Klassik I Ein Stuhl, ein Tisch, ein Wunder

Spielen, aufstehen, Schluck Wasser, weiter spielen: Yo-Yo Ma.

(Foto: Peter Meisel)

Ein Ereignis, wie es auch die klassikverwöhnte Stadt München nur ganz selten erlebt: Der große Yo-Yo Ma spielt alle sechs Cellosuiten von Johann Sebastian Bach und "Don Quixote" von Richard Strauss.

Von Michael Stallknecht

Das Publikum tobt, als Yo-Yo Ma nach dem "Don Quixote" von Richard Strauss seinen Bogen weglegt. Klar: Der Cellist, einer der wenigen echten Weltstars der Klassik, muss Zugaben geben. Also spielt er zuerst das sehr französische zweite Zwischenspiel aus der Oper "Don Quichotte" von Jules Massenet gemeinsam mit dem BR-Symphonieorchester. Dann aber schnappt er sich den jungen Cellokollegen Maximilian Hornung aus dem Orchester und spielt mit ihm lateinamerikanische Tanzmusik.

Es ist in der Klassikberichterstattung zum Klischee geworden, von der Bescheidenheit eines Stars zu schwärmen. Bei Yo-Yo Ma aber trifft es zu: Da will einer offensichtlich nur Musik machen, in so unterschiedlichen Stilen und mit so unterschiedlichen Menschen wie nur möglich. Der in Frankreich geborene, in New York aufgewachsene Sohn chinesischer Eltern gehört zu den auch medial präsentesten Musikern Amerikas, dessen beste Tugenden er verkörpert: Kommunikation auf Augenhöhe, schnörkellose Konzentration auf die Sache und Neugier auf die unterschiedlichsten kulturellen Einflüsse. Mit seinem Projekt "Seidenstraße" hat er einst Musiker aus ganz verschiedenen Spieltraditionen der Welt zusammengebracht. In der Münchner Philharmonie war er nun mit zwei Programmen zu hören, die unterschiedlicher kaum hätten sein können: den sechs Suiten für Cello solo von Johann Sebastian Bach und dem spätromantischen "Don Quixote".

Strauss illustriert darin auf kompositorisch kunstvolle, künstlerisch aber teils ziemlich naive Weise die bekanntesten Episoden aus Cervantes' Roman. Das Cello verkörpert den Titelhelden, eine Solobratsche Sancho Pansa, und der riesige Orchesterapparat muss auch für einige derbere lautmalerische Effekte herhalten. Doch hat das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter dem Chefdirigenten Mariss Jansons gerade für Strauss ein wundervoll leichtes Händchen entwickelt. Gemeinsam gelingt ihnen ein Strauss, der elegant klingt, manchmal fast kokett und der stilistisch mehr mit dem Pointilismus der Jahrhundertwende gemein hat als mit der Historienmalerei des 19. Jahrhunderts. (Im zweiten Teil des Abends wird Jansons noch eine ebenso gut austarierte Achte Symphonie von Antonín Dvořák realisieren.)

Und Yo-Yo Ma? Nimmt sich hier durchaus die Position des Solisten des führenden Solisten, wie sie Strauss fordert, kämpft mit viel Körpereinsatz nicht nur gegen die Windmühlen, sondern auch gegen die Orchesterwogen hinter ihm. Ma zeigt keine Scheu vor dem großen Ton mit sattem, aber geschmackvollem Vibrato. Doch wenn Don Quijote von seiner Dulcinea träumt, dann gibt er ihm auch die feingesponnene Kantilene mit auf die Reise. Es ist ein Meisterstück musikalischer Charakterzeichnung. Wie mit dem Silberstift erfasst Ma den Grundriss eines Träumers, der sich immer schon wegsehnt aus dieser Welt, an der er sich zu hart abrackert. Auch deshalb berührt der Schluss, der Don Quijotes Tod schildert. Immer leiser und langsamer wird Ma, bis der Ton ganz versiegt. Das ist ein enormes Risiko, weil die Aufmerksamkeit des Publikums reißen, das Spiel ins Sentimentale abgleiten könnte. Bei Ma aber reißt nichts und gleitet nichts ab. So uneitel dieser Musiker wirkt, so genau scheint er zu wissen, was er tut.

