Blutrünstig, brutal, pubertär: Der sechste Teil von "Harry Potter" ist eine Mischung aus mittelprächtigem Actionspektakel und Highschool-Melodram.
Es gibt nicht viel, was die Verfilmungen der Harry-Potter-Bücher tatsächlich über ihre Romanvorlagen erheben würde - außer dass man als Erwachsener jedesmal ein Rendezvous hat mit den großen Mimen der britischen Bühnen, der halben Royal Shakespeare Company, die man als Gelegenheits-Kinostars liebt und die die Potter-Produzenten sozusagen auf Jahre vom Markt weggekauft haben: Dame Maggie Smith beispielsweise und der wunderbare Alan Rickman als Severus Snape.
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Es wird pubertiert auf Teufel komm raus: Harry Potter (Daniel Radcliffe) und Ginny Weasley (Bonnie Wright ) müssen nicht nur mit Todessern zurechtkommen, sondern auch mit ihren Hormonen. (© Foto: ddp)
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Diesen Severus, Professor für Zaubertränke, verdächtigt Harry, ein Jünger Voldemorts zu sein, und er kann nicht verstehen, warum der Hogwartsdirektor und Oberzauberer Dumbledore Severus vertraut. In "Harry Potter und der Halbblutprinz" tut Severus Snape Dinge, die selbst Harrys Phantasie überfordern, Bellatrix Lestrange (Helena Bonham Carter) hat Severus zu einem Pakt überredet. Aber wie der Handlungsstrang um diesen Mann in Teil sieben sich dann auflösen wird - das hätte man eigentlich wissen müssen, als Alan Rickman, der König der noblen Gesten, die Rolle das erste Mal spielte, 2001, im ersten "Potter"-Film. Das war vier Jahre, bevor Joanne K. Rowling Band 6, den "Halbblutprinzen", geschrieben hat, gar nicht zu reden vom alles erklärenden Band 7. Das ist eigentlich eine sehr schöne Vorstellung: Dass Rickman seine Papiervorlage mit Leben und Charisma und Schicksal erfüllt hat.
Der Rest von Potter Nr. 6 ist eine Mischung aus mittelprächtigem Fantasyactionspektakel und Highschool-Melodram. Die Jung-Stars Daniel Radcliffe, Emma Watson und Rupert Grint sind herangewachsen, und mit ihnen ihre Figuren. Es wird pubertiert auf Teufel komm raus, blödsinnig gelitten unter der ersten Liebe. Ron Weasley schleppt die Schulschlampe ab, obwohl Hermines Herz nur noch für ihn schlägt; und auch der junge Potter folgt seinen Hormonen. "Flirty Harry" nannten die englischen Boulevardzeitungen bislang einen ihrer Prinzen, aber jetzt passt's auch hier. Ansonsten geht der Kampf zwischen guten und bösen Zauberern in die nächste Runde. Es herrscht Krieg in Hogwarts.
Harry wird von Dumbledore gebeten, sich um die Gunst des neuen - und schon früheren - Zaubertrank-Professors (Jim Broadbent) zu bemühen, da der aus seiner ersten Amtszeit Erinnerungen an den jungen Voldemort hat. Da kommt das Denkarium aus Dumbledores Trickkiste zum Zug: Kleine Fläschchen mit Erinnerungen, die man in Wasser gießt und dann sehen kann. Bahnbrechend ist dieser Effekt nicht , im Kino nennt man das Rückblende. Das mag Kinder nicht stören, aber man kann natürlich den ganzen Film für eine Denkariumsitzung halten: Die tosenden Wassermassen aus dem Computer, die Quidditch-Spiele, der junge Voldemort, der aussieht wie aus einem anderen Film ("Das Omen"), und Helena Bonham Carter, die inzwischen so oft in Filmen in ihrem viktorianischen Hexenoutfit aufgetreten ist, dass man sich fragt, ob sie es auch privat trägt. Dafür werden die Kämpfe immer brutaler, blutrünstiger und tödlicher.
Man kann immer argumentieren, dass die ganze Potter-Reihe so weltfremd ist, dass das fast nichts macht, dass die Zauberer und ihre Lehrlinge mit uns nur ihre Sterblichkeit gemein haben; nicht mal die Muggel sind so richtig menschlich. Aber das Verhältnis von Hogwarts zur Wirklichkeit wird eigentlich immer seltsamer, je weiter die Geschichte fortschreitet. Es herrscht also Krieg im sechsten Teil - ein Kampf, der manchmal merkwürdige Assoziationen zum realen Krieg gegen den Terror evoziert.
Wenn Hogwarts verriegelt und verrammelt wird und die Schülertaschen durchsucht, beispielsweise. Warum eigentlich können die Zauberlehrlinge sich selbst unsichtbar machen, aber nicht die verbotenen Gegenstände, die sie im Handgepäck mitführen? Es kommt einem vor, als spielte das alles in einem reaktionären, viktorianischen Paralleluniversum, einem Zerrspiegel, in dem einem zwar manchmal die Dinge bekannt vorkommen, die Gesetze der Logik aber außer Kraft gesetzt sind. Darüber, ob solche Verquickungen harmlos sind und kindertauglich, kann man streiten.
