Kino Konfliktlösung im Kochtopf

Gérard Depardieu geht in der Tragikomödie "Tour de France" auf einen Roadtrip.

Von Kathleen Hildebrand

Was muss das für ein Konflikt sein, den eine Autofahrt durch die schönsten Gegenden von Frankreich nicht lösen könnte? Vorbei an blühenden Lavendelfeldern und sonnigen Küsten, mit Zwischenstopps in Käse-, Muschel-, Weinbistros?

Zumindest, wenn man mit Gérard Depardieu unterwegs ist, scheint es keinen Streit zu geben und keine Entfremdung, die nicht mit einem kleinen Frankreich-Roadtrip bereinigt werden könnte. Erst Ende vergangenen Jahres klapperte Depardieu in dem Film "Saint Amour" als gutherziger verwitweter Landwirt Frankreichs Weinbaugebiete ab, zusammen mit seinem Sohn, der kein Landwirt mehr sein wollte. Sie fuhren durchs Beaujolais, die Rhône hinunter und dann nach Bordeaux. Es gab Tränen und Gespräche, und am Ende waren Vater und Sohn versöhnt, die Zukunft des Milchviehbetriebs war gesichert.

"Yo yo! Bang Bang!" äfft der konservative Franzose den jungen Rapper nach

"Tour de France", der neue Reisefilm mit Depardieu, hat wesentlich höhere Versöhnungsambitionen. Er will nicht bloß einen Familienkonflikt lösen, sondern den einer ganzen Gesellschaft. Es geht um Frankreich, und letztlich um alle Länder, die gerade durch Debatten um Migration und nationale Identität gespalten werden. Der Rentner Serge (Depardieu) macht sich mit seiner Staffelei auf die Reise zu all jenen französischen Hafenstädten, die Claude Vernet im Auftrag von Ludwig XV. gemalt hat. Er tut das für seine Frau, die eigentlich dabei sein sollte. Aber jetzt ist sie tot, und Serge ist allein. Er hat sich eingeigelt in einem ärmlichen Haus in einer Kleinstadt im französischen Nirgendwo, pflegt seine Einsamkeit, seine Enttäuschung vom Leben - und mittlerweile auch einen Hass auf den Islam. Serge ist, zumindest auf den ersten Blick, die Karikatur des Arbeiters aus der Provinz, der früher überzeugter Linker war und jetzt Front National wählt.

Integration mit Muscheln, Käse und Wein: Gérard Depardieu.

(Foto: Arsenal Film/dpa)

Als Fahrer für seine Tour schickt ihm sein Sohn den jungen Far'Hook, einen Pariser Rapper mit weichem Kindergesicht, der wegen einer Rapperfehde Paris für eine Weile verlassen muss, gespielt vom echten französischen Rapper Sadek. Man kann sich vorstellen, dass Serge seinen Begleiter erst einmal nicht so recht in seinen Kleintransporter lassen möchte: Far'Hook ist arabischstämmig. Er macht Musik, die für Serge nichts als Lärm ist - "Yo yo! Bang bang!" äfft Depardieu und greift sich dabei in den Schritt -, und außerdem ist Far'Hook nicht sein verlorener Sohn Mathias, mit dem er viel lieber unterwegs wäre. Aber der nennt sich mittlerweile Bilal, ist zum Islam übergetreten und arbeitet in Paris als Far'Hooks Hip-Hop-Produzent.

Was auf diese Begegnung folgt, könnte man leicht und mit einigem Recht als vorhersehbar abtun. Natürlich motzt Serge noch eine Weile gegen Rap und gegen alles, was er an "den Arabern" unfranzösisch findet. Aber er staunt auch, als Far'Hook beim Frühstück sehr textsicher ein altes Chanson mitsingt und ein paar Tage später Baudelaires Gedicht "L'Albatros" zitiert. Natürlich schwärmt Serge missionarisch von der Schönheit der französischen Kultur. Er möchte, dass Far'Hook französische Muscheln probiert und sehr französischen Käse. Aber er ist auch nicht böse, wenn der junge Mann diesen Käse mit den Exkrementen von Außerirdischen vergleicht. Schließlich wird Far'Hook in einer Hafenstadt grundlos brutal von Polizisten gefilzt - und Serge geht dazwischen. Die altlinke Liebe zur Gerechtigkeit erwacht, und zwar so heftig, dass beide für eine Nacht im Gefängnis landen. Dort geschieht sie dann, die Verbrüderung aus der Erkenntnis heraus, dass Einwanderer und Arbeiter als Outlaws und Ausgebeutete doch einiges gemeinsam haben.

Dass man von dieser recht simplen Sozialfabel dann doch überraschend gerührt ist, liegt zum einen an der sanften Sensibilität, mit der Sadek sein Alter Ego Far'Hook spielt. Man nimmt ihm beides ab: Die Teenager-Verträumtheit, mit der er am Strand von La Rochelle einen toten Oktopus mit dem Handy filmt. Aber auch den spontanen Battle-Rap am Hafen von Marseille. Dass "Tour de France" funktioniert, liegt aber natürlich auch an einer Tatsache, die man über seine absurden Ungehobeltheiten in der Öffentlichkeit leicht vergisst: Gérard Depardieu ist ein formidabler Schauspieler. Einer, dem man am Ende dieses Films abnimmt, dass man Käse, Muscheln und Chansons sehr lieben - und trotzdem all das Neue akzeptieren und wertschätzen kann, das "die Araber" nach Frankreich bringen.

Tour de France, Frankreich 2016 - Regie, Buch: Rachid Djaïdani. Mit: Gérard Depardieu, Sadek, Louise Grinberg. Arsenal, 95 Minuten.