"Rückkehr nach Montauk" im Kino Unter einer blassen Sonne

Wir müssen reden: Stellan Skarsgård als Max Zorn, Nina Hoss als Rebecca.

(Foto: Verleih)

Volker Schlöndorff kommt von Max Frisch nicht los: In "Rückkehr nach Montauk" schickt er einen Schriftsteller in die Vergangenheit.

Filmkritik von Nicolas Freund

Dies ist keine Literaturverfilmung, sondern ein Film mit einem Buch in der Hauptrolle. Das passt, denn "Montauk", das Buch von Max Frisch, das diese Hauptrolle spielt, ist auch nicht einfach eine Autobiografie, sondern eine Erzählung mit einem Schriftsteller in der Hauptrolle, der wie zufällig Max Frisch heißt.

Der Text ist der Rückblick des damals 63 Jahre alten Autors weniger auf das, was er konkret getan und geschrieben hat, sondern auf die Dinge und die Menschen, denen er sein Leben gewidmet hat: das Schreiben und die Frauen. Wobei beides nicht so einfach auseinanderzuhalten ist.

Im Mai 1974 war Max Frisch auf Lesereise an der amerikanischen Ostküste. Mit einer mehr als dreißig Jahre jüngeren Verlagsangestellten, im Text heißt sie Lynn, in Wirklichkeit heißt sie Alice Carey, verbrachte er ein kurzes Wochenende in Montauk, am Ende von Long Island, jener Landzunge, die sich von New York City aus über die ganze Länge Connecticuts fast bis Rhode Island in den Atlantischen Ozean hinein erstreckt. Dort kam es zwischen den beiden, wie man so sagen könnte, zum Äußersten.

"Er ist noch immer überrascht, daß er diesen ihren Körper kennt. Er hatte es nicht erwartet." Max Frisch hat aus diesem Wochenende im Laufe des folgenden Jahres die Erzählung "Montauk" gesponnen, nach einem Verfahren, wie es ganz ähnlich derzeit der norwegische Autor Karl Ove Knausgård auf sein ganzes Leben anwendet: Erzählen, ohne sich etwas auszudenken. Nacktes Erzählen.

Die Verfilmung eines solchen Textes ist ein Problem, denn die Filmbilder können trotz ihrer scheinbaren Eindeutigkeit und Wahrhaftigkeit der Unmittelbarkeit dieses Erzählens, das wie direkt aus dem Bewusstsein dessen kommt, der das alles erlebt hat, nur hinterherhinken. Obwohl es natürlich den Dokumentarfilm gibt, der seine Authentizität aber auch simulieren muss, kann bei dieser Form von erzählter Wirklichkeit die Kamera in gar keinem Fall dabei gewesen sein. Der Film würde ständig seine eigene Fiktionalität signalisieren. Er wäre immer zu spät.

Anleihen aus Max Frischs "Montauk", aber eine eigene Geschichte

So hatte Volker Schlöndorff, der schon 1991 Max Frischs Roman "Homo faber" verfilmt hat, eine Umsetzung von "Montauk" eigentlich immer ausgeschlossen. Zu autobiografisch.

"Kein Mensch verändert sich"

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Die Grundidee vom älteren Autor, der sich noch einmal mit dem Leben und den Frauen auseinandersetzen muss, scheint ihn aber nicht losgelassen zu haben. Mit dem irischen Schriftsteller Colm Tóibín entwarf er schließlich ein Drehbuch, das sich Motive, Figuren und Schauplätze aus Max Frischs "Montauk" leiht, aber eine eigene Geschichte erzählt.

Der von Stellan Skargård gespielte Schriftsteller Max Zorn kommt, wie einst Frisch, zu einer Lesereise nach New York. Auch den Autor im Film begleitet eine junge Verlagsfrau, und obwohl Zorn einmal ohne Hose bei ihr in der Wohnung sitzt, geht es in Schlöndorffs Film eigentlich um zwei andere Frauen: Clara, Zorns Freundin, die er aus nicht ganz eindeutigen Gründen über einen Job, den er ihr vermittelt hat, nach New York verbannt hat, und nun das erste Mal wiedersieht. Die andere, Rebecca, ist eine gescheiterte Jugendliebe Zorns, die sich aus Ostdeutschland über ein Stipendium in Yale bis zu einer großen Anwaltskanzlei in Manhattan durchgekämpft hat.

Auf die hat es Zorn eigentlich abgesehen, und die beiden landen dann wirklich bald in Montauk, in dem Motel, in dem sie zuletzt vor vielen Jahren als Pärchen eingecheckt hatten. Es folgen Spaziergänge am Strand vor der hochsymbolischen See- und Seelenlandschaft des Atlantiks, ein romantisches Abendessen in dem Diner, wo sie damals keinen Platz mehr bekommen hatten, und Geschmuse im Hotelbett.