Auch die Protagonisten und ihre Interaktionen. Wenn Micah zum Beispiel vergeblich versucht, Katie trotz Spukbedrohung erst einmal zu einem kleinen Homesex-Video zu überreden - wirken diese Bilder teuflisch real. Wenn dann die DigiCam einmal fest im Schlafzimmer installiert ist, um eine erste Nacht vollständig auf Festplatte aufzuzeichnen, greift die Angst auch im Publikum um sich.
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Es folgen 21 solcher Nächte, in denen auch mal nichts passiert. Aber dann, Schritt für Schritt, doch immer mehr. Der Timecode der Kamera hält fest, dass um 2:46:28 oder ähnlich sich einmal die Tür unübersehbar bewegt. Das ist nicht so leicht wegzuerklären. Ein herbeigerufenes Medium stellt ganz üble Schwingungen fest und rät dringend dazu, einen "Dämonologen" aufzusuchen. Vor jedem Versuch der "Kontaktaufnahme" mit der paranormalen Wesenheit kann der Mann nur warnen. Dann ergreift er die Flucht.
Micah glaubt dennoch, er könnte das noch irgendwie selbst hinkriegen. Er redet mit dem Dämon. Er provoziert ihn. Irgendwie findet er das alles auch ziemlich cool. Bis es in der Nacht Nummer 15 einen furchtbaren Schlag tut. Bis in der Nacht Nummer 17 im ausgestreuten weißen Pulver unübersehbare Fußspuren hinterlassen werden. Und so fort.
Gemessen an allen blutspritzenden modernen Horrorstandards passiert bei "Paranormal Activitiy" die längste Zeit praktisch nichts. Das Wenige aber, das passiert, könnte für manchen Betrachter bereits unerträglich sein. So wie für Steven Spielberg, der den Film zu Hause nicht zu Ende schauen konnte und dann gleich sein eigenes Schlafzimmer für verflucht erklärte. Anschließend half er dem israelischen Regie-Autodidakten Oren Peli, ein neues Ende und einen Verleih zu finden.
Mitternachts-Kollektivgruseln
Peli, im Leben ein selbsterklärter Superschisser, als Kind schon vom "Exorzisten" traumatisiert, hat den ganzen Spaß für rund 15 000 Dollar im eigenen Haus in San Diego gedreht - mit zwei im Internet gefundenen Amateurschauspielern, die jeder 500 Dollar Gage bekamen. Spielberg, der begnadete Superschisser des Weltkinos, erkannte das Potential der schlimmsten Erwartungen, das hier regiert. Hundert Millionen Dollar Kasseneinnahmen später, als einer der profitabelsten Filme aller Zeiten hat "Paranormal Activity" die Erwartungen des Meisters nun wunderbar übererfüllt.
Was aber treibt solche Massen in diesen Film, abgesehen vom wohligen Mitternachts-Kollektivgruseln? Ein Aspekt der Selbstkasteiung schwingt mit, wenn die durch und durch exhibitionistische Youtube-Generation sich plötzlich fragt, ob vielleicht doch die Kamera den Dämon erst zum Äußersten gereizt hat. Zugleich geht es um aktuelle Geschlechterrollen: Die Frau, eher kamerascheu und zu keiner Zeit mit den Attributen eines Horror-Flittchens belegt, reizt mit ihrer als robust und erfüllt angedeuteten Sexualität dann doch die mächtige außerweltliche Libido. Sie wirkt mit ihrem (keusch verhüllten) Riesenbusen manchmal selbst ein wenig bedrohlich.
Der Mann wiederum hat nichts Besseres zu tun hat, als sofort zum symbolischen Schwanzvergleich mit dem Dämon anzutreten. Das Ganze ist also auch eine Dreiecksgeschichte. Ganz so klar war das nicht immer. Erst die neugedrehte letzte Szene, die Spielberg vorgeschlagen hat, schließt diesen Kreis - und öffnet ihn raffiniert von Neuem. Denn am Ende eines wirklich guten Horrorfilms bleibt das Böse nicht im Kino zurück. Es geht, zusammen mit den Zuschauern, hinaus in die Welt. Und dort draußen ist es noch immer.
PARANORMAL ACTIVITIY, USA 2009 - Regie, Buch, Schnitt: Oren Peli. Ton: David Barbee. Mit Katie Featherston, Micah Sloat, Amber Armstrong, Mark Fredrichs. Verleih: Wild Bunch (Central), 99 Minuten.
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(SZ vom 18.11.2009/iko)
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