Nach seinem Bühnenunfall wird Klaus Maria Brandauer den "Wallenstein" am Wochenende mit Gipsfuß verkörpern. Im Interview spricht er über das Warten auf den großen Auftritt.
Ein Telefongespräch am Mittwoch: "Herr Brandauer, wie geht es Ihnen? Werden Sie auftreten können am Wochenende?" "Auftreten kann ich überhaupt nicht, darf ich auch nicht. Aber, wenn alles gut geht, werde ich auffahren."
Vor zwei Wochen brach sich "Wallenstein"-Darsteller Klaus Maria Brandauer den Mittelzehknochen. Am Wochenende wird er wieder in dieser großen Rolle zu sehen sein. (© Foto: ddp)
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Bestimmt hat er die kalauergeeignete Doppelbedeutung des Wortes auftreten seit seinem Unfall schon ein paarmal ausprobiert. Aber sie klingt in diesem unnachahmlich-österreichischen Brandauerton wie in der Sekunde exklusiv am Telefon erfunden.
Klaus Maria Brandauer setzt seine Pointen auch im wirklichen Leben so, wie er den Wallenstein spricht. Jeder Satz eine Uraufführung. Als würden ihm die 200 Jahre alten Schiller-Verse gerade in dem Moment, in dem er sie auf der Bühne sagt, zum allerersten Mal durch den Kopf gehen. Das ist es wohl, was man Schauspielkunst nennt. Und was ist dagegen schon das wirkliche Leben oder ein gebrochener Zeh?
Am vorletzten Sonntag, während des Umbaus im ersten Akt von "Wallensteins Tod" ist eine der schweren Bühnenwände über Klaus Maria Brandauers Fuß gefahren und hat ihm den Mittelzehknochen gebrochen. "Ja, danke, es hat wehgetan." Ja, stimmt, er hat trotzdem weitergespielt, aber er möchte nicht darüber sprechen.
Krankenhaus, Gips, stimmt alles, dann war die Sache schlimmer als zunächst angenommen, noch einmal Krankenhaus, Operation und ein viel größerer Gips bis über das Knie. "Es gibt ja sogar eine historische Parallele", sagt Brandauer, "der Wallenstein hat sich in seinen späten Jahren immer in so einer Sänfte herumtragen lassen. Aber das ist nichts für mich. Ich fahre selbst."
Mein Kaiser, mein Spezi
Noch in der Woche vor dem Unfall hatte Brandauer in seinem Altausseer Haus über Pausen gesprochen. Darüber, was der Schauspieler eigentlich in den ersten zwei Stunden dieses zehnstündigen "Wallensteins" tut, wenn er noch gar nicht auf der Bühne ist, und was in der Stunde, die er später noch einmal pausiert.
Und auch darüber, wie wichtig die Pausen sind beim Sprechen. An eine Zwangspause wegen eines Bühnenunfalls hatte er jedoch nicht gedacht. Am vorigen Wochenende ist der "Wallenstein"-Regisseur Peter Stein eingesprungen und hat Brandauers Part gelesen. Und nun also: Wallenstein im Rollstuhl.
Am Tag vor dem Pausen-Gespräch in Brandauers Geburts- und Zufluchtsort Altaussee haben sie dort Kirtag gefeiert, ein alpenländisch exzessives Bierfest. Klaus Maria Brandauer hat den Termin am nächsten Tag um einige Stunden verschoben, "zum Ausdampfen". Dann saß er da in seiner holzgetäfelten Wohnstube und war gar nicht gleich als Brandauer zu erkennen hinter dem bäuerlichen Bart, mit dem er zu seinem wilden Wallenstein geworden ist.
Die Pausen also. Zwei Stunden muss Brandauer, wie gesagt, auf seinen ersten Auftritt warten. "Das ist für mich wie Advent. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, dann kommt das Christkind." Klaus Maria Brandauer fährt mit dem Taxi vom Hotel immer genau so raus nach Neukölln in die zum Theater umfunktionierte Kindl-Halle, dass er erst ganz kurz bevor Walter Schmidinger den Prolog spricht ankommt.
