Nach Stieg Larssons "Verblendung" kommt nun der zweite Teil der "Millennium"-Trilogie ins Kino: "Verdammnis" lässt Lisbeth als Rächerin wiederauferstehen.
"Plötzlich schoben sich Lisbeth Salanders Finger durch den Boden, als würde ein Untoter aus der Erde steigen wollen." So beschreibt der Roman den Augenblick im "Verdammnis"-Finale, wenn die von Vater und Stiefbruder halbtot geprügelte, lebendig begrabene Lisbeth beginnt, ihrem Grab zu entsteigen.
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Moderne Kriegerin: Noomie Rapace als Lisbeth Salander. (© Foto: Filmverleih)
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Mit ausdrücklicher Reminiszenz an Horrormovies inszeniert der Film nun diese Szene. Regisseur Daniel Alfredson riskiert durchaus den Aspekt des Grotesken. Racheengel Lisbeth ist nicht unterzukriegen. Die Zombies sind die anderen, die Inkarnationen des Bösen: der Vater mit dem von Verbrennungen entstellten Gesicht, der monströse, schmerzunempfindliche Stiefbruder. Fulminantes Finale der Verfilmung des zweiten Teils von Stieg Larssons "Millennium"-Trilogie.
Im November 2004 starb der fünfzigjährige Stieg Larsson an den Folgen eines Herzinfarkts. Er konnte den phänomenalen Erfolg seiner Trilogie ("Verblendung", "Verdammnis", "Vergebung") nicht mehr miterleben. Die Verkaufszahlen klettern weltweit immer weiter, in schwindelerregende Höhen. Die derzeit beste Möglichkeit, Bekanntschaften zu machen, ist, sich bei einem Cafébesuch in einen der 700-Seiten-Schmöker zu vertiefen.
Sofort wird man angesprochen: "Kennen Sie den Originaltitel von "Verdammnis"? Er lautet "Das Mädchen, das mit dem Feuer spielte"!" Oder: "Finden Sie, dass es zu Lisbeth Salander passt, dass sie sich schönheitschirurgisch die Brüste vergrößern lässt?" Im "Verdammnis"-Roman wird davon erzählt, der Film lässt das weg.
Wie schon bei der Verfilmung des ersten Teils (Regie: Niels Arden Oplev) muss auch hier die Fülle der Figuren und der gewaltig verwickelten Handlungsstränge eingedampft werden. Der routinierte TV-Regisseur Daniel Alfredson bleibt dem erzählerischen und atmosphärischen Kern der Vorlage treu, schwankt zwischen drauflosfabulierender Fernsehkrimi-Dramaturgie und der Suche nach starken, genrehaften Kinobildern.
Die Story verknüpft das bekannte Motiv der Zwangsprostitution osteuropäischer Frauen mit einer Intrige, bei der Lisbeth Salander drei Morde in die Schuhe geschoben werden sollen. Wer auf eine Fortsetzung der Blomkvist-Salander-Lovestory hofft, wird enttäuscht. Der aufrechte Investigativ-Journalist und das geniale Punker-Mädchen arbeiten getrennt an der Wahrheitsfindung. Sie führen eine sehr fragmentarische Fernbeziehung.
Ich gegen den Rest der Welt
Seine soghafte Spannung bezieht der Film aus etwas anderem: Er konzentriert sich auf die Figur der Lisbeth Salander und verleiht ihr geradezu mythische Dimensionen - sie wird zur archaischen Kriegerin stilisiert. Sie schminkt sich ihr Gesicht weiß und malt sich einen blutroten Blitz quer über das Antlitz. Bis hin zur Horrorszene des Finales wird Lisbeth immer wieder in solche mythisch-emblematischen Bilder gefasst. Sie muss sich dem Ursprung ihres Verhängnisses stellen: dem Vater-Monster.
Lisbeth ist das Faszinations-Zentrum der "Millennium"-Trilogie. Stieg Larsson hat sie grandios aus extremen Gegensätzen konstruiert. Innerlich zart und zerbrechlich, äußerlich martialisch und aggressiv. Die traumatisierte Seele eines Vergewaltigungsopfers, eingehüllt in den stacheligen Panzer einer Ich-gegen-den-Rest-der-Welt-Attitüde. Einerseits spielt Lisbeth virtuos mit moderner Computertechnik, anderseits lodert in ihr ein Hass wie bei den Rächerinnen antiker Tragödien.
