Klassik Mit List und Liszt

"Das Klavier hat immer eine größere Aufgabe, als Klavier zu sein": Sophie Pacini und ihr Lieblingsinstrument.

(Foto: Roland Breitschuh/Warner Classics)

Sophie Pacini erlebt eine steile Karriere: Die Münchner Pianistin ist erst 25, hat bereits einen Echo gewonnen und spielt beachtete Konzerte in ganz Europa

Von Rita Argauer

Bei Sophie Pacini liegt die Kraft sehr tief. Schon mit den ersten Tönen von Beethovens "Waldstein-Sonate" nimmt sie keine Rücksicht auf eine angenehme Oberfläche. Damit eröffnet die 25 Jahre alte Pianistin ihr Major-Debüt-Album, das im Herbst erschienen ist und auf dem sie Beethoven mit Liszt kombiniert. Ihre linke Hand, die Bass-Hand, ist dabei von einer derartigen Kraft, dass sie permanent auf einen gähnenden Abgrund verweist; ungewöhnlich und einnehmend.

Wenn Sophie Pacini nicht gerade Beethovens "Waldstein-Sonate" über dem Abgrund schweben lässt, ist sie eigentlich ganz geradlinig, offen und unverblümt. Obwohl die Münchnerin 2015 einen Echo gewonnen hat, beachtete Konzerte spielt und eine recht innige Freundschaft mit Martha Argerich führt - die, wenn sie in München gastiert, bei Pacini zu Besuch ist und mitten in der Nacht auf deren E-Piano übt. Hinzu kommt ihre ungewöhnliche Jugend, samt Jungstudium am Mozarteum in Salzburg, Gymnasiumsbesuch in München, Wettbewerbs-Gewinne und all die Schwierigkeiten, die eine solche Jugend, in der man schon derart exponiert eine Sache besonders gut kann, mit sich bringt.

Dass Pacini mit dem Klavierspielen begann, ist unspektakulär. Der Vater hatte in der Jugend in Italien Klavier gespielt, es dann aber aufgegeben. Ein unbefriedigter Wunsch, den die Mutter dem Vater erfüllte, indem sie ihm in München ein Klavier schenkte. Die Tochter war zu dem Zeitpunkt fünf Jahre alt, der Vater nahm sie mit zum Klavierunterricht. "Als ich acht Jahre alt war, hat mein Vater das Handtuch geworfen", erzählt Pacini heute, sie habe ihn damals überholt gehabt. Zu der Zeit empfahl sie ihre Münchner Klavierlehrerin an Karl-Heinz Kämmerling nach Salzburg. Von da an studierte sie in dessen Meisterklasse. "Ich war damals etwas unbedarft und neugierig", sagt sie, "ich wollte das einfach machen".

Also fuhr Pacini alle zwei Wochen nach Salzburg. Die Eltern waren erfreut über das begabte Kind, hätten sie aber nie gedrängt. "Die waren eher schüchtern", sagt sie, die mit ihren Eltern die Musik gemeinsam entdeckt hatte und sie nicht - wie in so vielen anderen Musikerbiografien - in die Wiege gelegt bekommen hatte. Mit der Pubertät spürte sie das Stigma der Begabung. Auf dem musischen Pestalozzi-Gymnasium - die Mutter hatte sich extra erkundigt, immerhin musste die Tochter für insgesamt zehn Wochen im Jahr von der Schule freigestellt werden, um Kämmerlings Meisterkurse zu besuchen - erfuhr sie Neid. Von den Lehrern als "Tastentitan" aufgezogen, fühlte sich Pacini wie eine "Außerirdische", habe jedoch eigentlich immer "normal" sein wollen. Später wechselt sie auf das Gymnasium Max-Josef-Stift. Dort habe sich ihr Verhältnis von Normalität und Außergewöhnlichkeit verbessert, insofern man bei einem Tagespensum von normalen Schularbeiten, Schulbesuch und stundenlangem Klavierüben von Normalität sprechen kann. Außerdem hat sie zu der Zeit auch noch Cello gespielt.

Ein Grund vielleicht für ihre dominante linke Hand beim Klavierspiel. Und vielleicht auch für ihr leicht überhöhtes Verständnis vom Instrument Klavier, das ihrem Spiel etwas leicht Extravagantes gibt. "Klaviermusik ist orchestral", sagt sie. Und: "Das Klavier hat immer eine größere Aufgabe, als Klavier zu sein." Sie sieht das Instrument symphonischer als das Cello etwa. Dass es ihr dabei im Spiel jedoch wichtig ist, nicht polemisch zu spielen, sondern harmonisch warm zu bleiben, rückt auch ihre Musik in einen besonderen Zwischenraum: Pacini lädt durchaus Emotionen in ihr Spiel, die Interpretations-Dogmatiker vielleicht ablehnen würden. Gleichzeitig behält sie in feinem gestalterischen Bewusstsein die Kontrolle über diese Gefühle. Pacini ist keine, die an ihrem Überschwang ersäuft. Ihr Überschwang erzählt selbstbewusst von Tieferem.

Das dürfte auch Martha Argerich beeindruckt haben. Pacini war Fan der großen Pianistin. Klar, für ein 15-jähriges, klavierfanatisches Mädchen, ist Argerich ein tolles Vorbild. In München sah sie ein Konzert und drückte Argerich im Anschluss eine selbstgebrannte CD in die Hand, worauf Paccini die "Waldstein-Sonate" spielte. Nach einiger Zeit, am 26. Juli 2010 (Pacini hat ein beeindruckendes Gedächtnis), traf sie Argerich in Italien. Besser, Pacini zwang Argerich, sie zu treffen. In einem kleinen toskanischen Dorf, in dem sie mit ihrer Familie Urlaub machte, trat Argerich bei einem Festival auf. Pacini belagerte das Hotel und überredete Argerich dazu, ihr vorspielen zu dürfen. Als Argerich irgendwann zustimmte, fiel alle Demut von Pacini ab, und sie spielte Liszts h-Moll-Sonate. Ein überanspruchsvolles, halbstündiges Werk. Und Argerich hörte zu, klappte ab der Hälfte den Flügel auf, bestätigte Pacinis Spiel und wurde zur Freundin und Beraterin.

Mit deren Zustimmung im Rücken präsentiert sich Pacini nun im Rahmen der Norm eines jungen Klavierstars, aber dabei auch immer ein Stück näher an der Grenze zum Extraordinären als in der Mitte der Norm. So ist auch ihr Album. Beethoven zu spielen, ist nicht so süß, wie Labels junge Klavierspielerinnen gerne vermarkten. Die Kombination mit Liszt, etwa mit dessen Transkription der Tannhäuser-Ouvertüre, ist ebenfalls ein kleines bisschen gewagt. "Liszt kann neben Beethoven stehen", sagt sie jedoch, denn Liszt sei weit mehr als ein "Tastenclown". Sie mag die Herausforderung, auch für den Hörer. Und fügt an: "Auch bei Beethoven muss man graben." Das tut sie auf diesem Album in jeden Fall schon ziemlich tief.

Sophie Pacini, Mittwoch, 8. Februar, 19.30 Uhr, Polling, Bibliothekssaal