Klassikkolumne Rundumschlager

Jonas Kaufmann singt französische Opernarien. Wie sie klingen müssten, führen aber vor allem die Duopartner des Startenors vor. Daneben präsentieren die Komponisten Thierry Escaich und Silvan Loher beachtliche Neuerscheinungen.

Von Michael Stallknecht
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Bei Amazon gehört seine neueste CD bereits fünf Tage nach der Veröffentlichung zu den Bestsellern. Keine Frage: Jonas Kaufmann ist der gesuchteste Tenor der Gegenwart. Er muss deshalb als Universalist herhalten, der italienische, deutsche und französische Partien gleichermaßen singt. "L'Opéra" heißt die neue Platte, auf der sich Kaufmann nicht einmal innerhalb der französischen Oper beschränken mag (Sony). Stattdessen präsentiert er einen Rundumschlag der beliebtesten Arien vom lyrischen (Massenets "Werther", Thomas' "Mignon") bis zum dramatischen (Halévys "La Juive") und heldischen Fach (Berlioz' "Les Troyens"). In Artikulation und agogischer Gestaltung klingt er dabei sehr idiomatisch, zumal er im Bayerischen Staatsorchester unter Bertrand de Billy stilsichere Unterstützung hat. Nur grenzt sich die französische Gesangstradition unter anderem dadurch von der deutschen und der italienischen ab, dass die Höhe immer besonders leicht und duftig klingen sollte. Der Sänger darf nicht einzelne Spitzentöne ausstellen, sondern muss Brust- und Kopfregister zu einer feinen voix mixte überblenden. Das ist nicht gerade Kaufmanns große Stärke. Im Übergang zwischen den Registern klingen hier viele Töne eng oder gar heiser, sind unschön aus dem Hals heraus gestützt. Je schwerer Kaufmann gegen Ende des Albums zulangen darf, desto mehr singt er sich frei. In den Duetten aus Bizets "Perlenfischern" und Massenets "Manon" lassen dagegen eher die hinzueilenden Duopartner Ludovic Tézier und Sonya Yoncheva hören, wie elegant französische Musik klingen kann.

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Mit Beginn dieser Spielzeit wird der Kroate Ivan Repušić Chefdirigent des Münchner Rundfunkorchesters. Zum Einstand bringt der BR im hauseigenen Label schon mal den Mitschnitt eines Konzerts heraus, in dem Repušić im März den BR-Chor und sein neues Orchester dirigiert hat. Zu hören ist neben Maurice Duruflés Requiem eine echte Rarität: Ottorino Respighis "Concerto gregoriano" ist im Grunde ein klassisch virtuoses Violinkonzert, für das sich der Komponist aber von mittelalterlicher Gregorianik inspirieren ließ. Henry Raudales spielt den ziemlich redseligen Solopart mit süffigem Ton und der nötigen Portion Schmalz. Das Münchner Rundfunkorchester beweist erneut seine erstaunliche stilistische Bandbreite, die sicher auch der neue Chef weiterverfolgen wird.

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Klassische Formmodelle und Zitate älterer Musiken bezieht auch der französische Komponist Thierry Escaich in sein Schaffen ein, freilich viel eigenständiger als Respighi. Auf der Platte "Baroque Song" (Sony) greift er zum Beispiel die barocke Konzertform sowie mit seinem Klarinettenkonzert das romantische Virtuosenkonzert auf. Doch Escaich unterminiert und übermalt diese Formen, bis er sie sich völlig anverwandelt hat. Zu hören ist eine Musik von hektischer Unruhe, ja panikartiger Nervosität. Escaich liebt rasende Motorik und drastische Akzente. Im Klang des Orchestre de l'Opéra National de Lyon scheinen sich die Farben geradezu übereinander zu türmen. Dabei erreichen die Kompositionen eine energetische Dichte und rhythmische Schlagkraft, die durchaus der eines Igor Strawinsky nahekommen.

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Ungewöhnlich innerhalb der zeitgenössischen Klassik erscheint die Platte "Night, Sleep, Death and the Stars" mit Klavierliedern des Komponisten Silvan Loher (Odradek). Der junge Schweizer vertont die gewählten Gedichte von Mascha Kaléko und Walt Whitman nämlich strikt tonal. Nun ist ein Dur- oder Mollakkord in der Neuen Musik schon lange kein Tabubruch mehr. Aber dass einer ganz in der alten Funktionsharmonik neue Lieder schreibt, ist doch selten. Im Gegensatz zu sonstigen neotonalen Musiken zum Beispiel im Crossover-Bereich oder bei manchen Traditionalisten des 20. Jahrhunderts klingt Lohers Musik dabei nicht kitschig oder sentimental. Dafür setzt er seine Mittel zu ökonomisch ein, bewahrt gerade durch Verknappung strukturelle Klarheit. Der Singstimme der Mezzosopranistin Silke Gäng fallen Melodien zu, die sinnfällig und zugleich im Detail überraschend sind. Der Klavierpart, den Marco Scilironi spielt, greift die Atmosphären der Gedichte auf, ohne in plattes Illustrieren zu verfallen. Am ehesten erinnert das Ergebnis an Chansons der 20er- bis 40er-Jahre, etwa bei Kurt Weill. Also doch nur eine Stilkopie oder einfach ein normales Stück Neuer Musik? Die an dieser Stelle zu diskutierenden Fragen wären so komplex, dass sie jeder Hörer für sich selbst beantworten mag.