Kino Tag der Abrechnung

"Terminator 2" kommt in 3-D zurück ins Kino, denn James Cameron plant mal wieder die Renaissance des dreidimensionalen Kinos.

Von Philipp Bovermann

Eigentlich interessiert sich überhaupt niemand mehr für 3-D-Kino, aber der Regisseur James Cameron gehört nicht zu den Typen, die gern jammern, im Gegenteil. 2009 löste er mit "Avatar" einen 3-D-Boom aus, das dreidimensionale Science-Fiction-Spektakel steht bis heute auf Platz eins der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Zumindest vorerst, denn Cameron arbeitet wie ein Besessener an den Fortsetzungen, die Teile zwei bis fünf will er in den kommenden Jahren auf einmal drehen, ein "episches Unterfangen", wie er sagt. Die Sequels sollen zwischen 2020 und 2025 ins Kino kommen, und zwar, so Cameron, in "auto-stereoskopischem 3-D", für das man keine Brillen mehr braucht.

Die Kinos müssten dafür, wie schon beim ersten Teil, in neue Projektoren investieren. Das "epische Unterfangen" ist also ökonomisch ziemlich gewagt. Was wäre, wenn sich die Zuschauer bis dahin endgültig sattgesehen haben an der künstlichen Dreidimensionalität, wie es die international sinkenden Erlöse mit 3-D-Filmen gegenüber klassischen Projektionen schon seit Jahren andeuten?

Um uns also daran zu erinnern, wie toll das ist, wenn Dinge die Leinwand verlassen und in den Zuschauerraum ragen, schickt Cameron vorerst ein anderes schweres Geschütz ins Gefecht um die Zuschauersynapsen. Sein Actionklassiker "Terminator 2" kommt heute in einer restaurierten 3-D-Fassung in die Kinos, pünktlich zum sich jährenden "Tag der Abrechnung". Laut Film findet dieser am 29. August 1997 statt. An diesem Datum entwickeln die Maschinen ein Selbstbewusstsein und entfachen zur Feier des Tages ein nukleares Feuerwerk gegen die Menschen. In dem Film aus dem Jahr 1991 reist Arnold Schwarzenegger als Killer-Roboter aus der Zukunft, Modell T-800, in die damalige Gegenwart, um einen kleinen Jungen vor einem anderen Roboter zu beschützen. Wenn man sich die aufgemotzte Neufassung anschaut, hat man das Gefühl, dass der Schuss zur Rettung des 3-D-Kinos irgendwie nach hinten losgeht, dort allerdings trotzdem sein Ziel trifft - wenn auch nicht unbedingt das von Cameron intendierte. Der 3-D-Effekt sieht plötzlich auf eine charmante Art retromäßig aus.

Er passt zum herrlich prolligen Flair des Films, der aus einer Zeit stammt, als in Sachen martialischer Schauwerte keine Gefangenen gemacht wurden. Wenn sich hier die Zukunft finster darstellt, dann nicht wegen schmelzender Gletscher oder niedriger Renten, sondern weil Kampfroboter mit diabolisch rotleuchtenden Augen über einen von Schädeln bedeckten Erdboden marschieren. Der Filmtitel wird nicht etwa eingeblendet, nein, er knallt in Form von zwei Stahlstücken aufeinander, während im Vordergrund die Flammen lodern.

Einen ähnlich unverblümten Charme haben 3-D-Filme. Das geht schon beim Hormongeruch der Multiplex-Superkinos los, wo die Technik hauptsächlich eingesetzt wird. Man packt sich diese bekloppten Brillen auf die Nase und sitzt dann neben Teenagergruppen, die unfähig sind, ihre Handys für zwei Stunden auszuschalten und die während des Films "Geil!" rufen, wenn ihnen was gefällt.

