Kino Wenn das Mutter wüsste

Billigdrogen und Webcam-Sex: Der Regisseur Henning Gronkowski erzählt in seinem Spielfilm "Yung" aus dem Leben von vier Berliner Mädchen. Er nennt seine Stars "total herzliche, liebevolle kleine Monster".

Von Tobias Kniebe

Was man halt so sieht, wenn man im Berghain unterwegs ist oder im Katerclub, bei den Raves draußen an der Havel, im Morgengrauen in der S-Bahn, in den Drogenküchen und Zombiehöhlen. Was man halt so mitkriegt, wenn man ein soziales Wesen ist und sehr gut aussieht und dieses oft geprügelte, im Kern aber noch unbesiegte Grinsen im Gesicht hat, immer einen blöden Spruch auf den Lippen, immer bereit zur Kontaktaufnahme, zur Begeisterung, zum Zusammenschluss. Da kommt was zusammen über die Jahre. Und manchmal hat man's auch nicht selbst gesehen, sondern erzählt bekommen, plastisch genug. Dann ist es trotzdem für immer im Hirn.

Dieses superhübsche Mädchen zum Beispiel, irgendwo tief in den Katakomben, wo die Beats gerade noch hinreichen, schwer und dunkel, wie in Watte. Hängt kotzend über der Kloschüssel, voll am Schmieren, völlig weggetreten, war zu gierig mit der Pipette, beim Nachladen nicht auf die Uhr geschaut, jetzt erbricht sie ihren finalen Kontrollverlust in die Kanalisation. Und dazu drei völlig fremde, sehr interessierte Jungs, nicht ganz so breit, vom beißenden Gestank nicht abgeschreckt, die ihr das Höschen auf Halbmast gezogen haben und jetzt intensiv ihre nackte Scham bearbeiten.

Wenn Henning Gronkowski von solchen Szenen erzählt, schwingt ein gewisser Fatalismus mit. Ist halt so. Gibt es. Zigmal gehört auch von anderen. Und wenn man ernsthaft erzählen will, was die Jugend so treibt, wenn die Eltern gerade nicht hinschauen, Alter vierzehn bis neunzehn, Standort Berlin, dann muss so was dazugehören. Nicht die Szene selbst vielleicht, das wär dann doch zu hart. Aber das Grundgefühl. Die Abgefucktheit, die Langeweile, diese superbilligen Drogenkicks, die es jetzt gibt, die neueste Verlorenheit einer neuen Generation, die eigentlich alles hat. Und Galaxien weit entfernt ist von den Feminismus- und Korrektheitsdebatten, die ihre Eltern gerade so führen.

"Wir wollten einen Film machen, über unser Leben, über das Feiern, über die Musik. Wie alles wirklich war." Das hat Rainald Goetz einmal geschrieben, gefühlt zwei Jahrhunderte ist's her, ein Schlüsselsatz in "Rave". Den Film dazu gab es allerdings nie, natürlich nicht. Denn wer bitte könnte sie einfangen, diese Nächte der Entgrenzung und Entgleisung, wer könnte sie glaubwürdig spielen, ihre driftenden Protagonisten, und wer bitte könnte jene, die wirklich was vom Feiern und den Drogen und der Geilheit verstehen, pünktlich morgens zu Drehbeginn vor eine Kamera kriegen? Larry Clark ist das einmal gelungen, Mitte der Neunzigerjahre, mit seinem Film "Kids". Und jetzt eben Henning Gronkowski mit "Yung".

Die Geschichten des Films basieren auf Erlebnissen der Darstellerinnen, die Gronkowski in Berliner Clubs kennengelernt hat.

(Foto: Filmfest)

Die vier Mädchen, um die herum er lose seinen Film gestrickt hat, tragen ihre realen Namen: Emily, Janaina, Abbie, Joy. Während der Dreharbeiten waren sie teilweise noch minderjährig, und sie waren mehr oder weniger wirklich in den Welten unterwegs, die der Film jetzt auch zeigt: Felgenreiniger kaufen, um daraus die Billigdroge GHB zu destillieren, die bei Überdosierung extrem gefährlich ist und nicht umsonst "Liquid Heroin" heißt; Geld kassieren für Sex mit alten Männern; mit Webcam-Shows im Kinderzimmer ein paar Euro dazuverdienen; rappen, um auf Instagram als Künstlerin entdeckt zu werden; dealen, um das Taschengeld aufzubessern; die Nacht durchfeiern, die Abiklausur in der Schule dann aber trotzdem schreiben, und nicht mal so schlecht.

"Alles reale Geschichten", sagt Gronkowski. Denn wie gesagt: Er hat ja viel gesehen in den letzten Jahren. Und wenn seine Hauptdarstellerinnen diese Dinge nicht selbst gemacht oder erlebt haben, dann vielleicht ihre besten Freundinnen.

"Wenn meine Mutter wüsste, was da alles im Spiel ist ...", lautet ein Schlüsselsatz von Janaina, der irgendwie in der Luft hängen bleibt. Und einmal, ganz am Schluss, sieht man die Vier tatsächlich im Kreis ihrer jeweiligen Familien. Da ist alles dabei: ein Vater, der gerade zum ersten Mal Freigang aus dem Knast hat; eine Tochter, an die liebende, aber ahnungslose Mutter gekuschelt; eine ganze Familie, traulich verteilt auf ein weites Intellektuellen-Loft, die Mutter bügelt, der Vater sitzt am Notebook, Bierchen dabei, die Kinder lesen. Das muss man erst einmal zusammenbringen mit dem Rest der Geschichte, die unterhalb der Schwelle des Nicht-Wahrhaben-Wollens spielt, verschleiert vom, wie Henning Gronkowski mit entwaffnendem Grinsen sagt, "Deckmantel der Fiktion".

