollen. Unter diesen Auspizien liest sich im Nachhinein Ihr morgendepressiver Bericht über den "Fall ins Bodenlose" natürlich ganz anders - und ich ahnungsloser Trottel mache noch frivole Scherzchen über den Besuch der Teufel im Sündentheater und die glühenden Stühlchen ebendort, nicht bedenkend, daß dergleichen eine grimmige Metapher für "Redaktionskonferenz" sein könnte. Die im Büro zu führenden Dialoge mit teiggesichtigen, aber gutgelaunten Laufsündern erscheinen nunmehr im flackernden Dunkelrot von negativen Bilanzen und betriebsbedingten Kündigungen - der Inkubus ist von Stuttgart eingeflogen und preßt armen oberbayerischen Journalisten die Luft ab. Ironie ist fehl am Platze, wenn ernsthaft gelitten wird - lieber Autor, es tut mir sehr leid.
Frankieboy hin, Füsslis Nachtmahr her: Bürogespräche mit sich selbst, lieber Autor, - oder um es mit Sinatra zu sagen, "Solilquy" -, sie lohnen sich nicht, schon gar nicht nachts. Auch der Griff nach den gekrümelten Blättern eines Nachtschattengewächses (Tabak! Nikotin!!) verschlimmert die Malaise nur. Darauf folgt der Nachtschaden, dänisch "natskade", ein schwarzer Nachtvogel, der von Wotan bis Poe als Kommentator weiteren Unglücks bestimmt ist. Gefragt vielmehr: Kommunikation. Das Schnarchen an Ihrer seite läßt sich durch zartes Handauflegen stoppen, verbunden mit sanftem Absingen eines weiteren Sinatra-Titels: "Let's get away from it all". Schließlich gilt immer noch der abgewandelte Song der Sinatra-Tochter Nancy: "These beds are made for talking".
Hilft dergleiche nicht, so empfiehlt es sich, mit dem kleinen Aufhocker auf Ihrer Brust in einen Dialog einzutreten. Wie schrieben Sie doch? "Spitzohriger, zähnebleckender Inkubus". Setzen wir einmal die realexistenz von Dämonen voraus, so ist auch im volksläufigen Dämonismus bekannt, daß es sich bei ein em Incubus um einen hart arbeitenden Unterteufel mit se.xuellen Absichten handelt - es ist ein männlicher Alb. Erzählen Sie ihm die Story vom normannischen Bäuerlein Thurkill aus Essex, dem um 1200 träumte, er sei zu Besuch in der Unterwelt. Dort stand ein Theater mit feurigen Stühlen - auf ihnen die gepeinigten Sünder, während auf anderen Sitzen Dämonen, die Diener des Tartarus, sich lümmelten und am Schauspiel delektierten. Das tun sie jeden Samstagabend, um sich von den Strapazen der Woche zu erholen und neue Formen der Qualen auszudenken. Besonders ansprechen wird Ihren Incubus die spiegelnde Strafe eines formidablen Dressuraktes: Das böse Weibn eines adligen schurken, ein veritabler weibsteufel, ist in eine Stute verwandelt wordenund wird nun von einem teufel geritten. Schon schaut (wie bei Füssli) ein höllisches Pferd um die ecke - Sie sind gerettet, der Incubus abgelenkt.
Nunmehr sollten auch sie Ruhe finden - durch Lektüre garantiert einschläfernder Bestseller. Nach einer Incubus-Attacke nehme man zu sich Stieg Larssons Millennium-Band: Män som hatar kvinnor (Männer hassen Frauen) - der deutsche Titel "Verblendung" ist ein Fall von übersetzerischer Verblödung. Hat Sie jedoch ein Succubus getriezt, so ist das Beste immer noch das se.xueklle Leben der Cathérine Millet. Törnt ungemein ab - verspricht Ihnen jeder Augustinus-Kenner: Bei Madame C. will man nicht Pan oder Waldschrat sein.
für solche Schlafstörungen mag es eine ganz profane Erklärung geben: die Magen- Darmtätigkeit wird besonders aktiv in diesen frühen Morgenstunden.
Gegensteuern: Abends nicht zu spät zu viel essen; und wenn (man) ich dann zu allzu früher Stunde doch auffwachen sollte, dann stehe ich auf, koche mir geruhsam einen Kaffee, STELLE mich an mein Pult und lese etwas während ich den Kaffee schlürfe. Es dauert nur eine kurze Zeit und mein Körper fordert die schlafstörende Entleerung. Dann wieder ab in die Heia. Es mag schon sein, daß es da im Leben gerade mal zu viele Sorgen gibt, die das WiederEinschlafen hinauszügern. Aber der befreite Körper findet bald seine Ruhe. Es gibt ja dann auch sehr simple aber zuverlässig wirksamsame Einschlafhilfen: Die Gedanken auf ein schönes Stück Natur konzentrieren und on top ein paar tiefe lange Atmungen (manche nennen es Yoga-Atmungen). Ausserdem wird man mit dem Älterwerden die beruhigende Erfahrung machen, daß diese Sorgen nicht ewig dauern sondern (mit etwas Zutun?) verfliegen.
Das ist alles keine graue Theorie sondern gelebte Erfahrung.