Von Von Fritz Göttler

Amerika - das christliche zumindest - zählt die Tage bis zum Aschermittwoch, wenn Mel Gibsons "Die Passion Christi" in die Kinos kommt.

"Der Herr der Ringe" macht in diesen Tagen noch mal Furore, der letzte Teil von Peter Jacksons Trilogie sammelt Preise ein, was seine wohlbegründete Hoffnung nähren mag, diesen furiosen Parcours mit einer Hand voll Oscars am 29.Februar zu beenden.

Anzeige

An diesem Wochenende aber wird der Jackson-Lord durch die Aura eines anderen himmlischen Herrn überstrahlt, durch die biblische Kreuzigung Jesu Christi, Golgatha statt Mittelerde.

Seine Oscar-Runde hat Mel Gibson bereits absolviert, 1996 bekam "Braveheart", Hauptrolle und Regie:

Mel Gibson, insgesamt fünf Academy Awards, darunter den für den besten Film und den für den Regisseur.

Ein Erfolg, den keiner wirklich erwartet hatte - auch der Filmemacher nicht, der nicht gerade zimperlich war, als er den schottischen Freiheitskampf ausmalte:

"Ich weiß, dass sie mich dafür kreuzigen werden", erklärte er ein wenig kokett.

Passionen bestimmen sein Leben. Mel Gibson hat alles immer mit einer Leidenschaft getan, die sonst nicht vorkam im internationalen Filmgeschäft.

In seiner Jugend gab er den wilden Australier, war berüchtigt für seine Abenteuer mit Frauen und Alkohol, nach seiner Bekehrung zum Familienmenschen hat er mit der gleichen Entschlossenheit Religion praktiziert.

Die letzten zwölf Stunden

Und im Filmgeschäft eine Leidenschaft entwickelt, die bis zum Masochismus ging - von den messianischen Recht-und-Gesetz-Kämpfern "Mad Max" und Riggs in den "Lethal Weapon"-Filmen bis zum Freiheitskämpfer William Wallace in "Braveheart" und zum Racheengel Porter in "Payback", der sich alle Glieder seines Körpers einzeln zertrümmern lässt auf der Suche nach dieser ausgleichenden Gerechtigkeit.

Wann genau die Idee sich bei Mel Gibson festsetzte, er müsse die letzten zwölf Stunden im Leben Christi verfilmen, das lässt sich nicht mehr sagen, wann die Bereitschaft da war, 25 Millionen Dollar in dieses Projekt zu stecken - was auch für einen eine Menge ist, der genau diese Summe für eine Filmrolle in Hollywood bekommt.

Wann der Vorsatz unerschütterlich wurde, in zwei toten Sprachen zu drehen - Aramäisch und Latein - und ohne wirklich große Stars, wenn man von Jim Caviezel als Jesus und Monica Bellucci als Maria Magdalena absieht.

Noch schwerer sagen lässt sich allerdings, wann aus diesem ganz persönlichen, mit unglaublicher Energie, schließlich mit Fanatismus durchgezogenen Projekt - einem klassischen Karrierekiller - eins der ungewöhnlichsten und erfolgsträchtigsten Projekte der Filmgeschichte wurde.

Ein Mann und sein Lebenswerk... Man könnte an Michelangelo denken, wie er sich abquält, um die Wände und Decken der Sixtinischen Kapelle zu gestalten.

Ist der Papst katholisch?

Die Produktion des Films war ein Kraftakt an hermetisch abgeschotteten Drehorten.

Nicht die Ambition des Filmemachers hat aber schließlich den Anstieg der Erfolgskurve bestimmt, sondern die Befürchtungen, die bereits ein halbes Jahr vor dem Start artikuliert wurden.

Der Geist der political correctness machte sich bemerkbar, das Gespenst des Antisemitismus zog durch die öffentlichen Diskussionen.

