Wurstsalat mit Senf beschmiert und Hauptstädter, die sich als gemütliche Deppen gerieren: Vermeintlich typisch Bayrisches ist für echte Freistaatler oft ein Grund zum Schämen.
An einem feuchten, eher kühlen Abend in Berlin. Ein später Spaziergang Unter den Linden, man will noch einen Cappuccino trinken. Nein, das soll man eigentlich nicht auf der Touristenmeile tun, aber was hilft's, man ist halt grad da.
Frauen im Dirndl, in der Hand eine Mass: Eigentlich eine typisch bayrische Szene - doch mittlerweile gibt es auch im fernen Berlin ein Wiesn-Pendant. (© Foto: Getty Images)
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Das Lokal, das nicht so genau weiß, ob es Café, Wirtschaft oder Kneipe sein will, heißt nach dem Berliner Lokalmythos Nante Eckensteher. Auf der Speisekarte aber stehen bayerische Dinge: Leberknödelsuppe, Brezn ohne zweites e geschrieben, Schweinsbraten. Und sogar Weißwürste, die auch noch nachts um elf verkauft werden. Was weiß der Berliner schon von Weißwürsten.
Mit dem Bayerischen in Berlin ist es seltsam. Entweder muss man sich als Bayer dafür schämen, oder mindestens genieren, weil der Bayer außerhalb Bayerns gerne als gemütlicher Depp dargestellt wird. Das ist unfair, denn viele Bayern sind keine Deppen und die meisten bayerischen Deppen sind nicht gemütlich. Horst Seehofer zum Beispiel ist häufig in Berlin, und er ist eindeutig ein... aber eigentlich sollte das ja nicht schon wieder eine politische Kolumne werden.
Senf an falscher Stelle
Wenn man also beim Essen bleibt, fällt einem eine Löwenbräu-Wirtschaft ein, die es mal hinter dem Gendarmenmarkt gab. Dort wurde sogenannter bayerischer Wurstsalat verkauft. Ein Teil der Wursträder, die noch nie etwas von Regensburg gehört hatten, war mit Senf beschmiert. Der Kellner sagte, das mache man so in Bayern, man streiche den Senf beim Wurstsalat auf die Wurst. Leider traf den Mann nicht sofort der Blitz.
Im September gibt es in Berlin ein bayerisches Oktoberfest vor dem Roten Rathaus. Da schleppen sie ein Bierzelt aus München an, und am Eröffnungsabend kommen jede Menge gemütliche Mitglieder des gemütlichen bayerischen Kabinetts. In dem Zelt wird sehr getrunken. Viele Menschen tragen, obwohl man sich in Berlin-Mitte befindet, diese grässliche Landhaus-Mode mit Trenker-Filzhüten und bestickten Lederjeans. Die Zeltbesatzung sieht am ersten Abend so aus, als habe man sie extra für diesen ersten Abend aus dem Genmaterial von Paris Hilton, dem Baron Guttenberg sowie einem urigen Tegernseer Einkommensmillionär hergestellt.
Die Berliner mögen Bayern. Vor etlichen Jahren traten die Biermösl Blosn und Gerhard Polt im Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm auf. Es war ausverkauft. Zwar verstand ein Drittel bis die Hälfte des Publikums nicht so recht, was auf der Bühne gesagt und gesungen wurde. Der Jubel war trotzdem groß.
Wenn sich der Berliner vorgenommen hat, dass er etwas lustig findet, dann braucht er nichts zu verstehen. Er lacht, isst den Wurstsalat mit Senf und freut sich sehr, wenn ihm in einem Bierzelt in Berlin-Mitte zugeprostet wird, als sei auch er ein gemütlicher Depp.
Alexander Kluge, der intellektuelle Schattenspieler des deutschen Kinos und der deutschen Literatur, wird achtzig. Jetzt lesen ...
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(SZaW vom 02.10.2009/jobr)
Unnütze Hygienemaßnahmen
Spott mit Dir - Du Last der Bayern. Verirrt sich die Gstanzln polternde Biermösl Blosn, jene "Bande vom Beerenmoos" und Nachfahren Fußkranker aus der Völkerwanderung, ausgerechnet in den "Sumpf" (elbslaw. Berlin) von Havel und Spree, so ist das die Fortsetzung einer Serie haltloser Geschichte(n). Baiu-warioz waren wortsinnig "Kerle aus Boia/Böhmen" (nicht - Schmarrn! - Boans Vacca, Muhende Kuh). Lange vor Mark Aurel wohnten dort keine Kelten mehr, sondern Markomannen, die zur großen Völkergruppe der Sweben (Tacitus) gehörten, somit - waschechte Schwaben. Deren vornehmster Stamm siedelte rechts der Elbe - die Semnonen, benannt nach der stets entrückt lächelnden Liebesgöttin Siomn aus Templin, welche wiederum in ihrem Hain östlich des Tiergartens, unter der Foster-Kuppel den "Semnonenbund" versammelte. Wes Wunder, daß die Bay-Wastl dem Rufe der eisigen Mutti Siomn Eisenzahn folgten - wie Zufallskumpan, Freibänker, Steuer-runter-Mann Guido der Cherusker, zur Tigerentenkrawatte das mennigrote Gesicht des Imperators vom Alten Ubier-Zoll.
Tutti putti per Mutti - im Fesselhain erdrückt am Busen der Domina, die argwöhnisch über alle Kieze der nachgerückten Heveller und Sprewanen wacht. Wo immer diese Toren und Wendenhälse einem Falschen Waldemar (Wiedergänger, zum Schein im Roten Kloster Lehnin, äh! Chorin begraben) willig folgten, Oskanier oder Gysonen, wurden Stadtpforten als "Waldemar-Tore" zugemauert. Bären-Marke Bayer in Brandenburg - Wittelsbacher Ludwig V. kannte sich nicht aus mit pilgernden Problembären in der Mark, blieb im alpinen Bärenmoos. Nordlichtig liebt seither ein jeder Waldemar die Weißbierdusche, pro"Du"ziert Peinliches mit Senf, konsumiert Weißwürste aus Nürnberg (Hoeneß und Weiss) - und schielt auf blond-bloße Oberweiten wie auf blanke Silberblechlöffel. "Da kam aus Treuenbrietzen ein finst'rer Kerl daher - der wollte Berlinchen so gerne besitzen und war ein Seehofer". Ha, Treues Brietzen - in Treue fest zum Oberbayern, aber mit Vororten Niebel und Marzahna! Gegen lüsternen Horst hilft nur ein weiterer Süd-Luggi, "der Römer" (vom Kaiser L. Bavarus freiherrlich gezeugt). Nach allswebischer Mutti (im Namen der Hose) kommt urbairisch technoparadierter Gutti (im Wappen der Rose): Vormals Andechser Truchsess, raubfroher Hauptmann ob dem Gebirg zu Kulmbach - und alsbald ein Brandenburger. Fortan gilt der dynastiebildende Wahlspruch (auch für einen Oberfranken): Isch bin ain Böörliner. Look at me - I am a Bismarck-Herring. Tutt frutti per Gutti!