Klassentreffen mit Al Pacino Als Hollywood noch Cojones hatte

Als Al Pacino 1983 im Film "Scarface" zum kubanischen Gangsterkönig mutierte, war das noch zu viel für den guten Geschmack. Heute lässt sich das Team von damals für seinen wiederveröffentlichten Klassiker feiern - und Pacino ist ganz der Filmstar, den man sich wünscht.

Von Anne Philippi

Los Angeles, Zentrum, hinterer Teil. Kaputter Teil. Hier liegen nur noch dustere Parking Lots - und das Belsaco-Filmtheater. Kein Hollywood-Zeichen in Sicht. Ein guter Ort für die ganz spezielle Familienfeier, die heute ansteht: "Scarface" wird endlich im Bluray-Format erscheinen - in der harten, ungeschnittenen Fassung. Und hier ums Eck würde Tony Montana, die Gangsterfigur, die Al Pacino damals geschaffen hat, heute leben. Illegal, versteht sich.

Die berühmte "Scarface"-Truppe feiert mit Al Pacino in Downtown LA die Veröffentlichung des berüchtigten Filmklassikers im Bluray-Format. Pacino präsentiert sich im neuen Look - und sagt: "Die Hip-Hop-Gemeinde hat uns gerettet."

(Foto: picture-alliance / Mary Evans Pi)

"Scarface" aus dem Jahr 1983, Regie Brian De Palma, Drehbuch: der junge, völlig zugekokste Oliver Stone. Lose basierend auf dem Howard-Hawks-Klassiker über Al Capone, aber doch vor allem: das erste große Narco-Drama der Neuzeit.

Pacino spielt einen Exil-Kubaner, der 1980 nach Miami rüber macht, und die Stadt ist ihm eine Pussy, die nur genommen werden will, und zwar hart. So avanciert er zum gefürchteten Drogenboss, stirbt dann aber in Jesus-Pose am eigenen Größenwahn. In der zweiten Hauptrolle: das Kokain. Oder "Yeyo", wie es im Kubanischen heißt.

Ein paar Jungs aus der Nachbarschaft lungern am roten Teppich herum, soweit es der Security-Mann erlaubt. Dann kommt Tony, ihr Idol. Pacino hat heute Abend Spitzenlaune, er präsentiert seinen neuen Look: Schwarze Hose, schwarzes Jackett, lockeres Satinhemdchen, Kette, Ringe, ein schwarzes Stirnband: irgendwo zwischen Keith Richards und Johnny Depp im Piratenlook, dreißig Jahre später.

Pacinos Teint ist schon nahe am Belmondo-Leder, seine Fingernägel sind ein bischen gelb, Nagellack ist es nicht. Sein Bauch blitzt ab und zu raus, wenn er die Hände zum Winken hebt. Für 71 Jahre ist der Bauch völlig in Ordnung.

Aufgeregt, offen, hysterisch

Pacino ist der Filmstar, den man sich wünscht. Keine Alterspanik, keine Wand zwischen sich und den Rollen, die gespielt werden, keine Antworten, die davon handeln, wie es dem Hund zu Hause geht. Und: Alle Fragen werden gefälligst beantwortet.

Das mexikanische Fernsehen hat am roten Teppich die dringendsten. Bitte, Herr Pacino, wie finden Sie denn den ganzen Narco-Krieg in Mexiko? Pacino antwortet zu leise, als das man mithören könnte, aber sein Gesicht ist das von Tony Montana: Aufgeregt, offen, hysterisch, Die beringten Hände fuchteln. Vom kühlen Michael Corleone aus "Der Pate" ist nichts zu sehen. Pacino ist stolz auf seine alte Kokain-Oper. "Scarface" hat ihn für immer an die härteste Gangster-Front geschickt.

Zum Klassentreffen ist Pacino natürlich nicht allein erschienen. Seine Kollegen und er laden zum Mini-Panel über ihr altes Meisterwerk. Auf der Bühne vier alte Männer, die noch aus den Zeiten des irrationalen Hollywood stammen. So ein Anblick ist heute selten. Die meisten amtierenden Stargesichter stehen momentan für Furzkomödien oder für Romantic Comedies, in einer Drogen-Sause spielt heute kaum jemand mit. Da ist der Agent erstmal dagegen.

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