Horror und Transfiguration - Gore Verbinskis Film "The Ring"
Der Ort, von dem das Grauen ausgeht in diesem Film, ist eine Puppenstube. Ein blitzsauberes Kinderzimmer, so niedlich, dass es schon wieder erschreckend wirkt. Dicht unterm Dach, dennoch fernab vom Himmel.
(© SZ v. 17.02.2003)
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Urban legends, das ist ein eigenes Genre im amerikanischen Kino. Es meint jene Filme, in denen Menschen wie du und ich - im Fall des Kinopublikums sind also vor allem Teenager - in die Gewalt archaischer Kräfte geraten, von Dämonen, die sie meistens selber beschworen, aus ihrem Schlummer geweckt haben.
Ein Video spielt hier den Auslöser, mit verrätselten Bildern, die den Zuschauer ratlos lassen - bis wenige Sekunden nach dem Abspiel das Telefon schrillt - the ringing - und eine Mädchenstimme die Erklärung liefert: "Sieben Tage!" Im Klartext: Sieben Tage noch und derjenige, der das Video sah, wird tot sein ...
"The Ring" ist keine genuin amerikanische Legende, sondern das rasche Remake von "Ringu", einem japanischen Horrorfilm von Hideo Nakata, der 1997 zum Kult wurde. Der die Fans glücklich machte, weil er sich des Reservoirs an Horrorbildern bediente von Kaneto Shindos "Onibaba" bis "Scream", und das große Publikum unerbittlich in sein groteskes grausames Spiel verwickelte - die Puppe Sadako, dem Dämonenkind des Films nachgebildet, wurde zum Topseller.
Wie der amerikanische Regisseur Gore Verbinski mit Mythen umgeht, hat er in seinem "Mexican" gezeigt, einer Ehe-Komödie mit Julia Roberts und Brad Pitt, in der die Liebe am Ende ein bizarres Mysterium bleibt. Auch am Ende von "The Ring", bei dem er sich mit Ehren Kruger zusammentat, dem Drehbuchautor von "Arlington Road" und "Scream 3", muss man sich keine Hoffnung auf narrative Erlösung machen, und wenn man sich zu intensiv auf die Dialektik von Einsamkeit und Vernichtungswillen einlässt, landet man womöglich bei einer perversen Kommunikationstheorie.
Das todbringende Video lädt ein zu einem Ausflug in eine unsagbar traurige Kindheit, und der Weg dorthin ist gesäumt von todessüchtigen Hengsten, Menschen, die mithilfe eines Kartentricks ihrem Leben einen Sinn geben wollen, Eltern, die mit ihren Rollen nicht zurechtkommen. Und der Regen will nicht aufhören in Seattle und Umgebung, wo Naomi Watts als Reporterin Rachel und als alleinerziehende Mutter operiert. Das Video ist im Maya-Deren-Stil, schwarzweiß, mit harten Kontrasten und scharfen Konturen, ein Ritual in transfigured time. Eine Frau in einem ovalen Spiegel, ein Stuhl, eine Leiter. Eine Landschaft mit Leuchtturm. Gewürm.
Naomi Watts bleibt cool in als Rachel, so cool, wie man sie kennt aus "Mulholland Drive". Sie ist bei all ihrem Mutterinstinkt immer ihrer Profession verpflichtet. Und sie kann skrupellos sein, das heißt, ihre Interessen können im Notfall mit denen des Humanismus, der Menschheit kollidieren - eine denkwürdige Einstellung in diesen Tagen nationaler Mobilmachung. Vielleicht sind diese neuen, globalen Mythen schuld daran, dass die alten Mechanismen der Kinoverzauberung so ausgeleiert wirken. Der Horror gewinnt keine Struktur in diesem Film und keine Kraft. Ein Baum auf einem Hügel fungiert gleichsam als Sendemast für das Video. Wenn er aktiv wird, erglüht die Landschaft intensiv rot. Ein Leuchten aus der Vergangenheit, diese Röte des Rots von Technicolor.
THE RING, USA 2002 - Regie: Gore Verbinski. Buch: Ehren Kruger, nach dem Roman von Koji Suzuki und dem Film von Hideo Nakata. Kamera: Bojan Bazelli. Schnitt: Craig Wood. Musik: Hans ZimmerProduktionsdesign: Tom Duffield. Mit: Naomi Watts, Martin Henderson, David Dorfman, Brian Cox, Jane Alexander, Lindsay Frost. UIP, 115 Minuten.