Manchmal zieht er dann sofort das Wallenstein-Kostüm an und schaut sich die ersten zwei Stunden an, hinter den Zuschauern sitzend oder an einem Tisch an der Seite der Hinterbühne. Manchmal hört er aber auch nur zu: "Dann bleibe ich in meiner Garderobe, lese einige Szenen, mache Stichproben, ob ich meinen Text kann, versuche, meine Nervosität zu besiegen und mich hineinzulassen in den Wallenstein."
Es gehört inzwischen zum Ritual, dass Schmidinger gleich nach dem Prolog - "Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst" - in Brandauers Garderobe kommt und Sätze sagt wie: Ich habe ordentlich was hingelegt, jetzt musst du dich anstrengen.
Brandauer frozzelt dann zurück: Ich weiß ganz genau, wie es dir ergangen ist, denn ich habe zugehört. Dann blättert er ein wenig in den Büchern oder in einem Reiseführer über Vietnam, der eher zufällig in der Garderobe liegt.
Weil er herausgefunden hat, dass das Fertigwerden mit diesem ewigen Ich-möchte-gerne-gut-sein-Gedanken und auch seine Konzentration durch Dekonzentration am besten funktioniert: "Es muss ja jedes Mal eine Uraufführung sein mit Texten, die ich sprechen möchte, als hätte ich sie von mir selbst noch nie gehört." Dann, endlich kommt der Moment, in dem Wallenstein auf die Bühne geht, von der Seite und wie beiläufig im Gespräch mit der Herzogin.
Brandauers Wallenstein ist ein wilder Geselle. Und der Schauspieler wird ihm schon ein wenig ähnlich, wenn er nur über ihn spricht: "Ein Generalissimus, der mit seinen Leuten im Pferdestall schläft, die wissen, dass er die tollsten Häuser, den Luxus und diesen wahnsinnigen Geschmack und Reichtum hat, der Lohn ist für das, was er am liebsten tut: Krieg führen. Aber nicht so, wie die Leute glauben: morden. Lieber würde er ohne einen Schuss nicht nur General bleiben mit seiner absoluten diplomatischen Spielerbegabung. Er will nicht Verhandlungsschlachten gewinnen, Sprechduelle. Er will als ein politischer Mensch dastehen und das Abendland retten, Europa schaffen, ein vereintes Europa."
Der Schauspieler Brandauer ist auch sehr dafür, dass wir das hinkriegen mit Europa: "Es hängt immer auch von den Akteuren ab: Der Kaiser Ferdinand, der früher Erzherzog in Tirol war, ist eben nicht nur mein Kaiser, sondern - möglicherweise - mein innigst geliebter Spezi aus Jugendtagen."
Mein Kaiser, mein Spezi. Und dazu dieses plötzliche Feuer in Brandauers Augen. Wie eine Verwandlung. Aus dem Menschen Klaus Maria Brandauer, der in seiner Stube in Altaussee sitzt und über den Wallenstein spricht, ist der Schauspieler geworden, der den Wallenstein spielt. Nein, es sitzt da längst Wallenstein selbst und erzählt von Europa und von seinem geliebten Spezi, dem Kaiser Ferdinand.
Operette, verdammt nochmal
Auf der Bühne hat Wallenstein 45 große Minuten, um sich und seine Welt zu entfalten. Dann muss er noch einmal für eine Stunde und 15 Minuten in die Garderobe. Brandauer liegt dann auf dem Sofa, hört Musik, die Beatles, Elvis, die Piaf.
Manchmal brauche er, um sich zu stimulieren oder mit sich ins Reine zu kommen einen Beethoven oder einen Mozart und manchmal einen Gershwin, manchmal sogar die Operette, "Robert Stolz, verdammt nochmal". Manchmal lässt er sich massieren. Oft kommen seine jungen Mitspieler in die Garderobe: "Der Max Piccolomini, auch die Thekla. Dann reden wir ein bisschen und flapsen. Aber, sobald ich denke, jetzt muss ich wieder allein sein, brauche ich nichts sagen."
