Kino Magisch jung

"Nightsession" von Philipp Dettmer bewegt sich auf der Grenze zwischen Dokumentar- und Spielfilm. Der Autor, Regisseur und Produzent lässt darin vier Skateboardfahrer durch das nächtliche München treiben

Von Barbara Hordych

Vielleicht sollte man mit einer Aufzählung all dessen beginnen, was dieser Film nicht ist: Er erzählt keine Heldenreise, es gibt keine klassische Dramaturgie, er hat keinen Antagonisten und auch keine Konflikte. Trotzdem, und das ist ein kleines Kinowunder, entwickelt der Film "Nightsession" über vier Jungs, allesamt Laiendarsteller, die sich eine Nacht mit ihren Skateboards durch München treiben lassen, einen Sog. Der sich auch den Zuschauern mitteilt, die noch nie im Leben auf einem Skateboard gestanden sind. Was bei den bislang zwei Vorführungen des Spielfilmdebüts von Philipp Dettmer beim Filmfest München mitzuerleben war. Lachen und Szenenapplaus gab es nicht nur bei der Premiere mit Freunden und Bekannten, sondern auch bei der zweiten Vorführung vor anonymem und altersmäßig bunt gemischtem Publikum. Auch das ließ sich anstecken von einem Lebensgefühl, das sich jenseits von schrillen Clips in einem unaufgeregten Erzählfluss vermittelt.

Auch die Hackerbrücke gehört zu den Skaterspots, die Jonas, Tom, Sergio und Pacel (v. li.) in "Nightsession" aufsuchen.

(Foto: Deutsche Exotik)

"Damit hat sich meine Angst, dass der Film in einer Skater-Ecke verkümmert, direkt gelegt", sagt Dettmer. Er ist derjenige, der als Autor, Regisseur und Produzent für die Idee und Realisierung des Films eingestanden ist, und, wenn man nun doch die klassische Dramaturgie bemühen will, auf seiner ganz persönlichen Heldenreise für ihn gekämpft hat. Mitunter auch gegen scheinbar verlockende Angebote. "Es gab eine große Produktionsfirma, die das Projekt finanzieren wollte", erzählt Dettmer bei einem Treffen. Doch nach drei Sitzungen sei ihm klar geworden, was das bedeutete. "Sie wollten der Geschichte eine ganz andere Richtung geben, eine künstliche Fallhöhe einbauen, etwa dadurch, dass das Ganze am letzten Schultag spielt und die Jungs danach jeder in eine andere Stadt ziehen. Oder Spannung durch eine Frauengeschichte erzeugen." Die Verlockung, "einfach das Geld zu nehmen und ja zu sagen, war schon da", gibt er zu. Doch Dettmer, 37 Jahre alt, blieb bei seiner eigenen Vision - die er auch aus seiner eigenen Tasche bezahlte. So können die Zuschauer nun mit Tom, Sergio, Pacel und Jonas durch ein nachtbedingt seltsam leeres München ziehen, von der Theresienwiese über die Hackerbrücke, vom Kunstbau am Königsplatz über den Karlsplatz bis hin zum tristen Bauhaus an der Landsberger Straße.

Regisseur Philipp Dettmer.

(Foto: Deutsche Exotik)

Und eine Nacht erleben, in der eigentlich nichts passiert. Oder genauer gesagt: In der eben nur sehr viele Kleinigkeiten passieren, Situationskomik, Gespräche ohne tieferen Sinn, unberechenbare Einflüsse von außen. Die aber, von einer dokumentarischen Kameraführung eingefangen, in der Summe eine gewisse Magie erzeugen. Und die Realität einer Nacht wiederauferstehen lassen, wie sie Dettmer mit 16 Jahren einmal selbst als "magisch" erlebt hat. Beim Philosophieren über Mars und Snickers, über vegetarische Falafel und Döner und über eine Wunde am Schienbein, die man "für die Ladys" auf Instagram posten könne, kommt auch der einstmals "heilige Platz" der Skater in München, der Georg-Freundorfer-Platz im Westend, zur Sprache. "Eine Erinnerung die ich mit dem Ältesten der Vier, dem 26-jährigen angehenden Arzt Sergio, teile", sagt Dettmer.

Für ihn ist Skateboarding nicht nur eine Sportart, sondern auch ein Lebensgefühl, dessen Faszination und Leichtigkeit er mit Nightsession einfangen wollte - "auch, weil ich mich nie richtig von diesem Lebensabschnitt verabschieden konnte". Schließlich ging nach dem Abitur in München alles so schnell: Studium der Betriebswirtschaftslehre, dann Kulturmanagementstudium in Deutschland und Frankreich. Weil ihm das nicht wirklich reichte, kam noch ein Studiengang für Filmproduzenten an der Filmakademie Ludwigsburg hinzu. Wieder in München, gründete er 2009 die Produktionsfirma "Deutsche Exotik". Seitdem sind mehrere "halblange" Filme entstanden, "Mystery Cache" (2013) etwa, der einen Preis bei den Biberacher Filmfestspielen gewann. Und dann kam irgendwann die Idee, die Erinnerung an seine "magische Nacht" in Szene zu setzen: "Da ich Nightsession so authentisch als möglich gestalten wollte, kamen für mich nur echte Skateboardfahrer in Frage - also eben nicht die Variante, in der Schauspieler mit pseudo-szenigen Worthülsen um sich werfen, sich vermeintlich cool bewegen und bei den Skateboard-Szenen gedoubelt werden", sagt Dettmer. Die Darstellersuche gestaltete sich als langer Prozess. Inserate in Skateboard-Magazinen brachten zwar 400 Bewerbungen, doch als er sie gesichtet hatte, stellte er fest: Die waren es nicht. "Insgeheim habe ich wohl auch versucht, meine Truppe von damals nachzustellen", sagt Dettmer. Auf dem Titelbild eines Magazins, auf dem mehrere Skater eines Teams abgebildet waren, entdeckte er schließlich seinen ersten Mann, Thomas Eckert: Der wiederum brachte seinen Teamkollegen Jonas Rosenbauer mit ins Spiel, der seinerseits Sergio Grosu empfahl. Mit Pacel Khachab kam schließlich über Kameramann Chris Behnish der Vierte hinzu - Dettmers "Wunschformation" war komplett. Als sich innerhalb von fünf Drehnächten nicht nur der Film, sondern auch die Freundschaft der Jungs entwickelte, spürte der Regisseur: "Mein Experiment funktioniert".

Nightsession, D 2015, Donnerstag, 2. Juli, 12.30 Uhr, Atelier 2; Samstag., 4. Juli, 22 Uhr, HFF Audimaxx