Die Potter-Filme öffnen sich für Zaungäste dabei immer weniger - wer im Potter-Universum mitkommen will, muss in die Materie eingearbeitet sein. Nun ist es ja durchaus möglich, Figuren so zu etablieren, dass ein Neuankömmling sie versteht und der hartgesottene Fan sich trotzdem nicht langweilt; aber so kunstvoll sollen die Potter-Filme gar nicht sein. Sie sollen in Bibeltreue J.K. Rowlings Wort verbreiten; mehr wird nicht verlangt, jedes künstlerische Eigenleben ist ihnen verboten, es schleicht sich höchstens ein. Ist auch das nicht eigentlich irgendwie reaktionär?
HARRY POTTER AND THE HALFBLOOD PRINCE, USA/GB 2009 - Regie: David Yates. Drehbuch: Steve Kloves. Nach dem Roman von Joanne K. Rowling. Kamera: Bruno Delbonnel. Mit: Daniel Radcliffe, Emma Watson, Rupert Grint, Michael Gambon, Alan Rickman, Helena Bonham Carter, Maggie Smith. Warner, 153 Minuten.
(SZ vom 16.07.2009/jeder)
Umweltstiftung WWF in der Kritik
Tatsächlich hat die Autorin Recht, wenn sie beklagt, daß die Pubertätsszenen als Vorwand genommen werden, um die an sich sehr spannende Handlung nicht voranzutreiben. Man kann niemandem erklären, warum die Jagd auf die 7 Horkruxe nicht zum Thema des Films gemacht wurden.
Aber: Der Roman ist nun mal ein coming-of-age-Roman und wer das erste Verliebtsein als "blödsinnig" (im Sinne von "sehr" oder von "schwachsinnig"?) bezeichnet, kann sich wohl nicht mehr an das eigene Zerissen-Sein erinnern, das nie wieder so intensiv, unmittelbar und ungedämpft ist, wie eben beim ersten Mal.
Ansonsten: Ja, das ist ein Paralleluniversum (ebenso wie Herr der Ringe), man geht davon aus, daß es mittlerweile genug Wissende gibt und verzichtet auf Erklärungen. Ich wünschte mir del Toro als Regisseur für den 7. Teil, aber das wird wohl ein Wunsch bleiben.
Also, wie ich schrieb, sind die Filme Murks im Vergleich zu den Büchern, da muss man sich nicht drüber unterhalten. Sie sind zu gekürzt und trotzdem vielleicht wirklich überladen.
Deshalb rede ich nur von der Vorlage.
Allerdings, was heißt schon:"Nicht kindertauglich"?
Wenn ich mir Grimms Märchen, Wilhelm Buschs Geschichten und nicht zuletzt die Bibel so anschaue, kommt Harry Potter aber noch ganz gut weg.
" Bücher über Verantwortung und den Kampf für Freiheit und Toleranz. " ???
Was ich sah ist ist teils Vorschieben hoher Werte, dahinter Feind- und Angstbilder von der Welt. Das Leben wird für die Kinder kompliziert.
Was möglicherweise sämtliche Verfilmungen - die ich sah, und das waren nicht die letzten - an sich haben, ist eine materialistische Schau / Technoprotz, eine Überladung und Getöse.
Das ist eine typisch angloamerikanische Produktion.
Von den Buchwerken kann ich nicht reden, da ich keines las. Wahrscheinlich hat die Autorin sehr viel mehr Ideale und möglicherweise wollte sie auch gar nicht dieses filmische Debakel.
Was soll der Hinweis auf " Verantwortung und den Kampf für Freiheit und Toleranz " ?
Ist das wirklich ernst gemeint. Der SZ-Artikel sagt ganz klar, was mit diesem jetzigen Film ist. Der dürfte eine Übersteigerung von dem sein, den ich zuletzt sah.
cc.
" ca-canaris: Der Westen verdirbt seine Kinder
Die beiden bisher angesehenen H-P-Filme gefielen mir nicht. Gelesen habe ich kein einziges Buch. Was ich jetzt so höre und lese klingt nach materialistischer Ausgeburt und Überladung. Kindertauglich dürfte das alles ohnehin nicht sein. Der Westen verdirbt seine Kinder. So ist es wohl.
cc. "
Unsinn!
Die Potter Bücher sind Bücher über Verantwortung und den Kampf für Freiheit und Toleranz.
Kein Wunder also, dass die Kirche so gegen die Bücher ist.
Die beiden bisher angesehenen H-P-Filme gefielen mir nicht. Gelesen habe ich kein einziges Buch. Was ich jetzt so höre und lese klingt nach materialistischer Ausgeburt und Überladung. Kindertauglich dürfte das alles ohnehin nicht sein. Der Westen verdirbt seine Kinder. So ist es wohl.
cc.
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