Arthouse-Kino in 3-D ist eher die Ausnahme, und die wenigen Beispiele aus den letzten Jahren waren auch eher ernüchternd. Vollkommen übertrieb es der Regisseur Gaspar Noé in "Love 3D" (2015). Er ließ einen stereoskopisch aus der Leinwand erigierten Penis auf die Zuschauer ejakulieren. Wie ein Salut ans 3-D-Kino der Fünfzigerjahre wirkte das, wo Filmplakate "einen Löwen in Ihrem Schoß, einen Liebhaber in Ihren Armen" und ähnliche Übergriffigkeiten versprachen. Bis "Avatar" ins Kino kam, war der erfolgreichste 3-D-Film "The Stewardesses", ein amerikanischer Softporno von 1969 (nicht zu verwechseln mit dem Schweizer Film "Die Stewardessen" aus dem Jahr 1971, der zwar auch ein Softporno war, aber nur in 2-D).

Der "Tag der Abrechnung" funktioniert im Kino ähnlich marktschreierisch, als kompromissloses Spektakel. Von 1996 bis 2012 gab es im Themenpark der Universal-Studios bei Los Angeles eine Attraktion namens "T2 3-D: Battle Across Time". Besucher sahen zunächst in einem Vorraum eine Produktpräsentation automatischer Waffensysteme der fiktiven Firma "Cyberdyne", die in den "Terminator"-Filmen hinter der Entwicklung der rebellischen Kampfroboter steckt.

Im Kino haben heute Puristen wie Christopher Nolan die Oberhand, sie wollen keinen 3-D-Klamauk

Dann wurden sie in ein Kino geführt und mussten "Schutzbrillen" aufsetzen, um in 3-D zu erleben, wie der T-800 und sein Schützling auf einem Motorrad durch die von Laserfeuer durchzuckte Zukunft rasen, während die Explosionen die Kinosessel durchschüttelten.

Heute haben eigentlich trotz James Cameron die konservativen Puristen die Oberhand. Wer "richtiges" Actionkino und nicht nur Superheldenfilme machen will, der reduziert die Effekte aufs klassische Handwerk. Christopher Nolan zum Beispiel schraubte für seinen Kriegsfilm "Dunkirk" jüngst die Kamera auf einem echten, historisch korrekten Flugzeug fest und drehte das Ganze nicht digital, sondern auf 70-mm-Film. Natürlich in 2-D, wir sind hier ja schließlich nicht im Kindergarten.

"Terminator 2" in 3-D gerät damit unweigerlich zur Allegorie einer Zukunfts-Technologie von gestern. Der T-800 ist so etwas wie das Nokia 3310 unter den Kampfrobotern: Klobig, plump, praktisch unzerstörbar, aber auf lange Sicht chancenlos gegen die neuen Modelle. Ebenso ist die Stereoskopie nur ein recht simpler optischer Trick, um zweidimensionalen Bildern den Eindruck perspektivischer Räumlichkeit zu verleihen, wenn man sie mit den Möglichkeiten der Virtual Reality vergleicht. Diese könnte das 3-D-Kino endgültig obsolet machen, zumindest theoretisch.

Die VR bietet eine echte Raumdimension, in der man sich umsehen und bisweilen sogar frei bewegen kann. Die Stereoskopie hingegen ist das ewig uneingelöste Zukunftsversprechen eines Films, der sich von der Leinwand erhebt und mehr als nur ein flaches Bild wird. "Der Mythos vom totalen Film", wie es der französische Filmkritiker und Truffaut-Mentor André Bazin nannte, übrigens ein Verfechter des 3-D-Kinos. Der Film schwebt sozusagen auf halber Strecke zwischen zweiter und dritter Dimension im Raum. Einerseits ist das Überwältigungspotenzial eines mit optischen Tricks in den Saal verlängerten 2-D-Bilds gegen die VR ein schlechter Witz. Andererseits hat VR nicht mehr viel mit echtem Kino zu tun.

Der "Tag der Abrechnung" wäre also ein guter Zeitpunkt für jeden Filmpuristen, um mit dem 3-D-Kino ein für allemal Frieden zu schließen. Vielleicht werden sie so ungeniertes Spektakelkino für Erwachsene eines Tages schmerzlich vermissen.