Kino Im Herzen der Teddy-Manie

Der Film "Goodbye Christopher Robin" erzählt, wie A. A. Milne "Pu, der Bär" erfand - und damit seinen Sohn ins Unglück stürzte.

Von David Steinitz

Am schlimmsten ist der Champagner, der ist eine richtige Folter. Wenn die Freunde im eleganten Londoner Salon die Korken knallen lassen, um auf A. A. Milne (Domnhall Gleeson) anzustoßen, dann fühlt sich der Kriegsheimkehrer bei jedem Knall wieder, als läge er im Schützengraben an der Westfront. Schweiß steht ihm auf der Stirn, die Hände zittern, ihm schwindelt.

Heute würde man wohl eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostizieren, im britischen Empire kurz nach dem Ersten Weltkrieg sollte ein Gentleman der Upperclass, zumal ein gefeierter Londoner Theaterautor wie Milne, aber schlicht Haltung bewahren. Der Krieg war gestern, und England hatte es sich im Hedonismus der Zwanzigerjahre bequem gemacht.

Wie Milne nicht nur trotz, sondern auch wegen seines unbewältigten Traumas zum Bestsellerautor wurde, indem er die Kindergeschichten um "Pu, der Bär" erfand, davon erzählt der britische Spielfilm "Goodbye Christopher Robin" - genauso wie von dem Preis, den der Schriftsteller für seinen Ruhm zu zahlen bereit war.

Weil ihm die Großstadt mit ihrem Lärm und ihren hysterischen Partys unerträglich wird, zieht Milne zu Beginn des Films mit seiner Frau und seinem achtjährigen Sohn Christopher Robin aufs Land nach Sussex. Eine britische Bilderbuchprovinz mit Wald, Wiesen und Backsteinhaus. Aber die neue Umgebung löst seine Probleme nicht, sondern verschlimmert sie. Ehefrau Daphne (Margot Robbie), flieht vor Mann und Kind bald zurück nach London, weil ihr beide unerträglich werden. Der Sohn macht ihr zu schaffen, weil er keine Tochter geworden ist, wie sie es sich immer gewünscht hat; und den Ehemann kann sie nur in seiner früheren Variante als Society-Dandy ertragen, nicht aber als depressiven Exsoldaten, der seine Schreibblockade mit einem Antikriegsmanifest zu überwinden versucht.

Der Vater brauchte einen Teddy, um den Krieg zu vergessen, beim Sohn war es leider umgekehrt

Also müssen Vater und Sohn, die auch kein inniges Verhältnis haben, plötzlich allein miteinander zurechtkommen. Auf langen Waldspaziergängen, an denen mehr das Kind den Erwachsenen führt als umgekehrt, kommt Milne eine Idee. Sein Sohn zieht immer seinen Teddybären hinter sich her. Und so erfindet er die Kurzgeschichten um einen Jungen, der auch in der fiktiven Version Christopher Robin heißt, und dessen tierische Freunde Pu, Ferkel und I-Ah. Diese Storys, zu denen Milnes Freund E. H. Shepard die Illustrationen anfertigt, werden schnell auf der ganzen Welt zum Erfolg.

A. A. Milne (Domnhall Gleeson, links) kam auf „Pu, der Bär“, weil sein Sohn Christopher Robin (Will Tilston) immer seinen Teddy mit sich herumschleppte.

(Foto: Fox)

Das könnte man als Liebeserklärung eines Vaters an seinen Sohn lesen und als Happy End ans Ende des Films setzen - die Erfindung von Pu ist aber erst sein dramaturgischer Wendepunkt. Dem britischen Filmemacher Simon Curtis, einem erfahrenen Biopic-Regisseur ("My Week With Marilyn"), geht es weniger um die Erfolgsgeschichte als um deren Konsequenzen für die Familie Milne. Während Ehefrau Daphne wegen des Ruhms umgehend zu ihrem Gatten zurückkehrt, wird der Sohn zum Leidtragenden einer weltweiten Pu-Manie. Die Eltern zerren ihn, den Paten der Kurzgeschichten, von einem PR-Termin zum nächsten: Interview, Fotoshooting, Spendengala, Benefizauftritt und wieder von vorn. Christopher Robin wurde zu einem der ersten Opfer der modernen Popkultur und ihres Celebrity-Wahns.

Der Vater brauchte einen Teddybären, um sich von seinem Kriegstrauma zu erholen, genauso wie die erschöpfte Gesellschaft - deshalb waren die Bücher auch so erfolgreich. Der Sohn aber braucht ein paar Jahre später einen neuen Krieg, um sich vom Bären zu befreien.

Als der Zweite Weltkrieg beginnt, meldet sich Christopher Robin freiwillig, um in die Anonymität der Armee zu fliehen, so sehr hatten ihn seine Eltern als Werbemarionette missbraucht.

Diese Vorlage gibt natürlich eine große Kinogeschichte ab. Das große Unglück von "Goodbye Christopher Robin" ist nur, dass die Filmemacher mit diesem Drama künstlerisch nicht Schritt halten können. Da wäre zum Beispiel das klassische Problem des Künstlerfilms, den Heureka-Moment des Genies einzufangen, wenn ihm sein großer Wurf einfällt. Das mag oft genug ein introvertierter Vorgang sein, was im Kino aber keinerlei Schauwert hat. Deshalb muss der Milne-Darsteller Domnhall Gleeson die Augen weit aufreißen und, in Ehrfurcht vor sich selbst, erhaben in die Ferne starren, damit auch jeder Zuschauer versteht: Aha, jetzt kommt Pu. Dazu legen die Drehbuchautoren Frank Cottrell Boyce und Simon Vaughn ihm Sätze in den Mund, die kein Mensch jemals so sagen würde. Dieser Milne sagt Dinge wie: "Ich will, dass die Menschen endlich verstehen." Das macht ihn zum Abziehbild eines Protagonisten mit echten Emotionen.

Das größte Problem aber ist Pu selbst, den man im Film nur als Spielzeugteddy des Sohnes oder als unausgereifte Skizze zu sehen bekommt, nie aber als finales Produkt von Milnes Fantasie. Das ist ungefähr so, als hätte man Jake LaMotta in "Raging Bull" nie boxen sehen, oder als hätte man in "Walk the Line" auf alle Johnny-Cash-Songs verzichtet: In "Goodbye Christopher Robin" wird Milnes Genie nur behauptet, aber nie bewiesen. Das allerdings ist nur bedingt die Schuld des Regisseurs. Denn der Film ist eine Produktion des Fox-Studios, die Leinwandrechte für den Original-Pu liegen jedoch bei Disney. Disney wiederum bringt Mitte August "Christopher Robin" in die Kinos, eine eigene Fortschreibung der Legende - mit Blockbusterbudget und Originalbär. Dieser Film wird nicht vom Kind, sondern vom erwachsenen Christopher Robin erzählen, gespielt von Ewan McGregor. Einen Weltkrieg später steht er dann an jenem Punkt seines Lebens, an dem sein Vater damals beschloss, seinen Sohn für den Teddy zu opfern. Die Frage ist nur, wie viel von diesem echten Trauma in einem Disneyfilm übrig bleiben wird.

Goodbye Christopher Robin, GB 2017 - Regie: Simon Curtis. Buch: Frank Cottrell Boyce, Simon Vaughn. Mit: Domnhall Gleeson, Margot Robbie, Kelly MacDonald. Fox, 107 Minuten.