Die neue Metaphysik: Am kommenden Samstag wird im Kölner Dom das Fenster des Künstlers Gerhard Richter in einem Gottesdienst enthüllt. Ein Entwurf, der so einfach wie genial ist - und der dem Zufall entsprang.
Nichts war in einer gotischen Kathedrale dem Zufall überlassen. Selbst das Bildprogramm für Maßwerk, Ornamente, Plastiken und Glasfenster war den Handwerkern bis in die letzten Details vorgegeben. Auch die Reihenfolge, in der die hohen Fenster gelesen werden sollten, unterlag nicht der freien Entscheidung der Gläubigen: Von unten nach oben sollte das Auge wandern, vom Irdischen ins Überirdische und in die Verklärung.
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"Die Bilder sollen den einfachen Leuten zeigen, was sie glauben sollen", schrieb schon im 12. Jahrhundert Abt Suger von Saint-Denis, der in seiner Kathedrale bei Paris dem gotischen Kathedralenprogramm zum Durchbruch verhalf. Wodurch das zu geschehen hatte, legte sein Freund, der Theologe Hugo von Saint-Victor, fest: "Wahrlich, zugleich mit aller Geistigkeit ist Christus die Sonne". Das Licht, das durch die neuen Fenster nach innen drang, war für die Menschen des Mittelalters also das ewige Licht, die Erleuchtung von oben.
Im Kölner Dom war die Idee vom göttlichen Geist, der durch das Glas in den Kirchenraum dringt, schon seit langem überwiegend Theorie. Als die gigantische Kathedrale im Oktober 1880 endlich fertiggestellt war, erhielt sie Fenster, die dem Geschmack des 19. Jahrhunderts entsprachen: symbolisch aufgeladene Bibelszenen, häufig garniert mit lokalen Kirchenfürsten und Potentaten.
Viele dieser Scheiben wurden im letzten Krieg zerstört - auch das große Fenster im südlichen Obergaden des Querhauses, das 1863 König Wilhelm I. von Preußen gestiftet hatte. Farbaufnahmen der Motive gab es nicht, die Entwürfe verbrannten in Berlin. Deshalb füllte seither fast klares Glas die Laibung und ließ - vor allem in den Wintermonaten, wenn die Sonne tief steht - viel zu viel Licht ins Innere. Von einer mystischen Farbwirkung konnte keine Rede sein.
Im Februar 2002 erhielt Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner den Auftrag, einen Künstler zu finden, der das Maßwerk rund 20 Meter oberhalb des Südportals füllen könnte. Moderne Märtyrer und Heilige der Neuzeit hatte sich das Kölner Domkapitel gewünscht und konkret die Namen von Edith Stein, Rupert Mayer, Karl Leisner, Bernhard Lichtenberg, Nikolaus Groß und Maximilian Kolbe genannt.
Die Künstler Manfred Hürlimann und Eckbert Verbeek legten Entwürfe vor, die allerdings vor allem belegten, dass sich Heiligendarstellungen im 21. Jahrhundert kaum noch angemessen umsetzen lassen, weil sie anders als im Mittelalter auch Porträts mit dem Anspruch auf physiognomische Ähnlichkeit sein müssen.
Bei einer Feier traf Schock-Werner dann Gerhard Richter und nutzte die Gelegenheit, den in Köln lebenden Künstler zu fragen, ob er sich der Aufgabe stellen wolle. Begeistert und erschrocken sei er über diese Anfrage gewesen, erinnert sich Richter: "Weil ich ahnte, dass ich überfordert sein würde. Ich habe zunächst eine figürliche Darstellung versucht und war schon dabei, den ganzen Auftrag doch abzulehnen."
Die Lösung, die der 75-Jährige dann gefunden hat, ist so einfach wie genial. Sein Entwurf, der am Samstag in einem Festgottesdienst enthüllt werden soll, wird den Kölner Dom nachhaltig verändern, weil er das bedeutendste deutsche Kirchengebäude zugleich in der Tradition wie im 21. Jahrhundert verankert.
Metaphysische Lichtwirkung
Dass sich die Idee einem Zufall verdanken soll, scheint bei diesem Ergebnis fast unglaublich. Richter legte die Schablonen, die er von Fenster und Maßwerk erhalten hatte, auf eine Reproduktion seines 1974 entstandenen Bildes "4096 Farben", einem in seiner Abfolge zufällig ausgelosten Raster aus Farbquadraten, und stellte fest "Ich war überrascht, wie gut das aussieht." Das heute schon historische Farbfeld-Gemälde nebenan im Museum Ludwig mit anderen Entwurfsstudien und Werken zur Einweihung in einer kleinen Ausstellung zu sehen.
Auch das Domfenster besteht nun aus einem System von 11.250 farbigen Glasquadraten mit einer Kantenlänge von 9,7 Zentimetern. Mit Silikongel auf ein Trägerglas geklebt, füllen sie die eine Hälfte des 22 Meter hohen und 113 Quadratmeter großen Fensters und spiegeln sich an ihrer Mittelsenkrechten. Die Auswahl der 72 Farben aus geblasenem Antikglas nimmt die Farben der umliegenden Fenster wieder auf und verdichtet sie zu einem dynamisch flirrenden Feld.
Die Überprüfung des Entwurfs an der Wirklichkeit machte einige Korrekturen nötig. Die Größe der einzelnen Farbscheiben wurde schließlich so gewählt, dass sie auch aus größtmöglicher Sichtdistanz noch einzeln zu erkennen sind und nicht zum gepixelten Farbbrei verschwimmen.
