Fremd ist der Fremde erst in der Fremde - die Komödie "My Big Fat Greek Wedding"
"My Big Fat Greek Wedding" verstößt schon gleich am Anfang gegen ein ganzes Register von Kino-Regeln. Der Film fängt mit einem Voice-Over an. Die Heldin Toula Portokalos berichtet von ihrer Kindheit. Man sieht ein ziemlich moppeliges, haariges Kind, und die Stimme sagt: Alle anderen Kinder waren zart und blond, nur ich hatte dunkle Koteletten. Dann ist sie als Erwachsene zu sehen - im Restaurant ihrer Eltern an der Kasse, in einem Aufzug, für den man sehr viel Selbstironie braucht: aufgepolstert, in unmöglichen Klamotten, kein Make-Up, dafür eine dicke Brille. "Ich bin dreißig und habe mein Verfallsdatum längst überschritten", sagt sie über sich selbst. Ein Loser als Kinoheldin? Gut, es wird selbstverständlich eine Aschenputtel-Geschichte daraus werden. Aber soviel ist klar: Irgendwas im Stil von Uma Thurman wird aus der nicht mehr.
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Toula Portokalos (Nia Vardalos) und Ian Miller (John Corbett) nach ihrer Hochzeit im Fond einer Limousine. (© SZ v. 22.01.2003)
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Toula verliebt sich in einen sehr ungriechischen Mann namens Ian, und von da an befindet sie sich im Kampf mit ihrer griechischen Familie. Wie Emigranten halt so sind - mit einer Inbrunst griechisch (oder italienisch oder spanisch), die ihnen in ihrer Heimat nie in den Sinn käme, weil es dort nichts besonders wäre. Erst in der Fremde kommen Menschen auf Sätze wie "Es gibt zwei Sorten von Menschen: Griechen und solche, die gern Griechen wären." Fremd ist der Fremde erst in der Fremde. Es entsteht eine Wechselwirkung, die "My Big Fat Greek Wedding" sehr hübsch einfängt: Die irritierten Blicke der Nichtgriechen und der verletzte Stolz, der absurde Steigerungsformen griechischer Lebensart hervorbringt, befruchten sich gegenseitig, bis die entgeisterten Nachbarn feststellen müssen, dass Familie Portokalos kleine Nachbildungen griechischer Säulen im Vorgarten aufgestellt hat. Das Kind soll gefälligst einen Griechen heiraten, zettelt aber lieber eine sanfte Revolution an: Ihr Vater fällt einer Intrige zum Opfer, an deren Ende er glaubt, die Idee, dass Toula statt im Restaurant in einem Reisebüro arbeitet, sei von ihm. Ihre Verabredungen mit Ian verkauft sie zuhause, obwohl aufgetakelt wie ein Kriegsschiff, als Besuch eines Töpferkurses. Irgendwann muss sie mit "Mr. pottery class" herausrücken, denn sie will ihn gern heiraten, am liebsten im Rahmen einer kleinen, unauffälligen Zeremonie. Daraus wird natürlich nichts.
Eine einfache kleine Komödie, aber "My Big Fat Greek Wedding" ist trotzdem ein Phänomen: die Geschichte ist rührend und komisch, das Aschenputtel ist in den USA jetzt mindestens so gefragt wie Uma Thurman, und genaugenommen ist dieser Film ein weitaus besseres Geschäft als "Titanic". Die Schauspielerin Nia Vardalos, zur Randgruppe der griechischstämmigen Amerikaner gehörig, hat aus Beschäftigungsmangel eine One-Woman-Show für sich selbst geschrieben. Die hat wiederum Tom Hanks' Frau Rita Wilson, selbst Viertelgriechin, gesehen und das Leinwandpotenzial darin entdeckt. Vardalos machte ein Drehbuch daraus, engagierte den Fernsehveteranen Joel Zwick als Regisseur und verfilmte die Story mit sich selbst als Toula, für Gesamtkosten von fünf Millionen Dollar. Die Investition hat sich gelohnt - allein in den USA hat der Film in 37 Wochen 231 Millionen Dollar eingespielt. "Titanic" kam auf 600 Millionen in 37 Wochen. Das ist nur das Dreifache des Budgets, im Vergleich also ein eher schlappes Resultat.
