Klassik Subtilität? Pfeif drauf!

Der deutsche Tenor Jonas Kaufmann hat sich ein beeindruckendes Arbeitspensum verordnet.

(Foto: Robert Haas)

Jonas Kaufmann bringt ein reines Puccini-Album heraus und landet damit auf Anhieb in den Top-Ten der Popcharts.

Von Egbert Tholl

Diese CD darf man bei der nächsten Signierstunde nicht vergessen: "Nessun dorma - das Puccini-Album". Jonas Kaufmann singt Arien von Puccini, aus ganz frühen Opern bis zur letzten, "Turandot", und jede einzelne Nummer wird zu einem Postulat der Emotion. Für Kaufmann war Puccini der Hit-Lieferant mit den dicken Autos und den schönen Frauen, wie "Madonna heute", nur ein bisschen besser vielleicht. Und so singt er, mit Unterstützung durch die hier hochdramatische Sopranistin Kristine Opolais und zwei finsteren Bassisten, dann diese Arien: Jede wird zu einem unzweifelhaften Abräumer, auch jene aus entlegeneren Werken. Mit einer Ausnahme: Eine Arie aus "Edgar" beweist, dass auch Puccini nicht immer Zündendes eingefallen ist und er sich dann mit kompositorischen Versatzstücken behalf.

Diese CD sollte man sorgsam dosiert anhören, die Stürme der Emotionen sind gewaltig

Kaufmann investiert ungemein viel Kraft, wuchtet seine Stimme von ihrem festen, runden Bariton-Fundament in die Höhe, alles gelingt, alles bleibt geschmeidig, doch hat man dabei manchmal Angst um ihn. Begibt er sich dann ins Leise, ins Piano, wird es sofort rührend, wie bei "Torna ai felici di" aus "Le Villi" - ein ganz und gar todtrauriges Erlebnis, dessen Orchesternachspiel in finsterste Abgründe führt. Eigentlich bräuchte man danach ein Verschnaufpause; ohnehin scheint es besser, diese CD mit ihren unterschiedlichen Stürmen der Emotionen in sorgsam ausgewählter Dosierung zu hören, sonst läuft man Gefahr, dass das eigene Gemüt Schaden nimmt.

Die Auswahl ist durchaus ungewöhnlich, "Tosca" ja, aber nur die Auftrittsarie des Cavaradossi, nicht "E lucevan le stelle", einiges aus "La fanciulla del west". Im Booklet schreibt Kaufmann über die Stücke, sehr persönlich, erklärt, weshalb er so lange "Nessun dorma" nicht singen wollte - er hörte damit die "Drei Tenöre" bei der Fußball-WM in Rom und kniete vor Ehrfurcht nieder. Die CD gibt es auch als Deluxe-Variante, da ist dann eine DVD mit dabei, Kaufmann in Rom, vor der Engelsburg, wo die "Tosca" endet, Kaufmann bei den Aufnahmen mit Antonio Pappano und dem Orchester der Santa Cecilia, seiner Wunschkombination. Frei wirkt er bei den Aufnahmesessions, völlig mit sich und der Musik im Reinen, aber auch hochgradig angespannt, im ganzen Körper, in jeder Geste. Hier sieht man, was man auf der CD hört, hier bekommt man einen Eindruck von Kaufmanns physischer Anstrengung beim Singen, die immer wieder, gerade wenn es ums eher Heldische geht, beeindruckt, aber eben auch Raubbau am eigenen Körper ist. Und Pappano folgt ihm mit vollem, geschmeidig abgeschmecktem Klang. Subtilität? Pfeif drauf! Die Wucht des Gesangs und die der Musik werden weitgehend eins, wobei Papano sorgsam darauf achtet, den Gesang nicht zu überdecken. Gerade in den Nachspielen dreht das Orchester gewaltig auf, doch im Inneren der Arien, dort, wo Puccini die Gesangslinie stets instrumental doppelt, gibt Pappano Raum für Kaufmanns Stimme, für deren manchmal umwerfend strahlenden, stählernen Kern, für manchen kleinen, geschmackvollen Schluchzer, für dunkel leuchtende Lyrik.

Die mediale Präsenz Kaufmanns geht fröhlich weiter: Am 8. Oktober kommt ein Konzertfilm in die Kinos, über jenen Auftritt, der vor allem in Italien Schlagzeilen machte: Am 14. Juni 2015 gab er einen Solo-Abend an der Mailänder Scala, nur Puccini, fünf Zugaben, 40 Minuten Applaus. Damals bewahrheitete sich, wovon Kaufmann auch auf seiner "Nessun dorma"-CD spricht: Puccini liefert das Futter für Popstars. Was er noch nicht ahnen konnte, als er diese Worte einsprach: Das Puccini-Album, in Deutschland seit dem 11. September erhältlich, steht inzwischen auf Platz zehn der Pop-Album-Charts, vor Motörhead und hinter Sarah Connor. Da passt es auch, dass Kaufmann gerade bei der "Last Night of the Proms" in London sang. Natürlich Puccini, aber auch, als erster Deutscher dort, "Rule, Britannia!".

Derzeit gibt Kaufmann, der Unermüdliche, gerade ein weiteres Debüt. Zum ersten Mal singt er den Radamès aus Verdis "Aida" in einer szenischen Produktion der Bayerischen Staatsoper in München. Als er während der Salzburger Festspiele die Puccini-CD vorstellte, sprach er auch über sein Arbeitspensum und meinte, sollte ihm einmal der Gedanke kommen, er könnte drei Monate frei nehmen, sei dies alarmierend. Weil ihm dann das Singen keinen Spaß mehr machte. Davon ist er noch weit entfernt.