Bisher ging die katholische Kirche davon aus, dass ihr der menschliche Makel irdischer Vertreter nichts anhaben könne. Warum es für eine solche Institution selbstzerstörerisch ist, sich zu entschuldigen.
Nichts beleuchtet den Einschnitt, den die Skandale um den Missbrauch Schutzbefohlener für die katholische Kirche bedeuten, so scharf wie das Bild von Priestern, die sich in der Öffentlichkeit für diese Taten entschuldigen und bei den Opfern um Verzeihung bitten; oder wie ein Bischof, der wegen öffentlich sichtbar gewordener Unwahrhaftigkeit seinen Rücktritt anbieten muss.
Bild vergrößern
Kniefall: Bischof Walter Mixa Anfang des Monats beim Betreten des Augsburger Doms. (© Foto: dpa)
Anzeige
Denn die Kirche hatte für Verfehlungen ihrer Amtsträger seit jeher selbstverständlich ihre internen Foren, zunächst Beichte und Bußen, aber auch die innerkirchliche Gerichtsbarkeit der verschiedenen Inquisitionen. Und das ist nicht nur eine rechtliche Frage im Verhältnis von Kirche, bürgerlicher Gesellschaft und Staat; die innere Verschlossenheit der kirchlichen Strafmechanismen war natürlich aufs Engste mit dem Selbstverständnis der Kirche und ihrem Begriff von Sünde verbunden. Beides hatte auf dem Marktplatz der bürgerlichen Öffentlichkeit nichts zu suchen.
"Ich liebe euch doch alle"
Die Kirche rechnete nämlich zu allen Zeiten mit der Fehlbarkeit und Sündhaftigkeit ihrer Träger. Größe und göttliche Substanz der apostolischen Kirche sollte ja gerade darin bestehen, dass ihr der menschliche Makel der irdischen Vertreter nichts anhaben konnte: Das priesterliche Charisma war nach strengen Regularien nicht zuletzt durch interne Bußmechanismen gesichert und außerhalb des kirchlichen Raums keinesfalls auch nur diskutierbar. Die katholische Kirche ist etwas Überindividuelles, darin nicht unähnlich den Kommunistischen Parteien. Nur findet der Mechanismus der Selbstkritik und Selbstreinigung, den der Kommunismus in der gelenkten Öffentlichkeit von Parteigremien vollziehen ließ, in der Kirche traditionell unter völligem Ausschluss von Öffentlichkeit statt.
So ging der katholische Priester seit Urzeiten noch vollständiger in seiner Organisation auf als der kommunistische Parteifunktionär in der seinen.
Wenn nun ein Pfarrer, ein Abt oder ein Bischof auf Pressekonferenzen, durch Briefe oder im Internet persönliche Verantwortung übernehmen, Bedauern ausdrücken und Reue bekunden oder gar, wie jetzt Walter Mixa, auf ihr Amt verzichten wollen, treten sie aus dem überindividuellen Schatten der Institution heraus. Sie machen sich als Einzelwesen kenntlich, und zwar nicht nur als Sünder vor Gott, sondern als Täter vor einem säkularen Publikum. Es geht auf einmal um die "Glaubwürdigkeit" der Kirche vor der Welt.
Das aber ist schon tödlich: Es ist ein in der bisherigen Kirchengeschichte vollkommen unüblicher, nach klassischem Verständnis ungeheuerlicher Vorgang, dessen umstürzende Qualität erst allmählich begriffen wird. Er ähnelt gewissen bizarren Vorgängen beim Untergang der kommunistischen Regimes vor zwanzig Jahren, als ein Machthaber wie Erich Mielke auf einmal vor live mitfilmenden Kameras stammelnd versicherte: "Ich liebe euch doch alle." Auch hier verschwand der Funktionär hinter dem nun allerdings sichtlich desorientierten Individuum.
