Wenn, wie in der wichtigsten amerikanischen Filmzeitschrift Variety, jetzt allerdings die Rede davon ist, dass "This Is It" im Grunde doch ein seltsam indiskreter Film sei, weil er Dinge zeige, von denen Jackson selbst nie gewollt hätte, dass sie eine große Öffentlichkeit zu Gesicht bekommt - dann ist das mindestens eine erstaunliche Sichtweise. Denn letztlich ist der Film Dokument eines Perfektionismus, der offenbar keines Probierens mehr bedarf.
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Selbst in den viel zu raren Szenen, in denen nicht nur längst Vollendetes aufgeführt wird, also extrem dynamische Choreographien, aufwendig vorproduzierte Einspielfilme oder äußerst tight musizierte Arrangements seiner großen Hits, selbst in den seltenen und kurzen Szenen also, in denen man ihn mit den Musikern sprechen oder Tänzer anleiten sieht, hat man nie den Eindruck, es passiere etwas anderes als die reibungslose Umsetzung der Visionen des Meisters. Zähe Korrekturen oder nervenaufreibende Pannen und Wiederholungen finden nicht statt.
Und auch wenn man vermuten mag, dass es nicht im Sinne der Vermarkter gewesen sein dürfte, Derartiges zu zeigen, so darf auch davon ausgegangen werden, dass es solche Szenen kaum gab. Als Jackson etwa mit dem Keyboarder und musikalischen Leiter Michael Bearden einmal über einen kaum bemerkbaren Tempowechsel in "The Way You Make Me Feel" spricht, wird deutlich, worum es geht. Auf Beardens Einwurf, er könne nicht immer ahnen, wie jeder Song klingen solle, antwortet Jackson blitzschnell schlicht: "I want it like I wrote it." Er will es genau so, wie es auf der CD zu hören ist.
So schwach er also gewesen sein mag - er wusste, was er wollte: Die Leute sollten bekommen, was sie verlangten. Dafür war er offenbar bereit, jede Schmerzgrenze zu überschreiten. Seine beeindruckende Tanz-Performance zu "Billie Jean", während der er fast alterslos erscheint, ist ein unwirklich erscheinender Beweis von Selbstbeherrschung.
Und so sind Michael Jackson wahrscheinlich nicht zuerst der körperliche Verschleiß und seine irre Medikation in die Quere gekommen, die wahrscheinlich auch ein weit größeres Tier zur Strecke gebracht hätte, sondern sein Kunstbegriff. Es ist einer, der extrem modern erscheint, ganz und gar gegenwärtig, weil er auf Perfektion und Höchstleistung fußt, aber natürlich viel älter ist.
Der englische Maler Edward Burne-Jones etwa, von dessen Werk in der Staatsgalerie Stuttgart derzeit eine umfassende Retrospektive zu sehen ist, war überzeugt davon, dass man Gesichtern "ihren typischen Charakter" nehme und sie zu Porträts abwerte, "die für nichts mehr stehen", wenn man ihnen das verleihe, was "die Leute ,Ausdruck' nennen". Seine Bilder zeigen jugendlich androgyne, blasse Gesichter mit leicht eingesogenen Wangen, langen schmalen Nasen, Knospenmündern und spitzen Kinnpartien. Wer hätte da nicht sofort auch Jacksons Antlitz vor Augen? Für darstellungswürdig hielt Burne-Jones dementsprechend allein den Träumen Geliehenes: Mythen, Legenden, Sagen und Märchen. Ebenso hielt es der King of Pop.
Nur dass er eben nicht nur der virtuose Maler sein wollte, sondern auch noch das sagenhafte Bild. Das sagenhaft bewegte Bild. Was für ein Mann. Was für ein Leben. Man hätte beiden einen besseren abschließenden Film gewünscht - ein wahrerer als "This Is It" ist kaum vorstellbar.
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(SZ vom 29.10.2009/iko)
Ich halte diese Glorifizierung eines Künstlers, der seine beste Zeit seit Jahren hinter sich hatte, für völlig übertrieben.
war dieser Mann! Ich habe mir gestern den Film angesehen, ich kann nur jedes Wort unterschreiben. Ich war gerührt und fasziniert bis zur letzten Minute.