Humor lebt im Wesentlichen davon, dass irgendjemand versagt; und vielleicht ist es so, dass in guten Komödien der Erzähler liebevoll an seinen Mitmenschen verzweifelt. Das trifft sicherlich zu im Fall von Nia Vardalos, die sich für "My Big Fat Greek Wedding" ihre eigene Familie vorgenommen hat. Wenn die Figuren irgendwas mit Vardalos' realen Eltern, Tanten und Geschwistern zu tun haben, sind sie alle stur, rückständig und auf charmante Weise komplett verrückt. Nia Vardalos' Script begegnet dem Irrsinn mit Ironie: "Ich musste in die griechische Schule und Sätze übersetzen wie: Wenn Nick eine Ziege und hat Maria hat neun, wie lange dauert es, bis sie heiraten?" Sie hat diese Charaktere so warmherzig gestaltet, dass sie damit zuhause durchgekommen ist. Und sie setzt den Griechengags sehr amerikanischen Slapstick entgegen - wenn sie beispielsweise beobachtet, wie der Zukünftige, tonlos, auf der anderen Seite eines Schaufensters von einer alten Dame vermöbelt wird. Warum sie damit einen geradezu historischen Erfolg an den Kinokassen hatte, beschäftigt seither weite Teile der amerikanischen Filmbranche, die wahnsinnig gern den Bauplan dieser Gelddruckmaschine ergründen würde. Vielleicht besteht das Geheimnis aber darin, dass es keinen gibt. Das Unergründliche bleibt unergründlich. Der Erfolg ist nicht wiederholbar, dazu ist der Film viel zu persönlich. Vardalos kennt ihre Figuren sehr genau; und sie hat sie sorgfältig besetzt. In diesem Film sehen alle aus, wie die Menschen auf der Straße wirklich aussehen. Das will man vielleicht nicht dauernd auf der Leinwand sehen, aber gelegentlich ist es sehr angenehm.
Nia Vardalos, der früher von Agenten angetragen wurde, sie möge sich doch wenigstens als Latina ausgeben, wenn sie schon keine kalifornische Blondine sein kann, hat es sicherlich geschafft, eine ganze Reihe von Minderheiten zu bedienen: Die Kämpfe gegen den schleichenden Identitätsverlust in der Fremde sind überall die selben. Und die Großfamilienstruktur, die sie in ihrem Griechenfilm beschreibt, stößt natürlich bei jedem auf Verständnis, der seine Eltern nicht im Seniorenheim abgegeben hat. Vardalos schafft es sogar, von einer Großfamilie zu erzählen, ohne all jene Menschen zu beleidigen, die für den 1,5-Kinder-Schnitt sorgen; denn zu denen gehören sie und ihre Erzählerin ja selbst.
Das Kino hat Nia Vardalos damit nicht neu erfunden, "My Big Fat Greek Wedding" ist kein filmischer Meilenstein wie "Sex, lies and videotape". Aber sie hat die Behauptung widerlegt, das größte Geschäft ließe sich machen, indem man die größte Zielgruppe bedient. Es gibt keinen homogenen Markt, und bis auf Weiteres gilt William Goldmans Weisheit "nobody knows anything". Aber irgendjemand hat bestimmt schon ein Drehbuch in Auftrag gegeben mit dem Arbeitstitel "My Big Fat Spanish Wedding".
MY BIG FAT GREEK WEDDING, USA 2002 - Regie: Joel Zwick. Drehbuch: Nia Vardalos. Kamera: Jeff Jur. Mit: Nia Vardalos, Michael Constantine, Lainie Kazan, John Corbett. Fox, 96 Minuten.