Ärmel hochkrempeln und ausdrucksstark zappeln: Reckturnen ist für den durchschnittlichen Schüler so wie Redenhalten für den Kanzlerkandidaten Steinmeier.
Je älter man wird, desto mehr verklärt man seine Schulzeit. Da war zum Beispiel Herr Kraus, der wunderbare Mathe-Lehrer. Er konnte ganze Passagen aus dem Faust auswendig und hatte auch noch ein weites Herz für pubertierende Mathe-Deppen. Und wie schön war der Freitag, an dem man in der Zwölften immer zum Stammtisch im Stadtkeller ging. Oder die Zündapp von Klassenkamerad Alois, mit der man bis nach Altomünster fuhr. Außerdem: Jutta in Vierkirchen, vor allem aber Anni in Röhrmoos.
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Fragte man Steinmeier nach dem Reck, würfe er sein Sacko hin und riefe: "Ich kann Felgaufschwung!" (© Screenshot: sde)
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Allerdings war auch vieles ziemlich übel in der Schule: der Chemielehrer, genannt Horror-Horst; die grässlichen Physik-Schulaufgaben; das schreckliche Geräteturnen. Besonders unangenehm: das furchtbare Reck. Einen Felgaufschwung sollte man machen. Man zappelte herum, einer schob am Hintern - die sogenannte Hilfestellung - und doch hing man an der Stange wie der berühmte nasse Sack. Man quetschte sich sämtliche Teile, die man sich quetschen konnte.
Kaum ein normaler Mensch mag Reckturnen. Fallschirmjäger-Oberfeldwebel schätzen es, zu kleine Männer in zu engen Hosen mögen es auch. Vermutlich sind Sarkozy und Ahmadinedschad Reckturner. Jedenfalls wurde man damit gequält in der Schule. Der Turnlehrer merkte, dass man es nicht kann. Die Mitschüler merkten es. Man selbst merkte es. Reckturnen ist für den durchschnittlichen Schüler so wie Redenhalten für den Kanzlerkandidaten Steinmeier.
Nein, das ist jetzt nicht polemisch und auch gar nicht weit hergeholt. Wenn der Steinmeier eine Wahlrede hält, dann hat man das Gefühl, er versucht einen Felgaufschwung. Er krempelt sich die Ärmel hoch und fängt an, leidenschaftlich zu röhren so wie er es beim Turnlehrer Schröder gesehen hat. Aber dann ist er eigentlich nur laut und betont die Nebensätze sonderbar. Er zappelt ausdrucksstark, kommt aber nicht rauf auf die Reckstange.
Wahrscheinlich merkt Steinmeier, dass er den rhetorischen Felgaufschwung nicht hinkriegt. Er ist ein gescheiter, sensibler Mann. Wenn er aber für die Politik so heiß brennen würde, wie er heute in seinen Wahlreden laut schreit, dann hätte er nicht den größeren Teil seines Lebens als Amtswalter, sondern eben als Politiker zugebracht. Früher - da war er noch mehr Mensch als Funktion - konnte man mit ihm über die Rituale der Politik lachen, gerade über die Rituale der politischen Rede. Heute hat er sich so im Außenkanzlerministerkandidatensein festgebissen, dass er freundlichen Spott über sein Nebensatz-Charisma als persönlichen Angriff auffasst. Wenn man ihn nach dem Reck fragen würde, würfe er sein Sakko ab, ließe sich sofort zwei Schwitzflecken wachsen und riefe: "ICH KANN FELGAUFSCHWUNG!"
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(SZ vom 20.06.2009/kar)
Zwischen Detmold und Dachau müssen Welten liegen - geographische, provinzielle, mentale. Wie könnte man als schreibender Oberbayer einen Brakelsieker verstehen lernen? Am ehesten über eine Anekdote, die den Charakter des Lippers umreißt: Im Bahnhof zu Detmold soll der Personenzug abfahren, der Schaffner geht von Abteil zu Abteil und schlägt die Außentüren zu. Nur beim letzten Abteil klemmt es, die Tür schwingt immer wieder zurück - warum? Steht dort ein alter Kötter und brummt: "Solange ich meinen Daumen dazwischenhalte, kriegst Du die Tür nicht zu".
Ritual einer sinnlosen Politik? Für einen Lipper sind Beharrlichkeit und Leidensfähigkeit ererbte Konstanten. In früheren Zeiten war man dort so arm, daß sich die Bauernsöhne außerhalb des Landes als Saisonarbeiter (Wanderziegler und Heringsfänger) verdingen mußten. So etwas prägt - dagegen ist die rhetorische Reckstange einer Wahlrede nur ein nachgeordnetes Hindernis. Des Sackes Aufschwung kommt, irgendwann - hat nicht Demosthenes gegen seinen Sprachfehler beim Reden Kiesel in den Mund genommen und gegen die tosende Brandung angebrüllt? Na bitte, mit Steinen geht alles. Schließlich sind finstere Philippika gegen einen Todfeind gar nicht gefragt - es reichen schon moderate Angelika, und die Gegnerin ist auch nicht gerade mit Engelszungen begabt. Also schindet sich der brave Barney im Steinbruch der Flintstones und sieht es als pädagogische Übung eines späten Polit-Asketen. Ho mä dareis anthropos ou paideuetai.
Lieber Herr Kister.
Klasse.Sie haben in einer treffenden und liebenswerten Art die Schwächen des Kanzlerkandidaten beschrieben und mich an die eigene Schulzeit im Fach Sport erinnert. Allerdings hatten wir im Unterschied zu Steinmeier keine andere Wahl.
Vermutlich sind Sarkozy und Ahmadinedschad Reckturner.
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Da haben Sie Recht, Herr Kister!