Wenn man ihn so erzählen hört, in seiner Parterrewohnung im Künstlerhaus Sankt Lukas in der Berliner Fasanenstraße, läuft alles auf diesen Film hinaus. Den es, halleluja, jetzt endlich gibt. Mindestens zwanzig von neunundzwanzig Lebensjahren können als Vorproduktionsphase von "Yung" gelten, der Rest ist früheste Kindheit, das zählt nicht. Die ersten Haschisch-Deals in der Heimat, Schneverdingen am Rand der Lüneburger Heide, das Katz-und-Maus-Spiel mit dem Dorfpolizisten, dieses Mit-allen-können-aber-nie-ganz-Dazugehören, wenn die Nazis und die Ausländergangs sich wieder die Schädel spalten, alles wichtig für das Jungsein-Gefühl. Also auch für "Yung". Und dann ruft, mitten im WM-Fieber 2006, Klaus Lemke.

Oder besser gesagt, es ruft nicht Lemke selbst, sondern viel eindrucksvoller und natürlich unwiderstehlicher: Lemkes großbusige Sirene und Silberblick-Dominatrix, Saralisa Volm. Und so sieht man den 18-jährigen, unverschämt hübschen, unverschämt lockeren Henning Gronkowski, damals und für alle Zeiten "der Teenager" getauft, mit Saralisa Volm in dem Film "Finale", und über die Jahre dann in einem halben Dutzend weiterer Low-Budget-Lemke-Filme, wo er den Ruf erwirbt, jedes nur vorstellbare Mädchen in jede nur vorstellbare verfängliche Situation hineinlabern zu können. Und wie immer bei Lemke ist das, zumindest teilweise, von der Wahrheit gedeckt.

Henning Gronkowski

(Foto: Anselm Kissel)

Toll ist diese Existenz, wo es pro Lemke-Drehtag einen Fuffziger bar auf die Hand gibt. Aber prekär natürlich trotzdem. Aber man hält ja zusammen in Berlin. Gronkowski fragt einmal einen aufstrebenden Malerstar, ob er bei ihm warm duschen dürfe, und zieht anschließend für Jahre bei ihm ein. Und anders als Lemke, der letztlich einer fixen Idee folgt, die man als Hawksianisches Pferdestehlen bezeichnen könnte, wo weibliches Mackertum glücklich mit männlichem Mackertum kollidiert, ist Gronkowski fasziniert von der Realität: ein Schwamm, der die Leute aufknackt mit dem dümmstmöglichen, aber schon wieder lustigen Spruch, und dann erst einmal alles aufsaugt.

Warum es aber Jahre und Jahre gedauert hat, bis dann wirklich mal was Eigenes kam? Der Schlüsselbegriff dazu lautet: Neinsagen. Und wie man es lernt. Weil man als Henning Gronkowski drauf wetten kann, dass das hübscheste Mädchen der Party, das noch Drogen in der Tasche hat, diese sehr gern teilen möchte: "Komm mal mit aufs Klo." Zehn Jahre Altersunterschied, oder sogar mehr, sind da halt leider auch nichts. So oder ähnlich ergaben sich die entscheidenden Kontakte für "Yung". Noch wichtiger aber war schließlich, sich nicht nur in der Kunst der höflichen Ablehnung zu üben, sondern der Schritt darüber hinaus - auch die anderen gelegentlich auszunüchtern.

Der Aufstieg zum Filmemacher, aber überhaupt zum Typus Mensch, der auch mal was gebacken kriegt, führt vom Drifter zum Disziplinator. Ist leider so. Das wurde Henning Gronkowski nach jeder Beinahe-Katastrophe in seiner "Yung"-Community klarer, nach jedem Zwergenaufstand seiner Darstellerinnen, nach jedem wegen eskalierenden Schlendrians verlorenen Tag. Er schlief kaum noch, er fühlte sich wie ein "verdammter Herbergsvater", er nennt seine Stars "total herzliche, liebevolle kleine Monster". Aber das sind eher die Erinnerungen an den Dreh, die da wieder hochkommen.

Denn jetzt, vor der Weltpremiere beim Münchner Filmfest am Montag, drücken sich alle so was von die Daumen. Dass die Welt endlich sieht, wie es wirklich war, einen Sommer lang. Dass die ein oder andere groß rauskommt, oder andersrum ausgedrückt, nicht rückfällig wird in alte, ungute Muster. Henning Gronkowski glaubt daran, er hilft, wo er kann, da klingt er jetzt wirklich wie der Herbergsvater. Denn das Wichtigste stimmt: "Diese Mädchen sind noch sie selber. Deswegen sind sie auch in meinem Film gelandet." Anders als der Rest dieser Generation, die er da draußen so beobachtet: lauter Approval-Junkies und wandelnde Instagram-Fake-Profile, "ganz viele super verlorene junge Menschen". Das wird noch lustig, wenn das über die Jahre so weitergeht. Und das wäre dann wieder das Thema für einen Film, in gefühlt zweihundert Jahren. Aber nicht mehr für ihn.