Von Kurt Kister

Socke in der Sandale und Dreiviertel-Hose: Da könnte man auch samstags freizeitlich einen Hoden außerhalb der Unterhose tragen.

Der deutsche Mann ist, modisch gesehen, ein Problem. Dieses Problem wird umso größer, je stärker der Mann das Gefühl hat, er habe Freizeit. Im Büro zieht er sich konventionell an: Anzüge in gedeckten Erdfarben, ab Größe 27 auch gerne eine dieser Sakko-Hosen-Kombinationen mit leichtem Hemdblusencharakter. Doch wehe, wenn sie losgelassen, wenn sie sich unbehelligt fühlen von Pflicht, Kunden und Vorgesetzten! Dann tragen sie all diese Dinge, die man in den Untergeschossen der von Insolvenz bedrohten Kaufhäuser sieht, manchmal aber auch in Geschäften, die früher nur Kaffeebohnen verkauft haben.

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Eigentlich darf ja jeder anziehen, was er will. Allerdings sollte die Welt jeden Tag ein wenig besser werden. (© Screenshot: badshoes.com)

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Da gibt es die althergebrachten Skurrilitäten wie etwa rote Hosen bei - ein Widerspruch in sich - lockeren Hanseaten oder die berühmten Socken in den Sandalen. Aber es haben sich auch ganz neue Bizarrerien breit gemacht: die Dreiviertel-Hose etwa oder das bestickte Polo-Shirt.

Die Dreiviertel-Hose hört in der Mitte der Waden auf. Es gibt dafür keinen Grund. Die halbe nackte Wade signalisiert nur, dass der Mann jetzt Freizeit hat. Um das zu zeigen, könnte er sich auch das linke Ohr vorübergehend blau färben oder immer samstags einen Hoden außerhalb der Unterhose tragen. Das tut er aber nicht. Er zieht stattdessen eine Dreiviertel-Hose an. Manchmal baumeln an ihr Schnüre mit Patent-Verschlüssen, wie sie früher nur Kletteranoraks hatten. Man sollte Menschen in Dreiviertel-Hosen besser ausweichen.

Ebenfalls sehr Freizeit, wenn auch mit einem deutlichen Tick Starnberg, sind bestickte Polo-Shirts. Der Abteilungsleiter, wochentags Joop-grau oder Boss-anthrazit, hat samstags ein blaues Hemdchen an. Auf dem Rücken prangt eine große Drei, auf der Brust links sieht man zwei Pferde und ein Segelboot, rechts steht "3rd Annual Harvard Rowing Competition". Nichts ist zu absurd, als dass es der Herr Doktor sonntags nicht tragen würde: nicht das Wappen des italienischen Kunstflugteams, nicht der Hinweis auf die neuseeländische Kricketmannschaft.

Der Schein widerspricht häufig dem Sein. Dem Senior auf der Seepromenade mag man, anders als dies sein Hemd insinuiert, nicht abnehmen, dass er dem argentinischen Polo-Team angehört. Sieht man andererseits jenen sockenlosen Edelproleten, dessen Physiognomie auf das missing link zwischen den Lemuren und den Menschen hindeutet, kann man nicht glauben, dass er, wie sein T-Shirt sagt, die Oxford University besucht hat.

Übrigens darf jeder anziehen, was er will. Allerdings sollte die Welt jeden Tag ein wenig besser werden. Das geht nur, wenn möglichst viele dabei mitmachen. Auch solche Menschen, die sich bestickte Polos oder Dreiviertel-Hosen überstreifen wollen.

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(SZ vom 27.06.2009/kar)