Klaus Rainer Röhl wird 80 Der große Wirrkopf

Zu seiner besten Zeit war Klaus Rainer Röhl ein König, Ulrike Meinhof seine Königin, er gründete "Party-Republiken" und die Zeitschrift konkret. Nun wird der Publizist 80.

Von Willi Winkler

Mit einer "Selbstanzeige", die ein ganzes Buch beanspruchte, sorgte Klaus Rainer Röhl 1974 für eine Sensation: Kommunist war er seit bald zwei Jahrzehnten gewesen, und die Freunde von drüben hatten seine Zeitschrift konkret finanziert. Da die Welt manchmal winzig klein ist, wird es kein Zufall gewesen sein, dass Röhls coming out, sein Geständnis, nicht bloß Herzenskommunist, sondern sogar Funktionär der illegalen KPD gewesen zu sein, im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschien, der lange Jahre von der CIA bezuschusst wurde.

Klaus Rainer Röhl heute ...

(Foto: Foto: dpa)

In seiner besten Zeit war Röhl ein König, der in Hamburg und auf Sylt im Wetteifer mit Henri Nannen, Rudolf Augstein und Peter Boenisch Hof hielt, zu seiner Rechten Ulrike Meinhof, die strengste Kolumnistin der sechziger Jahre und seine Ehefrau. In den "Party-Republiken", die wochenendweise gegründet wurden, spielte Ulrike Meinhof die Jeanne d'Arc, die noch nicht wusste, wen oder was sie befreien sollte, während ihr Mann bereitwillig den "Kotzbrocken" gab, der die Party grundsätzlich störte und mit Begeisterung Nazi-Lieder sang.

Der ewige Störenfried

Dieser ewige Störenfried war vor allem ein gewiefter Geschäftsmann und sein eigener Reklame-Chef. Schon beim Hamburger Studentenkabarett "Die Pestbeule" brillierte er als Verkäufer und konnte so auch den klandestinen Kontakt in den verbotenen Osten anbahnen. 1961 machte er den Bundestagswahlkampf für Renate Riemeck, die Ziehmutter seiner Frau und Spitzenkandidatin der Deutschen Friedensunion (DFU). Als die DDR im Mai 1964 die Zahlungen an Röhl einstellte und die Existenz von konkret bedroht war, bettelte er innerhalb von Wochen genug Geld und Kredit zusammen, um weitermachen zu können.

Halbnackte Mädchen und schwer investigative Reportagen von der Münchner Leopoldstraße oder Sozialkritisches von der Buhne 16 in Kampen konnten die Auflage beinahe verzehnfachen. Zeitweise erschien konkret 14-tägig mit annähernd 200 000 verkauften Exemplaren. Das Röhl'sche Magazin war zum Sprachrohr der Studentenbewegung geworden, an die sich Ulrike Meinhof mit ihren Kolumnen immer näher heranschrieb.

Lieber in den Untergrund

Als die verhassten Linken ihrem Lieblingskapitalisten 1973 konkret aus der Hand gewunden hatten, versuchte es der recht erfolglos mit noch linkeren und noch freizügigeren Konkurrenzunternehmen wie das da. Die bösen Linken hatten ihm aber nicht nur konkret, sondern auch seine wichtigste Autorin geraubt; Ulrike Meinhof ging lieber in den Untergrund, als weiter dem chronischen Fremdgeher zu dienen.

Einmal schickte sie ihm sogar ein terroristisches Rollkommando ins Haus, aber zurück kam sie nimmermehr. Schließlich gab Röhl das Zeitungmachen auf und schaffte, wovon mancher abgebrochene Student träumt: Er promovierte noch mit über sechzig Jahren, aber nicht irgendwo, sondern bei dem Auslöser des Historiker-Streits, bei dem Faschismus-Forscher und Heidegger-Schüler Ernst Nolte.

Röhl ist dadurch kein Historiker geworden, aber als Archäologe der eigenen Geschichte, die auch die Geschichte einer heute vergessenen Hamburger Radikal-Bohème ist, bleibt er unübertroffen.

Noch immer kann er mit heiserer Begeisterung erzählen, wie er in den antikommunistischen 50er Jahren heimlich nach Ost-Berlin fuhr, um am Theater am Schiffbauerdamm Brecht-Inszenierungen zu sehen, wie er Ernst Busch lauschte und den alten Spanien-Kämpfern, die in der DDR endlich ihren Sozialismus aufbauen wollten. Der späte Röhl ließ sich von der Frankfurter Allgemeinen, später von der Welt in Dienst nehmen, um die ehemaligen Freunde ihrer "linken Lebenslügen" zu überführen.

Zuletzt trat er bei seinem Schulfreund Günter Grass nach, weil er in der Waffen-SS war, während Röhl angeblich schon damals schlauer war. An diesem Montag wird der große Wirrkopf Klaus Rainer Röhl 80 Jahre alt.