Larsson-Biograph Kurdo Baksi erzählt dazu folgende Geschichte: "Als Vierzehnjähriger wurde Larsson Zeuge der Vergewaltigung eines gleichaltrigen Mädchens. Er blieb Zuschauer, half nicht. Als er einige Tage später das Mädchen wiedertraf, wollte er sie um Vergebung für seine unterlassene Hilfe bitten. Das Mädchen aber antwortete: "Ich werde dir niemals vergeben für das, was du nicht getan hast!"
Die Hölle der familiären Vorgeschichte
Wenn Lisbeth lebendig begraben wird, erscheint kurz vor ihrer Wiederaufstehung ein Rehkitz auf dem Grabhügel - Inbild der Unschuld Lisbeths. Erst im dritten Teil wird es Mikael Blomkvist schaffen, Lisbeths Unschuld zu beweisen, wenn sich die Story von der Hölle der familiären Vorgeschichte wieder abwendet und in die gesellschaftlichen Abgründe eintaucht.
Im Kern aber dreht sich Lisbeths Geschichte um die eine Frage: Wie kann eine traumatisierte Frau, die jegliches Vertrauen in die Menschheit verloren hat, aus ihrer Verkapselung erlöst werden? Nur dann wird Lisbeths Wiederauferstehung voll gelingen, wenn sie wenigstens einen Menschen findet, dem sie vertrauen kann. Mikael Blomkvist steht dafür bereit. Im Juni wird der abschließende dritte Teil ("Vergebung") in die Kinos kommen.
FLICKAN SOM LEKTE MED ELDEN, Schweden / Dänemark 2009 - Regie: Daniel Alfredson. Buch: Jonas Frykberg. Nach dem Roman von Stieg Larsson. Kamera: Peter Mokrosinski. Mit: Noomi Rapace, Michael Nyqvist, Peter Andersson, Lena Endre, Michalis Koutsogiannakis, Annika Hallin. NFP, 129 Minuten.
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(SZ vom 04.02.2010/rus)
Nachruf
hab den film zufällig gesehen und kann nicht verstehen, was man an dieser zähen aneinanderreihung von thriller/agentenfilm-klischees bemerkenswert finden kann.
Wenn hier schon aus Baksis Buch zitiert wird, sollte schon noch ein Hinweis dabeisein, daß der Wahrheitsgehalt des Buches höchst umstritten ist. Larssons Lebensgefährtin spricht von Verleumdung. Auch Ex-Kollege Ahlborn äußert sich höchst kritisch zu Baksis Machwerk.
Es scheint, als ob Baksi in seinem Buch zu sehr auf den Effekt und zu wenig auf Fakten gesetzt hat.
Ich liebe diese Bücher... auch wenn die moralische Welt, die sie zeigen nicht meine ist. Ich weiß noch nicht, ob ich mir die Verfilmungen antue... lieber lese ich die Originale noch einmal.
Übrigens kämpft Lisbeth nicht gegen ihren Stief-, sondern gegen ihren (deutschen!) Halbbruder.
Wenn man den ersten Film gesehen hat, muss man natuerlich den zweiten auch sehen. Ich habe das "neulich" schon in Stockholm hinter mich gebracht.
Schade natuerlich, dass bei einer Verfilmung immer etwas verloren geht - aber das ist nun mal so - will man den Film in 2 Stunden auf die Leinwand pressen.
Noomi Rapace gefaellt mir hier besser als Lisbeth. Ich hatte ja am Anfang bedenken, aber in diesem Film zerstreuen sie sich komplett. Sie ist eine erstklassige Besetzung.
Der Film ist sehenswert .. aber .. wie auch schon bei den Buechern, gefaellt mir der erste Teil am Besten und obwohl das Thema Zwangsprostitution sehr brisant ist (was leider im Film etwas arg beschnitten ist) fand ich Teil 1 noch immer (in Film und Buch) spannender und aufregender.