Es ist diese Mischung aus Risikofreudigkeit und Reflektiertheit, aus der heraus Ma am Abend zuvor gewagt hatte, was sich nur sehr wenige Cellisten trauen: die sechs Bachschen Cellosuiten mit nur einer kurzen Pause aufzuführen. Sechs Jahre alt war der heute 60-jährige Ma, als er zum ersten Mal eine der Suiten öffentlich spielte. Seitdem hat er sie bereits zweimal auf Platte vorgelegt. Sie am Stück in einem Raum mit mehr als zweitausend Plätzen zu spielen, bedeutet dennoch ein enormes Risiko, schon akustisch. Doch Mas Ton - schlank und doch durchschlagskräftig, geschmeidig und kraftvoll, auf klassische Tonschönheit zielend, aber sich nicht zum Selbstzweck erhebend - hört man mühelos auch in der oberen Hälfte des Raums. Dabei wählt Ma erstaunlich oft pianissimo-Farben, wird auch hier gegen Ende hin leise, nicht lauter, bleibt betont reflektiert statt auf verführerische Virtuosität zu setzen.

Zuvor aber schöpft er drei Stunden lang die ganze Bandbreite an Farben aus, die auf einem einzelnen Instrument möglich sind. Dabei geht Ma nicht in die Extreme, bleibt auch mit dem Vibrato bei Bach selbstverständlich viel vorsichtiger als bei Strauss. In seinen schnellen Sätzen bleiben die Einzeltöne noch immer klangvoll, und die langsamen Sarabanden behalten einen spürbaren Puls. Ma kann herrlich rasen und ebenso herrlich ruhen. Aber nichts wird ins Effektheischende übersteigert, nichts rutscht ins Sentimentale ab.

Ein Ereignis, wie es auch eine klassikverwöhnte Stadt wie München selten erlebt

Er setzt denn auch nicht so deutlich auf das tänzerische Moment, wie es stärker an der historischen Aufführungspraxis orientierte Musiker manchmal tun. Nur die beiden (seinerzeit) moderneren Tänze, die Bach regelmäßig vor der abschließenden Gigue einlegt, nimmt Ma rhythmisch meist etwas pointierter. Doch die eigentliche Spannung entsteht bei ihm aus der Stimmigkeit der Proportionen, mit der hier Tempi und Rhythmen einander begegnen. Ma tanzt mit dem Geist, nicht mit dem Fuß. Er hält die Spannung über die Gestaltung von Zeit, die er antreibt oder anhält, über einen subtilen Sinn für die harmonischen Verläufe, die er auch in der Intonation genau aushorcht. Dass ihm in der heikel liegenden letzten Suite doch die Intonation einige Male entgleitet, zeigt denn auch nur, welcher Kraftakt dieser Abend ist. Schließlich hat Bach diese sechste Suite eigentlich für ein anderes Instrument geschrieben, ebenso wie er für die fünfte das Umstimmen des Cellos vorsieht.

Yo-Yo Ma tut nichts davon, er spielt alle sechs Suiten in der selben Stimmung auf dem "Davidoff" aus dem Haus Stradivari, das einst Jacqueline du Pré gehört hat. Das macht den Abend noch puristischer, hält selbst die kleinsten theatralen Elemente von ihm fern. Es ist diese Konzentration auf das Wesentliche, die die größte Faszination ausmacht. Nach jeder Suite steht Ma kurz auf, nimmt manchmal einen Schluck Wasser, setzt sich wieder und spielt sofort weiter. Das strahlt eine Gelöstheit aus, eine innere Ruhe, die sich schnell aufs Publikum überträgt. Zweitausend Leute werden still, als er zu Beginn die Bühne betritt, und sie werden über drei Stunden hinweg immer stiller werden. Ein einzelner Stuhl, ein kleines Tischchen, ein Mann mit seinem Instrument: Eine Urszene des Musizierens - und ein Musikereignis, wie es auch eine klassikverwöhnte Stadt wie München nur selten erlebt.