Mutti Merkel und Papa Schäuble: Klischees über Politik und Politiker sind in Berlin und anderswo sehr beliebt. Wer seine fünf Sinne beisammen hat, der sollte sie vergessen.
Der Tourist, der in großen Mengen die deutsche Hauptstadt bevölkert, besucht das Brandenburger Tor, fährt mit dem Bus Nummer100 durch die Stadt und sieht sich das Holocaust-Denkmal an. (Da erinnert man sich gleich an den unvergessenen Aphoristiker Gerhard Schröder, der einst sagte, das Mahnmal müsse ein Ort sein, "an den man gern geht".) Wenn es nicht zu kalt ist, setzt sich der Tourist auch auf eines der Rundfahrtschiffe und lässt sich auf dem Wasser zwischen Auswärtigem Amt und Bellevue den Regierungsbezirk erklären.
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Nein, an Merkel ist nicht viel muttihaft, und mancher, der glaubte, sie wolle ihm fürsorglich ein Butterbrot schmieren, fand das alsbald in seinem Gesicht wieder. (© Foto: reuters)
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Lange Zeit gehörte bei dieser kleinen Rundfahrt zum Repertoire der Fremdenführer die Mär über die exklusive Bundestags-Kita. Man fuhr an dem Kindergarten schräg gegenüber der Bundespressekonferenz vorbei und kriegte erzählt, dass dort exklusiv die Bälger von Abgeordneten und anderen hohen Tieren aus Westdeutschland betreut würden, während der stets benachteiligte Berliner ausgeschlossen bleibe. Das stimmte zwar so nicht, war aber lange Zeit eines der beliebtesten Klischees über die raffzahnigen Neu-Berliner.
Klischees über Politik und Politiker sind in Berlin und anderswo sehr beliebt. Gerne wird beispielsweise von Fremdenführern und Journalisten behauptet, der Berliner Volksmund nenne das Kanzleramt "Bundeswaschmaschine". Ist zwar Blödsinn, aber wenn es in Pforzheim, Osnabrück und Erfurt nur oft genug gesendet und gedruckt wird, dann glauben es immer mehr Leute, sodass es irgendwann die Wahrheit wird oder jedenfalls recht nahe an sie heranrückt.
Ganz ähnlich ist es mit "Mutti Merkel". Man weiß nicht, wer diesen Spitznamen aufgebracht hat, benutzt jedenfalls haben ihn Michael Glos, der Stern, der Spiegel und früher auch Guido Westerwelle. Der gebraucht ihn nicht mehr, weil er ja nun zur Familie gehört, und da redet man nicht mehr despektierlich übereinander, zumal dann nicht, wenn man früher, bevor man selbst in die Familie aufgenommen wurde, vom bayerischen Onkel Edmund, eine Art Stiefbruder der Mutti, als "Leichtmatrose" bezeichnet worden ist.
"Mutti Merkel" jedenfalls ist ein blödes Klischee, fast so blöd wie das Wachstumsbeschleunigungsgesetz, das eigentlich Spendenbedankungsgesetz heißen müsste. Nein, an Merkel ist nicht viel muttihaft, und mancher, der glaubte, sie wolle ihm fürsorglich ein Butterbrot schmieren, fand das alsbald in seinem Gesicht wieder. Wer meint, dass "Papa Schäuble" ein treffender Spitzname für den griesgrämigen Finanzminister wäre, und wer Sigmar Gabriel gerne "Putzi" nennt, der mag auch von Mutti Merkel sprechen. Wer aber seine fünf Sinne beisammen hat, der sollte es einfach sein lassen.
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(SZ vom 23.01.2010/iko)
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Klischees vergessen? Do I hear a certain murmur of discontent? Vergessen Sie's, lieber Autor: Nichts ist hartnäckiger als ein Klischee - und vor allem ist es nicht blöd (weil abgeschmackt), jedenfalls nicht auf ganzem Abklatsch. Denn von ihm zur Wirklichkeit gibt es immer eine Schnittmenge (Tertium comparationis) - so auch zwischen Merkel (Heroine kühler Moderation) und Mutti (Besen, like Maggie Thatcher).
TV-seriell (Ausnahme Marge Simpson, das skurrile Fossil) scheinen sie derzeit ausgestorben, die "Mütter der Nation" - wie Inge Meysel alias Käthe Scholz oder Witta Pohl als Mutter Drombusch. Real ist der eisenzähnige Phänotyp "Mutti" gleichwohl heute anzutreffen, in höchsten Etagen: Man denke an Liz Mohn (Kommandozentrale Gütersloh hat was von Waschmaschine - Miele residiert um die Ecke) oder an Alice Schwarzer, die Tochter Emma wie Tigermutti bewacht. Wem nur Mama Hesselbach (scheinbar naiv: "Ei, Kall") und ihr Babba, dieser hilflos griesgrämige Polterer (wie Schäuble?!), in den Sinn kommen, assoziiert höchstens die Hälfte des Stereotyps "Magna Mater". Die aber hat unser Kulturkreis aus der Vorzeit her bewahrt, in Gestalt der drei wirkmächtigen Matronen.
Als Trias zeigen die Gripswalder(!) und andere Matronensteine die seit je herrschende Mutti, mitsamt matriarchalischen Symbolen: Schlange (wer schrieb neulich: Viper?), Kranich (für schlaflose Wachsamkeit) und Mond (ritueller Vogel: Wendehals). Frau Luna, resolute Leitfigur des gelenkten Berolinismus (Hungerharke, schwangere Auster, Telespargel), war nur Operette - große Oper jedoch, wenn die regierende Bayreuth-Pilgerin ihr erklärtes Vorbild anblickt, Katharina die Große. O-Ton Zarin gefällig?
"Da ich mir nicht das Recht anmaße, mich besingen zu lassen, möchte ich meinen Namen auch nicht gegen den der eifersüchtigen und neidischen Juno eintauschen. Ich bin auch nicht verwegen genug, den Namen der Minerva anzunehmen. Und Venus möchte ich schon gar nicht heißen; es gibt zu viele auf Rechnung dieser schönen Dame. Ceres bin ich auch nicht; denn die Ernte ist dieses Jahr in Rußland zu schlecht gewesen" (K. an Voltaire, 1765). Geheuchelte Demut vor dem Spötter stand der Mutter Rußlands (nicht nur fescher Leibgardisten) schlecht an: Katharina II. verkörperte aufgeklärte Despotie, aber auch das Scheitern der absolutistischen Matrjoschka, den Ausverkauf moderner Führung an Reaktionäre.
"Mutti" heißt somit nicht: Käthe unser, die du bist in Kranzleramt - eher: Katjuscha, die du bist in Machtmaschine.