Kino Zeit der Vorzeichen

Tamer El Saids "In den letzten Tagen der Stadt" - ein faszinierender Blick auf Kairo vor der ägyptischen Revolution.

Von Philipp Stadelmaier

Vor dem Abschied sitzen sie noch einmal zusammen, nachts, bei einem Bier, auf einer Terrasse über dem Tahir-Platz in Kairo. Unter ihnen liegt die lärmende Stadt. Sie streiten und lachen miteinander. Einige Jahre später, 2011, wird hier die ägyptische Revolution losbrechen. Aber das können sie jetzt noch nicht wissen.

Die vier Freunde sind Filmemacher aus arabischen Ländern. Zwei aus dem Irak, einer aus Libanon, einer aus Ägypten. Zu dem Zeitpunkt, irgendwann zwischen 2008 und 2010, herrschen in der arabischen Welt bereits tumultartige Zustände. Was die Filmemacher mit Schwierigkeiten konfrontiert. Einer der Iraker ist vor dem Krieg nach Berlin geflohen, wo er nicht mehr weiß, was er filmen soll; der andere ist in Bagdad geblieben, wo das Leben hochgefährlich ist. Und dann ist da Khalid (Khalid Abdalla) aus Kairo, der dabei ist, einen Film über seine Stadt zu machen. Dort ist es zu dieser Zeit noch verhältnismäßig sicher. Aber auch er kämpft mit seinem Projekt.

Der Filmemacher Khalid (Khalid Abdalla) will Kairo verstehen, das ist nicht leicht in Zeiten des Wandels.

(Foto: Arsenal Film)

Khalid ist die Hauptfigur von Tamer El Saids großartigem Spielfilm "In den letzten Tagen der Stadt". Er filmt in den Straßen Kairos und aus dem Fenster seiner Wohnung. Er schneidet den Film zu Hause auf seinem Computer. Aber richtig voran kommt er nicht. Er hat Aufnahmen der Stadt, aus allen möglichen Winkeln, ohne sie wirklich in den Blick zu kriegen. Und er hat die Leute gefilmt, die ihm nahestehen, ohne sie wirklich festhalten zu können. Da sind Interviews mit seiner kranken Mutter, die ihm von seinem gestorbenen Vater und der Schwester erzählt, die vor langer Zeit bei einem Autounfall ums Leben kam. Da sind Aufnahmen seiner Exfreundin, die sich gerade von ihm getrennt hat. Und Aufnahmen einer anderen Freundin, die eine Theatergruppe leitet und sich anschickt, Kairo zu verlassen. Es sind Bilder eines Lebens im Umbruch. Alle Zeichen stehen auf Abschied, alles entzieht sich Khalid, zerrinnt ihm zwischen den Fingern. Vor allem die Antwort auf die Frage, welche endgültige Form sein Film haben soll.

Das nervt vor allem Khalids Cutter. Was das alles miteinander zu tun habe - die Bilder der Stadt, die Geschichte seiner Mutter und der Schauspiellehrerin? Die gleiche Frage kann man auch El Said stellen. Aber genau darum geht es: einen Film zu machen ohne Netz und doppelten Boden, sich dem Strom der Bilder zu überlassen, der alles mit sich fortreißt, und hoffen, dabei dennoch aufrecht zu bleiben.

Die Stadt, getaucht in Dauergehupe und gelbes Licht, bewegt sich wie in einem Kaleidoskop, in dem sich die Bilder der Fassaden vervielfachen, in Schaufensterscheiben, Windschutzscheiben, Rückspiegeln und Autokarosserien. Immer wieder wird das Bild unscharf, denn es gibt kein klares Bild von Kairo, nur diesen Strudel, in dem man versuchen muss, Auge und Ohr zu stabilisieren. Wie El Said mit Bild und Ton umgeht, um dieses Ringen um Stabilität zu zeigen, ist ziemlich genial. Denn immer wieder trennt er Bild und Ton voneinander, lässt er eine Person sprechen, während man ganz andere Bilder von ihr sieht, in denen die Lippen versiegelt sind. Dann, auf einmal, ist alles wieder normal. Bild und Ton finden sich, trennen sich, finden sich wieder.

Insgesamt hat El Said neun Jahre lang an seinem Werk gearbeitet, von 2007, als er mit Rasha Salti das Drehbuch schrieb, bis 2016, als der Film bei der Berlinale aufgeführt wurde und den Caligari-Preis gewann. Gedreht wurde "In den letzten Tagen der Stadt", der knapp zwei Stunden dauert, von 2008 bis Ende 2010, immer wieder unterbrochen von Geldmangel und der Suche nach neuen Sponsoren. Der Film erzählt von ein paar Wochen oder Monaten im Leben von Khalid - aber diese sind ein Destillat aus 250 Stunden Material. Sechs Wochen nach Ende der Dreharbeiten beginnt im Januar 2011 die Revolution. Deren Vorzeichen machen sich immer mehr bemerkbar: die Proteste gegen die Macht des Militärs, das Rütteln an Mubaraks Herrschaft, das Volk auf der Straße.

El Saids Meisterwerk erzählt daher nicht nur die fiktionale Geschichte von Khalid, er ist auch ein Dokumentarfilm über eine bestimmte Zeit in der ägyptischen Geschichte. Er zeigt einen Filmemacher, der mit seinem Film kämpft, nicht aus Überdruss und Schaffenskrisen, wie wir das von Selbstbespiegelungen westlicher Regisseure kennen, sondern weil die Welt, in der er lebt, komplex und chaotisch ist. Während die vier Freunde über dem Tahir-Platz sitzen, erzählt Khalid, dass da etwas sei, in dieser Stadt, das er nicht verstehe. Etwas in den Gesichtern der Menschen auf den Straßen, die er porträtieren will, etwas in der Menge und im Lärm, im ständigen Gehupe; etwas, was er nicht erfassen kann. Später verankert sich der überforderte Ausdruck in Khalids Gesicht, wenn er mitbekommt, wie Polizisten einen Demonstranten zusammenschlagen, die "Letzten Tage der Stadt" in dieser Gegenwärtigkeit, an der er erst einmal teilhat, ohne sie interpretieren zu können. Die enorme Kraft des Films liegt darin, wie er den Ereignissen begegnet, ohne zu wissen, was sich aus ihnen entwickeln wird.

Khalid weiß nur eines - er will filmen. Was El Saids Film so groß macht, ist genau diese Dringlichkeit des Filmemachens inmitten von Umständen, die nicht zu überblicken sind. Während Khalid dreht, kann alles eintreten: der Tod eines geliebten Menschen - und eine Revolution. Aber woran soll sich ein Filmemacher in chaotischen Zeiten festhalten? An seiner Kamera. Um die Bilder der Welt einzufangen, bevor er weiß, was sie bedeuten.

Akher ayam el madina, Ägypten / D / GB / ARE 2016 - Regie: Tamer El Said. Buch: El Said, Rasha Salti. Kamera: Bassem Fayad. Mit Khalid Abdalla, Laila Samy, Hanan Youssef. Arsenal Filmverleih, 118 Minuten.