Kino-Erfolg aus China: "Lost in Thailand" Slapstick auf dem Hamsterrad

In nur vier Wochen ist eine seichte Kinoklamotte zum erfolgreichsten chinesischen Film aller Zeiten avanciert: In "Lost in Thailand" stolpern zwei Pekinger hilflos durch Thailand und legen sich mit Transvestiten an. Die Witze sind eher billig, doch genau das macht den Film im Reich der Mitte mit seiner bierernsten Kulturpolitik so erfolgreich.

Von Kai Strittmatter, Peking

Zuerst einmal: Es gibt schlimmere Filme als "Lost in Thailand". Schlechter gefilmte. Unsympathischere. Es gibt aber auch lustigere, bewegendere, weniger vorhersagbare. Es gibt also bessere Filme, und zwar nicht wenige. Und so bleibt das Rätsel: Was bloß ist hier passiert? Wie konnte eine billige Kinoklamotte in gerade mal vier Wochen zum erfolgreichsten chinesischen Film aller Zeiten werden?

Die heimischen Historien- und Kung-Fu-Epen ließ die Low-Budget-Komödie schon nach wenigen Tagen im Staub zurück, dann ging es vorbei an Hollywood: "Transformers III", "Titanic" - längst überholt. Jetzt liegt nur noch "Avatar" vor "Lost in Thailand" auf der ewigen Bestenliste an Chinas Kinokassen.

1,2 Milliarden Yuan Einnahmen. Für einen Film, der gerade mal 30 Millionen Yuan gekostet hat, umgerechnet 3,6 Millionen Euro. Für einen Schauspieler (Xu Zheng), der hier sein Erstlingswerk als Regisseur abgeliefert hat. Für eine Produktionsfirma (Enlight Pictures), über die sich die Szene schon als Flop-Fabrik lustig gemacht hatte. Für eine Komödie, in der zwei Pekinger hilflos durchs malerische Thailand stolpern und sich dabei mit Transvestiten und Gangstern, vor allem aber miteinander anlegen: Der eine (Xu Zheng) ist ein Wissenschaftler und Karrieremensch, der das große Geld sucht und darüber seine Familie opfert; der andere (Wang Baoqiang) ist Zwiebelfladenbäcker und ein solcher Einfaltspinsel, dass er tatsächlich an das Gute im Menschen glaubt. Unterwegs geht, untermalt von Slapstick, Action und auch Drama, einiges in die Brüche, an vorderster Stelle der ehrgeizige Lebensentwurf des smarten Xu, und am Ende finden alle zu den wahren Werten: Liebe, Freundschaft, Familie.

Bloß ein simpler Film?

So weit so unspektakulär. Aber mehr als 30 Millionen Zuschauer? Mehr als acht Millionen Kommentare auf Weibo, Chinas Mikrobloggingdienst? Regisseur und Hauptdarsteller Xu Zheng scheint der Erfolg selbst unheimlich. "Ich habe doch bloß einen simplen Film gemacht, einen ganz normalen. Ich wollte auch bloß ein normales Ergebnis", sagte er der Pekinger Zeitschrift Economic Observer. Der Film gehöre schon lang nicht mehr ihm, sagte er dann noch: "Der ist längst ein Pferd ohne Zügel." Auf und davon.

Wang Changtian, der Chef der Produktionsfirma, bat das Publikum noch, "bloß nicht zu viel in den Erfolg hineinzuinterpretieren", aber da waren die Erklärer schon zugange. Am meisten Echo fand Zhang Yiwu, ein Professor der Peking-Universität, der in dem Film einen Spiegel sieht für Chinas neue Mittelschicht mit all ihren Sorgen und Ängsten. Die urbane Klasse jage "nach Erfolg und materiellem Wohlstand, während sich gleichzeitig viele erschöpft, verwirrt und verloren fühlen."

"Lost in Thailand" zeige "die Zerbrechlichkeit der Stadtmenschen", die beiden Protagonisten seien zwei Seiten derselben Medaille: Auf der einen Seite gerate da einer von den 'gao fu shuai' aus dem Gleis, einer von den Schönen und Erfolgreichen also, auf der anderen Seite ein 'diaosi' ein Loser.