Brandauer macht eine lange Pause und sagt dann: "Die spüren das und gehen." Und damit hat Klaus Maria Brandauer, der auch ein großer und von seinen Schülern heißgeliebter Schauspiellehrer ist, seiner Besucherin vorgeführt, wie wichtig Pausen beim Sprechen sind.
"Die Pausen, das Zuhören, das ist die größere, wichtigere Aufgabe von dem, was wir machen. Im Zuhören formulieren, denken, was man dann darauf antworten kann. Erst aufnehmen, was der andere sagt. - Und, wenn niemand da ist, weil es ein Monolog ist, muss das auch gelingen. Eigentlich müsste ich mich auf die Bühne setzen und dieses: ´Wär´s möglich? Könnt´ ich nicht mehr, wie ich wollte?´ nur denken, ohne dass man mich hört. Und die Leute müssten trotzdem wissen, um was es geht. Wenn mir das jemals gelingt, geh ich ab vom Theater.
Vorerst aber bleibt Wallenstein auf der Bühne. Bis zum: "Ich denke, einen langen Schlaf zu tun, / Denn dieser letzten Tage Qual war groß", seinem Schlusssatz. "Dann wirble ich nach hinten und werde umgebracht. Und dann bekommen meine beiden Mörder einen Schluck Bier. Und ich auch. Wir haben ungefähr fünf Minuten, bis die zwei mich rausziehen, mit diesem Gefühl: Vielleicht haben wir den Falschen umgebracht?"
Und dann? "Ich liege da und bin tot. Und manchmal erlaube ich mir dann so einen kleinen Rülpser, das hat mit meiner Konzentration, eine Leiche zu sein, gar nichts zu tun. Im Gegenteil. Es ist gerade die Duplizität: Das Nichts. Das Ich-kann-das, ich bin tot. Aber wie ist das? - Und dann liege ich da, es steigt nach zehn Stunden Theater in dieser Kindl-Brauerei der Duft des Bieres durch meinen Bart in meine Nase, und ich denke: Heute ist die 13. Vorstellung, jetzt haben wir es noch sieben Mal. War eine tolle Zeit. Und ich bin ganz sicher: Es gibt keine Defizite bei jedem der Zuschauer, der gut aufgepasst hat. Diese Inszenierung ist wie Mathematik. Fünf und vier ist neun, und zwei ist elf, weniger 13 ist minus zwei. Und das ist der einzige Theatergedanke, den ich akzeptiere: Es darf, unabhängig von der Bildung, niemand ausgeschlossen sein. Diese Solidarität muss ein schreibender und auch der ausführende Künstler haben. Und dann kommt der Applaus, anderthalbtausend Menschen wollen endlich stehen und sich und uns feiern."
Es war ein wenig dunkel geworden in Altaussee über diesem Letzten-Bäuerchen-Monolog des toten Wallenstein. Brandauers Bauernstube war wie verschwunden. Und die Besucherin hatte für eine Weile vergessen zu atmen. Mittwoch am Telefon aber mussten dann doch noch ein paar Fragen gestellt werden: "Im Rollstuhl? Wie soll das funktionieren, Herr Brandauer? Wie zum Beispiel sollen Ihre beiden Mörder den Wallenstein auf die Bühne ziehen, wenn Sie mit Gipsbein im Rollstuhl sitzen? Und wie...?"
"Fragen Sie doch bitte nicht so konkret. Es ist eine Uraufführung. Das ganze Leben ist eine Uraufführung. Jeder Theaterabend ist eine Uraufführung. Das wird dann eben eine besondere Uraufführung. Das Licht wird angehen. Dann fangen wir an. Und am Ende, zehn Stunden später, wissen wir, wie es gewesen ist."
In seinem Roman „Canale Mussolini“ erzählt Antonio Pennachi von der Trockenlegung der pontinischen Sümpfe im italienischen Faschismus. Jetzt lesen ...
(SZ v. 22./23.9.2007)