Klassikkolumne Entdeckungen

Wenn man als Mozarts Sohn geboren wird - und komponiert: Das ist schwer. Aber die Pianistin Yaara Tal macht es uns leicht mit Franz Xaver Mozarts Polonaisen.

Von Julia Spinola

Es ist immer wieder erstaunlich, an welch dünnem Schicksalsfädchen Musikerkarrieren hängen. Begabung, Ausbildung und Durchsetzungskraft allein garantieren noch lange keinen künstlerischen Erfolg. Allerlei kontingente Faktoren spielen mit hinein, die Entscheidungen von Kritikern und Impresarios stricken eifrig mit an einer Interpretenlaufbahn, und im vergangenen Jahrhundert wurden dem blühenden europäischen Musikleben zudem durch Weltkriege, NS-Herrschaft, Verfolgung und Emigration dramatische Wunden geschlagen. Bis heute tauchen unbekannte Kostbarkeiten in den Archiven auf.

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So ist die polnische Pianistin Maryla Jonas, die 1959 im New Yorker Exil starb, bislang nur einem kleinen Kreis von Klavierbesessenen bekannt. Sony hat ihre gesammelten Schallplatten für Columbia Masterworks von 1946 - 1953 neu gemastert und unter dem Titel "The Maryla Jonas Story" in einer Box gebündelt. Die Aufnahmen zeugen von einer außergewöhnlichen, eigenwilligen, sich hoch persönlich artikulierenden Musikerin, die sich auf musikalische Miniaturen spezialisiert hatte und hier vor allem auf das Klavierwerk Chopins. 1911 in Warschau geboren, als musikalisches Wunderkind von Ignacy Paderewski und Emil von Sauer gefördert, konzertierte Jonas bald in ganz Europa. 1939 wurde sie von der Gestapo in Warschau verhaftet, als sie sich weigerte, in Deutschland aufzutreten. Ein deutscher Offizier, der sie auf einer ihrer Konzertreisen gehört hatte, bewirkte ihre Freilassung und riet ihr, bei der brasilianischen Botschaft in Berlin um Hilfe zu bitten. Jonas schlug sich zu Fuß von Warschau bis Berlin durch und gelangte mithilfe von gefälschten Papieren nach Rio de Janeiro. Nach den Strapazen der Flucht, der Nachricht vom Tod ihrer Eltern, ihres Bruders und ihres Mannes und einem Nervenzusammenbruch sah sie sich außerstande, wieder Klavier zu spielen. Es war ihr Landsmann und Kollege Arthur Rubinstein, der ihr zurück aufs Podium verhalf. Ihr Debüt in der Carnegie Hall gab sie 1946 vor beinahe leerem Saal, wurde jedoch vom anwesenden Kritiker der New York Times "entdeckt", sodass sie fünf Tage später im ausverkauften Haus als neues Pianistenwunder bejubelt wurde. Doch die Flucht hatte ihre Gesundheit ruiniert. Maryla Jonas starb im Alter von nur 48 Jahren in New York. Ihre Chopin-Mazurken zählen zu den aufregendsten Einspielungen dieser Stücke, sie haben alles, was es braucht: Prägnanz und Farbigkeit, eine souveräne Freiheit der Gestaltung, Geistesaristokratie und Zartheit, Glanz und Geheimnis. Die potpourrihaft versammelten Miniaturen von Virgil Thomson, Mendelssohn, Villa Lobos, Alfredo Casella und Rameau verströmen den Charme von Spieldosenzaubereien - Maurice Ravel hätte seine Freude daran gehabt. Schuberts Tänzen D 365 raubt der gestalterische Zugriff indes die Unschuld und Schumanns "Kinderszenen" offenbaren die Gefühlsschwankungen einer traumatisierten Seele.

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Eine Wunderkindentdeckung hat auch die Pianistin Yaara Tal gemacht. Auf ihrer neuen CD hält sie ein brillantes pianistisches Plädoyer für den jüngsten Mozart-Sohn Franz Xaver, dem von seiner ehrgeizigen Mutter Constanze die erdrückende Aufgabe zugedacht worden war, das Erbe des unerreichbaren Vaters weiterzutragen. Im Alter von 17 Jahren brach Franz Xaver Mozart aus der familiären Enge aus und zog nach Galizien, wo er als Klavierlehrer in den Dienst eines reichen polnischen Grafen ging. Musikalisch war es ein drängender Aufbruch aus dem Bezirk der Klassik hinein in ein sehnsuchtsvolles neues Ausdrucksterrain. Die zwischen 1811 und 1818 komponierten Polonaisen, die Yaara Tal mit all ihrem pianistischen Gestaltungsreichtum zu anrührenden Herzensoffenbarungen des jungen Mozart-Sohnes formt, weisen schon den Weg zu den zauberhaften Jugend-Polonaisen, die Frédéric Chopin im Alter von 11 bis 19 Jahren schrieb (Sony).

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Zeitgleich bringt das Klavierduo Yaara Tal & Andreas Groethuysen unter dem Titel "Colors" eine CD mit selten gespielten Bearbeitungen von Debussy- und Strauss-Werken heraus, in denen es musikalischen Furor, pianistische Perfektion und überschäumende Lebendigkeit walten lässt (Sony). Von Debussys "Prélude à l'après-midi d'un faune" und "La Mer" bis zum Schleiertanz aus der "Salome" vermisst man das Orchester in keinem einzigen Takt. Ganz im Gegenteil: So elektrisierend gespielt wie hier scheint die gesamte kompositorische Substanz der Stücke in diesen Klavierfassungen auf eine Weise intensiviert und konzentriert zu sein, dass man sie vorerst gar nicht anders hören will. Und wie nebenher werden auch unerwartete musikalische Verwandtschaften beider Komponisten hörbar.