Kino Die Welt ist doch genug

Armando (Alfred Castro) und Elder (Luis Silva) im Venedig-Sieger "Desde Allá/From Afar".

(Foto: Alexandra Bas)

Glanzvoller Abschluss am Lido: Nach langer Schwächephase beeindrucken die Filmfestspiele von Venedig in diesem Jahr mit einem Programm, in dem die Wirklichkeit über die Fiktion triumphiert.

Von Susan Vahabzadeh

Von den großen Filmfestivals hat es keines so schwer wie das von Venedig. Die Mostra hat kein Geld, neben dem roten Teppich klafft seit Jahren der teuerste Krater Europas, aus dem mal ein neuer Filmpalast werden sollte und in dem nun Asbest vor sich hinrottet; und das Festival in Toronto, nur eine Woche später im Kalender und für die amerikanischen Filmemacher viel günstiger gelegen, hat in den letzten Jahren oft einige Glamour-Premieren gehabt, die dann in Venedig schmerzlich vermisst wurden. Die 72. Filmfestspiele von Venedig haben dann aber gezeigt, dass mit diesem Festival trotz aller Widerstände noch zu rechnen ist.

Das lag nicht nur daran, dass es Venedig gelungen war, Toronto Johnny Depp wegzuschnappen - die "Black Mass"-Premiere fand auf dem Lido statt. Sondern vor allem daran, dass Festivaldirektor Alberto Barbera ein richtig schönes Programm zusammengestellt hat, das über eine bloße Abfolge von Filmvorstellungen hinausweist. Es gab viel mehr Experimentelles zu sehen, und man konnte ganz gut eine Entwicklung nachvollziehen, die das Kino in der ganzen Welt tatsächlich durchmacht: Es gibt einen Vertrauensverlust in die reine Fiktion. Immer mehr Stoffe sind aus dem echten Leben destilliert, als würde die Welt durch erfundene Geschichten noch unübersichtlicher werden, als sie ohnehin schon ist. Und vielleicht hat das auch mit demselben Bedürfnis des Publikums zu tun, das vor einigen Jahren den echten Dokumentarfilmen zu sehr viel Erfolg verholfen hat: der Sehnsucht, sich tatsächlich anderthalb Stunden lang mit einem Thema zu befassen, statt in derselben Zeit fünfzig Themen nicht wirklich zu begreifen.

"Der Clan" von Pablo Trapero ("Wild Tales"), der dann auch den Silbernen Löwen bekam, war einer dieser Filme, die auf einer wahren Begebenheit basieren. Er erzählt von einem Mann, der zur Zeit der argentinischen Militärjunta aus Entführung und Mord ein blühendes Familienunternehmen macht - ein politisches Klima gebiert eine neue Form der Kriminalität. Den Goldenen Löwen bekam indes ein anderer Film aus Lateinamerika, und zwar ausgerechnet einer, der nicht nur eine fiktive Geschichte erzählt, sondern eine, die an den Haaren herbeigezogen zu sein scheint.

Armando, ein mittelalter, grauer, durch und durch unauffälliger Mann bezahlt in "Desde Allá/From Afar" von Lorenzo Vigas den jungen Mann Elder dafür, dass er ihn halb nackt ausziehen kann. Elder, so männlich und ruppig, wie es das Leben auf den Straßen von Caracas verlangt, schlägt ihn erst nieder, kommt dann wieder, weil er sich gern ein Auto kaufen möchte und verliebt sich dann in Armando, obwohl Schwulsein vorher gar nicht denkbar war in seinem Leben. Armando aber ist so in sich zurückgezogen, dass er sich auf eine echte Beziehung gar nicht einlassen kann. "Desde Allá" ist der erste Film aus Venezuela, der je in Venedig im Wettbewerb lief, und technisch ist er konventionell bis auf eine Überdosis Unschärfen, die wohl die Bindungsprobleme der Protagonisten spiegeln soll, wahrlich kein Meisterwerk. Am Drehbuch hat der Mexikaner Guillermo Arriaga mitgearbeitet, der beispielsweise "21 Grams" geschrieben hat - und so spekulativ überdramatisiert wie Arriagas andere Drehbücher ist am Ende dann auch "Desde Allá". Präsident der Jury in Venedig war der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón ("Gravity"), der sich für die zwei Lateinamerikaner auf den ersten Plätzen dann prompt rechtfertigen musste, aber beteuerte, er habe in der Jury so viel zu melden gehabt "wie der König von Schweden". Wenn er das so sagt.

Die Preise mögen verdient sein - nur spiegeln sie nicht die Stärken des Wettbewerbs

Der Rest der Preise, inklusive des Silbernen Löwen, war dann aber über Streitfragen erhaben: Den Grand Prix der Jury bekam "Anomalisa", der traurigste Puppentrickfilm aller Zeiten - gedreht haben ihn, in aufwendiger Stop-Motion-Technik, Charlie Kaufman, Autor von "Being John Malkovich", und Duke Johnson. Da geht es um einen Mann, der vor Einsamkeit und Verlorenheit fast den Verstand verliert. Er verliebt sich dann auf einer Dienstreise nach Cincinnati in eine Frau, Lisa, die für ihn der einzige Mensch wird, den er wirklich wahrnimmt. Im Film sieht man das daran, dass die Züge aller anderen Puppen identisch sind - nur die beiden Hauptfiguren haben individuelle Gesichter. "Anomalisa" ist nicht nur ein Trickfilm, wie ihn vorher noch keiner gemacht hat - es ist auch die perfekte Darstellungsweise für diese Geschichte.

Die Darstellerpreise gingen an den Franzosen Fabrice Luchini, der sehr komisch einen menschenfeindlichen Richter spielt in "L' hermine" und an Valeria Golino für "Per amor vostro", als neapolitanische Ehefrau, die nicht mehr darüber hinwegsehen kann, dass ihr Mann fürs organisierte Verbrechen arbeitet. Den Jury-Preis bekam "Frenzy" des Türken Emin Alper, der den Polizeistaat anhand eines paranoiden Brüderpaars als Albtraum ausmalt.

Geht alles in Ordnung, es ist nur schade, dass diese Auswahl, mit der Ausnahme von "Der Clan", so gar nicht die Stärken dieses Wettbewerbs spiegelt. Es gab, was wirklich ungewöhnlich ist, vier starke essayistische, experimentelle Arbeiten an der Grenze zur Dokumentation: Amos Gitais "Rabin - The Last Day", Alexander Sokurovs "Francofonia" über die Rettung des Louvre im Zweiten Weltkrieg, Laurie Andersons wunderschönes, kluges Trauerstück "Heart of a Dog", und "Behemoth" des Chinesen Liang Zhao, der Minen- und Stahlarbeitern beim Schuften und beim Sterben zusah. Dazu die Spielfilme, die sich auf reale Ereignisse beziehen, Xavier Giannolis " Marguerite" oder Tom Hoopers "The Danish Girl" mit Eddie Redmayne, über die erste Geschlechtsangleichung. Es war eigentlich ein Wettbewerb mit vielen Favoriten; das gibt es gar nicht oft. Und gegen Geldmangel und Baustellen wehrt sich ein Festival am besten mit Filmen, die das Streiten wert sind.