Vertreter der jüdischen Öffentlichkeit meldeten sich zu Wort, an der Spitze Abraham Foxman, der Leiter der Anti-Defamation League.

Mel Gibson, so hieß es allenthalben, spielt mit dem Feuer, sein Film könnte den vorangebrachten Dialog zwischen Juden und Christen nachhaltig zurückwerfen.

Als Kronzeuge diente des Filmemachers Vater Hutton - ein hartgesottener Traditionalist, der das zweite Vatikanische Konzil geringschätzte, den Holocaust herunterspielte, eine jüdische Weltverschwörung witterte und Bücher publizierte mit Titeln wie "Is The Pope A Catholic?".

Um eben diesen Papst gab es schließlich ebenfalls noch Gezerre - hatte er nun nach Ansicht des Films den sloganträchtigen Satz "Es ist, wie es war" gemurmelt?

Den jüdischen Anklägern traten ebenso entschiedene Verteidiger entgegen, vom MPAA-Chef Jack Valenti bis zu Billy Graham - sie brachten ihre Erschütterung zum Ausdruck.

Die Agonie und die Ekstase, faith and fury, das sind wesentliche Momente in Mel Gibsons Vorstellung vom Kino.

Es ist die Unbedingtheit des Glaubens, eine Tendenz zum Fanatismus, die bei ihm umschlägt in ebenso kompromisslose Inszenierung. Jede Einstellung ist in strengen Konturen gemeißelt und gehämmert, unter Nutzung aller Effekte.

Mel Gibson erspart dem Zuschauer nichts, er zeigt die physische Zerstörung eines Menschen - und zwar derart, dass der Zuschauer jeden Schlag mitbekommt.

Auf verrückte Art konsequent

Der Heilige Geist wirkte durch mich, hat Gibson mal bekundet zu seiner Arbeit an der "Passion", und ich war nur der Verkehrspolizist dabei.

Was eine charmante Definition seines künstlerischen Ingeniums ist, aber auch ein schönes Alibi für alle Angriffe gegen den Film.

Mel Gibson ist auf seine Art so konsequent wie jene Verrückten, die ihre besonderen Plätze haben in der Filmgeschichte und denen die besondere Liebe der Cinephilen gilt, Rossellini und Nick Ray, Scorsese und Kenneth Anger - sie alle haben auch irgendwann ihre Passionsgeschichte abgeliefert.

Mel Gibson hat eine Mission, in der das Moralische mit dem Kinematographischen untrennbar verbunden ist.

Blutdurstige Juden, sadistische römische Soldaten, ein politisch korrekter Pilatus - es sind Genrefiguren, die im Dienste der großen Sache fungieren.

Dass der Held des Films, the Christ, physisch zerstört werden muss, damit er eine absolute Freiheit gewinnen kann, ist eine Formel in der Bibel des Actionkinos.

Es ist dessen Intensität, dessen Authentizität, der sich Mel Gibson verpflichtet sieht - und dabei nimmt er das Risiko in Kauf, antisemitische Affekte auszulösen.

Die Katharsis, mit der religiöse Gruppen seit Wochen Amerikas Christen zum Besuch animieren, ist erschütterndes, barbarisches Kino.

Der Wirrwarr der Worte, das Chaos von Anschuldigungen, Befürchtungen, manchmal ungeschickten Verteidigungen, das unwürdige Katz-und-Maus-Spiel, das Gibson mit seiner Geheimnistuerei praktizierte, all das hat die Intention des Films stark verschleiert.

Ob sie den christlich-jüdischen Dialog zurückwerfen wird, werden die kommenden Tage zeigen. Vielleicht haben wir kräftig bei der Promotion des Films geholfen, sagt Foxman.

Aber der Vatikan soll Farbe bekennen und den Zuschauern klar machen, was ihn erwartet: das Evangelium nach Mel Gibson.

Leser empfehlen 

(SZ vom 21.2. 2004)