Kino: "Mitte Ende August" Anziehend abstoßend

Goethes "Wahlverwandschaften" unter cool-empfindsamen Großstadtflüchtlingen im Sommer 2009: Marie Bäumer muss als Hanna mitansehen, wie ihr Mann sich vielleicht in eine Jüngere verliebt.

Von Johan Schloemann

"Ich wenigstens habe mir aus allem diesem den ersten wahrhaft fröhlichen Sommer zusammengebaut, den ich in meinem Leben zu genießen gedachte." Das sagt Charlotte, die Ehefrau, in Goethes "Wahlverwandtschaften", die vor zweihundert Jahren, 1809, herauskamen. Als diskutiert wird, ob ein Dritter in die Zweisamkeit des Landlebens hinzutreten soll, da spürt Charlotte, "dass eine Ahnung mir nichts Gutes weissagt".

So geht es auch Hanna, gespielt von Marie Bäumer, in dem neuen deutschen Sommerfilm "Mitte Ende August". Sie genießt das kinderlose Liebesprojekt, das mit ihrem Mann Thomas gekaufte, renovierungsbedürftige Haus irgendwo in Brandenburg, das gemeinsame zwanglose Planen und Werkeln, genießt das Federballspielen auf eigenem Grund, genießt die enge Verbindung der beiden in einer Gegend ohne Handynetz. Empfang gibt es nur bei der Fahrt zum Baumarkt. "Ich finde es so unglaublich schön, hier mit dir alleine zu sein", sagt Hanna, voller Unbehagen gegenüber dem Vorschlag, Thomas' Bruder Fritz für eine Zeitlang hinzuzunehmen, der gerade Job und Familie verloren hat. Aber Fritz kommt doch, Hanna holt ihre junge Patentochter Augustine dazu, und so kann das Unheil der ungleichen Überkreuzliebe seinen Gang nehmen.

Alles nur geklaut

Das ist nicht zu viel verraten, weil der Film gleich auf den Plakaten und im Trailer so angekündigt wird: "frei nach Goethes Wahlverwandtschaften". Den Regisseur Sebastian Schipper, der sich von "Absolute Giganten" (1999) über "Ein Freund von mir" (2006) immer näher ans Erwachsenwerden heranpirscht, hat, so berichtet er, "Buchnot im Urlaub" zu Goethe getrieben. Erwartet hatte der 1968 geborene Regisseur - so viel zum heutigen Goethe-Bild - "fremden, alten Geruch", doch er fand stattdessen den hellsichtigen, modernen Beziehungsroman, der ihn nicht als ersten Leser "fassungslos und aufgeregt" gemacht hat. Sodann hat der Regisseur aus der Vorlage "alles geklaut, was mir gut gefallen hat".

Und man muss sagen, Sebastian Schipper ist ein geschickter Dieb. Seine Landpartie nach Art der Berliner Schule, seine cool-empfindsamen Großstadtflüchtlinge werden nicht übermäßig beladen mit dem klassischen Stoff. Sie können sich frei bewegen in einem fahlen Naturlicht, in unkünstlichem Weiß, Blau und Grün, begleitet von einer Wackelkamera für wackelige Verhältnisse. Die aus den "Wahlverwandtschaften" übernommenen Motive fließen sanft quecksilbern in der Geschichte umher wie die chemischen Verbindungen und Scheidungen, die dem Roman den Namen gegeben haben. Ein heutiger Chemiebaukasten, kein Kostüm-Epos.

Es gibt nicht nur wie bei Goethe ein Feuerwerk und ein Ruderboot, jeweils mit Bedeutung aufgeladen. Es kommt auch zu ersten Irritationen in der anfänglich glücklichen Paarbeziehung, als der traurige Fritz, der Architekt ist, bei der Renovierung des Hauses aus Hannas Sicht alles durcheinanderbringt, aber doch, wie sie dann anerkennen muss, willkommene Expertise beisteuert - wie bei Goethe der Hauptmann in der Planung des Landschaftsgartens. Dieser Fritz wird bewundernswert verhalten gespielt von André Hennicke, der auch in "Der alte Affe Angst" von Oskar Roehler neben Marie Bäumer agierte.