Verfehlungen wider Gott
Was hat sich für die Kirche durch die Missbrauchsfälle verändert, dass einzelne ihrer Amtsträger zu so revolutionären Schritten genötigt sind? Traditionell konnte sie alle Sünden vor allem als Verfehlungen wider Gott behandeln; eine Rechenschaftspflicht gegenüber der säkularen Öffentlichkeit bestand dagegen nicht. Und der für solche gotteswidrige Sündhaftigkeit zuständige Urteils- und Strafmechanismus konnte daher in keinem irdischen Gesetzbuch oder diesseitigem Moralkodex beschlossen sein. Sünden sind Vergehen, deren Behandlung mit irdischer Gerechtigkeit nichts zu tun haben brauchte, auch nichts mit den Interessen von Geschädigten oder Opfern, denn hier ist Gott selbst der Verletzte; nur Gott kann Genugtuung verlangen und Verzeihung gewähren.
Lesen Sie weiter auf Seite zwei, wie Mixas Geständnisse beurteilt werden.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
- Walter Mixa tritt zurück Ein Bischof am Abgrund 22.04.2010
- Vorwürfe gegen Walter Mixa Des Bischofs steinernes Herz 17.04.2010
- Vorwürfe gegen Bischof Mixa Der Druck wächst 17.04.2010
- Interview mit Bischof Marx "Wer nichts ändern will, hat aufgehört zu leben" 22.04.2010
- Papst und Missbrauchsdebatte Schuld ist der Zeitgeist 14.03.2010
- Politik kompakt Lafontaine verteidigt Schäuble 14.05.2010
- Politik kompakt Ökumene durch Skandale gestärkt 12.05.2010
Brasiliens Präsidentin Roussef
...ist ein aufschlussreicher Vergleich: Katholizismus vs. Kommunismus. In der Zeit Breschnjew´s saßen senile Betonköpfe an den Schalthebeln der Macht - wie im Vatikan zu allen Zeiten.
Ich finde das sonderbar: Wenn sich Vertreter der Kirche, egal wer, nicht zum Problem äußern oder entschuldigen, werden sie heftigsten Vorwürfen ausgesetzt. Entschuldigen sie sich, dann wird frohlockt, dass ein quasi totalitäres System wankt!?
Ich bin überzeugt, dass Entschuldigungen nicht tötend sind, sondern heilend. Ich finde es nämlich grundsätzlich richtig, wenn sich jemand entschuldigt. Ob eine Einzelperson oder als Vertreter eine Institution, das ist im Grund egal. Ohne Vergebung würde keine Familie lang existieren, keine Freunschaft Bestand haben. Das wäre im Grunde eine herzlose Gesellschaft! Deshalb begrüße ich persönlich die vielen Entschuldigungen der Bischöfe, vorausgesetzt es gibt den Willen für einen Neuanfang.
Diese pauschalen Vergleiche mit einer totalitären Idee des Kommunismus´ empfinde ich darüberhinaus als unsäglich und verallgemeinernd. Ich bemängele und verurteile nicht nur Mißbrauch und falsches Verhalten in der Kirche, in Familien und in anderen Institutionen, sondern auch solch destruktive Kritik von Herrn Seibt. Vergleiche mit Totalitarismen (und da gibt es zwischen Naziideologie und real existierenden Sozialismus keinen Unterschied) werden in unserer Gesellschaft zurecht nicht geduldet, weil damit unsägliches Böses impliziert wird, dessen Vergleich die Opfer neu verhöhnt! An dieser Stelle enttarnt sich der offensichtlich lieblose und kalte Ungeist des Autors. Da sind mir, ehrlich gesagt, reuige Bischöfe lieber! Die leben wenigstens!
Diaula: bad_timing, "alle lieben"... gewiss, auch den Mixa, nach dieser Doktrin."
Ich hab nichts dagegen, dass die Kirche ihren komischen Mixa liebt. Im Gegensatz zum Homosexuellen David Berger, der sich nicht strafbar gemacht hat, hat Mixa vermutlich veruntreut, Körperverletzung begangen und gelogen. Aber bitte.
... gewiss, auch den Mixa, nach dieser Doktrin.
@Diaula
Die Kirche hat gefälligst alle Menschen zu lieben, sofern sie sich an Jesus orientiert.
Paging