Aus demselben Grund entschied man sich gegen die ursprünglich geplante fugenlose Montage und für schmale Trennstege zwischen den Einzelgläsern. Nachjustiert wurde auch die Farbverteilung: Zu helle Farbtöne unterschieden sich aus der Entfernung kaum voneinander und wirkten wie weiße Löcher. Farben, die im Entwurf zu dunkel und intransparent schienen, entfalteten im Licht des späten Vormittags plötzlich eine phantastische Farbwirkung.
Gerecht wird man dem neuen Südquerhausfenster aber nur mit einer Beschreibung der überwältigenden metaphysischen Lichtwirkung, die von diesem Werk ausgeht. Richters Fenster ist ein Fest des Lichtes und der Farben und setzt damit auch im spirituellen Sinne die große Tradition fort, in die es sich ästhetisch problemlos einordnet: Die sinnliche Wahrnehmung seiner Arbeit, die im Werkverzeichnis die Nummer 900 erhalten wird, ist an diesem Ort ohne gleichzeitige Sinnstiftung nicht möglich.
Zum Domfenster und zur begleitenden Ausstellung im Museum Ludwig erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther König die Publikation "Gerhard Richter - Zufall" (19,80 Euro).
(SZ vom 23.8.2007)
Abholzungen im Amazonas-Gebiet
Der heutige Bericht in der SZ Print Ausgabe von Stefan Koldenhoff über das Domfenster von Gerhard Richter enthält eine amüsante Stelle. Irgendwie scheint er sich darüber zu ärgern, dass man das Fenster von Richter der Computer-Kunst zuordnet. Er schreibt: Der zu oft strapazierte Vergleich mit den digitalen Pixels eines Monitorrasters verfängt dabei nicht: Mit jeweils 9,7 cm Zentimeter Kantenlänge wurde die Größe der einzelnen Felder so gewählt, dass nichts verschwimmt oder flimmert: ...
Im sorry Herr Koldenhoff, damit stellen sie sich als jemand bloß, der weniger über Computer weiß, als ein Kind.
Es ist alles eine Sache des Maßstabs die Pixel mit denen Richter arbeitete die er durch den Computer berechnen ließ und die er auf seinem Monitor sah, können beliebig vergrößert oder verkleinert werden. Ob sie auf dem Monitor praktisch unsichtbar sind oder 2 mm, 2 cm und zum Schluss an einem Bauwerk 2m im Quadrat messen, ändert nichts am Entwurf.
Beispiele aus der Architektur gibt es bereits seit Ende der Sechziger. Der bereits genannte Peter Struycken hat heute Architektur- und Designkollegen, die dies ohne Probleme zugeben den Einsatz des Computers. Bestes Beispiel ist der Bericht in der SZ vom 26. Juni 2006 über den Architekten Sebastian Knorr und sein Gebäude für die Hightechfirma Inotera in Taipeh. Schauen sie doch einfach mal ins Archiv der SZ.
Übrigens ist es ja nicht automatisch abwertend, wenn heute jemand sagt: Das Bild ist mit dem Computer gemacht worden. Die automatische Zuordnung Computerkunst gleich minderwertig. schwiert ja nur noch in den Köpfen einiger Kritiker herum, deren altbackene Vorstellung von Echte-Kunst für mich amüsant ist.
Wie gesagt, ich habe hohen Respekt vor Gerhard Richter, dass er so öffentlich über den Einsatz des Computers spricht. Das wird vielen jungen Studenten, nicht nur an der Kunstakademie Düsseldorf, helfen. Unter den Talaren - der Muff von tausend Jahren" ist ja noch nicht überall beseitigt.
Maxim Pouska
Der Malerfürst produziert Computer-Kunst
Es ist ja schon überraschend, wie selbstverständlich der weltberühmte Maler Gerhard Richter heutzutage den Computer einsetzt, um ein Bild zu produzieren oder kann man noch sagen zu schaffen? Er benutzte ja die Tastatur, um Korrekturen vorzunehmen und das Produkt-Design zu bearbeiten nicht den Pinsel. Das ist doch eine echte Revolution für Maler und keiner der Kritiker merkt es.
Dabei war er jahrzehntelang an der Kunstakademie Düsseldorf Professor, wo noch heute ihr Rektor Markus Lüpertz den Computer vehement als Teufelszeug ablehnt.
Herbert W. Franke, der Computer-Kunst Pionier wird dies als ein verspätetes Geschenk der deutschen Künstler zu seinem 80. Geburtstag ansehen können.
Diese Rasterbilder sind ja eines der Symbole der frühen Computerkunst und wurden bereits vor 1970 produziert. Franke hat in seinem Buch Computergrafik Computerkunst, 1971, Verlag F. Bruckmann beispielsweise Arbeiten des Niederländischen Künstlers Peter Struycken vorgestellt. Das Buch wurde vom Verlag Phaidon, NC, USA ebenfalls 1971 herausgegeben und weltweit verbreitet.
Übrigens hat ihre Redaktion, in bester Tradition, den Geburtstag von Herbert W. Franke übersehen. Er lebt ja auch nur ein paar Kilometer südlich von München in der Pupplinger Au. Da ist es doch gut, dass ihre Kollegen aus Frankfurt, dies nicht übersehen haben.
Maxim Pouska
PS Der normale Betrachter wird dieses Fenster heute sofort der Computer-Kunst zuschreiben.
Übrigens hatte bereits Karl Otto Götz solche Rasterbilder produziert. Ihm verdankt das Museum Abteiberg, Mönchengladbach indirekt eine der ersten Computer-Kunst Sammlungen, die Teil der Sammlung Etzold ist. Diese Arbeiten wurden bereits 1973 im Städtischen Museum Mönchengladbach ausgestellt.