Es wird heftiger getrunken

Deren Hanna - Schauspielerin Marie Bäumer hat selbst Erfahrung im Landleben - wird nun immer weiter und weiter zurückgedrängt, erst recht, als ihr Mann Thomas sich dem jungen Mädchen Augustine mit der klassizistischen Frisur (Anna Brüggemann) annähert. Thomas - so nennen wir einen sprunghaften Enddreißiger von kindlichem Gemüt- folgt seiner nächsten Leidenschaft ohne Rücksicht auf Verluste, während Hanna, die große Dulderin, sich nur vorsichtig und entsagungsvoll mit dem schwierigen Fritz verbindet. "Eine wunderbare Bewegung war in ihrem Innern, und sie konnte nicht weinen", heißt es in den "Wahlverwandtschaften", als Charlotte und der Hauptmann im Ruderboot sitzen.

All das erzählt dieser Film über weite Strecken angenehm ruhig und stilsicher, unaufwändig, ja skizzenhaft. Mit der Zeit aber wird das Landhaus elektrifiziert, es wird heftiger getrunken, und an Hannas sechsunddreißigstem Geburtstag eskaliert die Lage, ihr Vater platzt mit seiner Geliebten in die prekäre Viererkonstellation hinein. Er theoretisiert gegen Ehe und bleibende Liebe, wird von Gert Voss dargestellt und spricht als einziger in dem Film entfernt goetheanisch.

Überhaupt: die Sprache. Ein entscheidender Unterschied zur Goethezeit, und das ist eine der zeittypischen Eigenschaften dieses Films, liegt in der Gesprächskultur. Die empfindsame, gedankenreiche Konversation bot in den "Wahlverwandtschaften" zwar auch keine Lösung mehr, aber doch eine nicht zu unterschätzende Abfederung dessen, was im Hintergrund vor sich ging. Wie anders es hier und heute ist, lässt sich vor allem am untreuen Thomas beobachten: Gespielt vom Volksbühnenschauspieler Milan Peschel, ist er der absolute Chefschnacker mit Riesensonnenbrille, ein verwuschelter, spielerischer, unsteter Projektemacher - und doch vermag er die wirklichen Konflikte, die Hauptsachen, nicht adäquat zu verbalisieren.

Als "Mitte Ende August" im Frühjahr neben Maren Ades "Alle Anderen" auf der Berlinale lief, war von generationentypischen Filmen die Rede; wenn sich, wie sein Darsteller Milan Peschel sagt, "viele Männer meiner Generation in Thomas wiedererkennen können", dann wäre generationstypisch eine Mischung aus Stumpfheit und geschäftig-exaltierter Überwachheit. In jedem Fall zeitgemäß erscheint, dass die Wahlverwandtschaften hier weniger von Wesenszügen als von äußeren Vorlieben mitbestimmt werden: Der eine trinkt eben lieber Tee und isst vegetarisch, der andere lieber nicht.

Und da Sebastian Schipper den schrecklichen Schluss der "Wahlverwandtschaften" weglässt, ja überhaupt im wesentlichen nur den ersten Teil des Romans aufgreift, ist der Film in seiner Lässigkeit, bei allen immer finsterer dräuenden Gitarrentönen (eigens komponiert von Vic Chesnutt) viel harmloser als seine Vorlage. Was hier verhandelt wird, ist am Ende keine existenzielle Tragödie, sondern ein Problem zu langer Sommerferien. Und was bei Goethe ein "Wahn" ist, nämlich die Überzeugung der Frau, "ein gewaltsam Entbundenes lasse sich wieder ins Enge bringen" - das ist hier, als die anderen wieder abgereist sind, die ganz normale Hoffnung auf Normalität.

MITTE ENDE AUGUST, D 2008 - Buch und Regie: Sebastian Schipper. Kamera: Frank Blau. Musik: Vic Chesnutt. Mit: Marie Bäumer, Milan Peschel, Anna Brüggemann, André Hennicke, Gert Voss. Senator, 93 Min.

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