Gemessen an allen modernen Horrorstandards passiert in diesem Film die längste Zeit praktisch nichts. Das Wenige aber, das passiert, könnte für einige unerträglich sein.
Einer muss überleben. Das war schon immer die Regel. Selbst der größte Horror verfehlt seine Wirkung, wenn hinterher niemand davon zu berichten weiß. Den Theatralikern der Grausamkeit, von Dschingis Kahn bis zu den "Inglourious Basterds", war das natürlich wohl bewusst. Seit kurzem gibt es allerdings eine zweite Option: Es reicht auch, wenn die Kamera davonkommt. Irgendwer wird ihre Bilder schon finden, die dann ihre eigene, schreckliche Geschichte enthüllen. Allerdings ohne Einordnung, ohne Erklärung, ohne beruhigenden Kommentar. Das aufgefundene Material nach der Katastrophe hat sich als Erzähler von eigenem Rang etabliert.
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Katie und Micah gruseln sich im eigenen Schlafzimmer: Die Hauptdarsteller sind Laiendarsteller aus dem Internet. (© Foto: Filmverleih)
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Wenn Paramount Pictures also auf der ersten Schrifttafel von Oren Pelis Film "Paranormal Activity" den Familien von Katie Featherstone und Micah Sloat dankt, außerdem der Polizei von San Diego, und dann gleich die Bilder eines jungen Paares zu sehen sind, das sich gegenseitig filmt und dabei Katie und Micah nennt, weiß man Bescheid.
Ein unbestechlicher Zeuge
Da ist was passiert. Genau wie in der Fiktion des "Blair Witch Projects", wo eine Videokamera tief in den Wäldern von Maryland gefunden wurde, leider ohne ihre Besitzer. Oder in der Prämisse des Monsterfilms "Cloverfield", wo auf einem schwer verwüsteten Schlachtfeld namens Central Park nur noch eine Digicam geborgen wurde. An solchen Bildern haftet die Tragödie, von Anfang an. Darum dürfen diese Bilder auch banal sein.
Katie und Micah sind ein sehr amerikanisches Paar, das sieht man schnell. Sie eher fröhlich und sexy auf eine wohlgenährte, ziemlich stabile Art. Er ein wenig großmäulig, gutverdienend und technikbegeistert, vielleicht einen Tick zu selbstbewusst. Recht nett haben sie sich eingerichtet in ihrem Eigenheim, das sie selten verlassen: Sie studiert noch, wenn auch nicht besonders eifrig. Er sitzt daheim vor den Bildschirmen und spekuliert an der Börse.
Die neue Kamera wird getestet. Aus beiläufigen Gesprächen erfährt man, dass Micah paranormale Belästigungen einfangen will, die Katie sporadisch heimsuchen - seit sie ungefähr acht Jahre alt ist. Als unbestechlicher Zeuge könnte die Kamera klären, ob es sich bei den seltsamen Geräuschen und wie von Geisterhand bewegten Gegenständen um überspannte Einbildung handelt, oder ob da irgendetwas dokumentierbar ist. Und damit real. Micah scheint sich da nicht so sicher.
Mit den Bildern und ihrem Realitätsgehalt ist es natürlich so, dass ihre angebliche Wahrhaftigkeit mit ihrer Wackligkeit und ihrer Körnigkeit auch für den Zuschauer steigt. Das war schon immer so. Seit Neuestem wird das Gefühl aber zusätzlich durch Handyfilm aus Teheran, Burma und anderen Krisenherden weiter verschärft. "Ist ja nur ein Film!" - dieser Satz hilft dann plötzlich wenig. Die Wandelbilder umgehen diesen Distanzschutz.
Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie der Dämon in die Beziehung einbricht.
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