Kino Der Koloss

Peter Kurth ist ein Hundert-Kilo-Theatertier mit großer Fangemeinde. In Thomas Stubers Film "Herbert" wuchtet er nun sein Können auf die Leinwand - als alter Boxer, dessen Körper den Dienst quittiert.

Von Christine Dössel

Dem Kerl kommt man besser nicht in die Quere. Die Kamera zeigt ihn stiernackig von hinten und schmerbäuchig von der Seite, man sieht, wie er stöhnend den Boxsack bearbeitet, sich vor dem Spiegel den Kopf rasiert, nachts im Puff einem Typen die Fresse poliert: Herbert Stamm, ein Fleischklops von einem Mann, ein Knochenbrecher, so maulfaul wie mürrisch, Oberkörper, Hände und Arme mit Tattoos übersät. "Torgau" steht in riesigen Lettern quer über seinem Schulterblatt. Man könnte ihn für einen Rechtsradikalen halten.

Aber Herbert ist nicht politisch, so wenig wie er sozial ist. Er gehört niemandem an. Er ist einfach Herbert, der Boxer, zu DDR-Zeiten "der Stolz von Leipzig" genannt, dann an einer Profikarriere vorbeigeschrammt und im Knast gelandet, JVA Torgau. Jetzt, mit über fünfzig, boxt er sich als Inkasso-Schläger und Türsteher im Leipziger Rotlichtmilieu durch und trainiert den Nachwuchs (Edin Hasanovich). Herberts Kapital ist sein Körper, seine Faust.

Peter Kurth sei ein "Plastiker", der seine Figuren wie Skulpturen erschafft, sagt sein Entdecker Armin Petras. Für "Herbert" legte Kurth noch mal zehn Kilo Muskelmasse zu.

(Foto: Verleih)

Er kann und kennt nichts anderes. Es ist wichtig, dass der Film, der Herberts Geschichte erzählt und auch seinen Namen trägt, den Titelhelden derart massiv als Kraftpaket einführt. Das macht die Fallhöhe umso größer - und den Fall so tragisch. "Herbert" ist nämlich kein klassischer Boxerfilm, sondern eine Verfallsgeschichte, eine Krankheits- und Milieustudie, die ins Herz knallt. Der Regisseur Thomas Stuber, der mit "Herbert" sein bemerkenswertes Langfilmdebüt gibt, hat das Drehbuch zusammen mit dem Schriftsteller Clemens Meyer geschrieben, nach einer Vorlage von Paul Salisbury: ein Drama ohne viele Worte, aber mit erstaunlichem Mut zum Sentiment und einem großen Wissen um die Blessuren und Niederlagen des Lebens.

Schon in der ersten Einstellung sieht man Herberts Hände beim Waschen zittern. Wenig später reißt es ihm im Boxclub unter der Dusche die Beine weg, er liegt da wie k.o. geschlagen. Herbert kommt um ärztliche Untersuchungen nicht herum. Die Diagnose: Amyotrophe Lateralsklerose - ALS. Die unheilbare Nervenkrankheit wird im weiteren Verlauf des Films Herberts Muskeln schwächen und seinen Körper lahmlegen, ihm seine komplette Bewegungs- und Sprechfähigkeit rauben, bis er am Ende fast nur noch über die Augen kommunizieren kann.

Wurde 2014 als Theaterschauspieler des Jahres ausgezeichnet: Peter Kurth.

(Foto: Fabian Schellhorn)

Das zu spielen ist eine Herausforderung. Der kolossale Peter Kurth bewältigt sie mit dreinschlagender Bravour - eine sensationelle Leistung. Wer diesen stoischen Extremschauspieler noch nicht auf seiner persönlichen Favoriten-Liste hatte, etwa weil er zu selten ins Theater geht, wird spätestens hier seine Meisterschaft erkennen müssen. Mit "Herbert" erreicht Kurth endgültig die Champions League des schauspielerischen Schwergewichts.

"Ist natürlich ein Geschenk, so eine Rolle", sagt Kurth in seiner trockenen Art, als er einem in der Kantine des Stuttgarter Schauspiels mit einer Bionade gegenüber sitzt und von der Freude erzählt, "so einen Bogen spielen zu dürfen", von der prallen Physis zum totalen Ausdrucksminimalismus. Peter Kurth, gebürtiger Mecklenburger, Typ Kumpel aus der Kneipe ums Eck, ist ein von Natur aus korpulenter, robust wirkender Mensch, der, wie er zugibt, ein "völlig unverkrampftes Verhältnis" zu seinem Körper hat. Das macht er sich schauspielerisch grandios zunutze. Im Theater, wo der 59-Jährige zu Hause ist und eine riesige Fangemeinde hat, ist sein Bauch fast schon eine Berühmtheit für sich, die coole Wampe hatte unvergessene Starauftritte.

Als Onkel Wanja in der Stuttgarter Inszenierung von Robert Borgmann wirft Kurth sich bäuchlings gegen einen Volvo, wiegt sich tänzelnd in den Hüften und setzt seine Plauze provokativ clownesk als Frustzentrum seines Lebensekels ein. Eine reife Spaßterrorleistung, sie brachte ihm 2014 den Titel "Schauspieler des Jahres" ein.

Für den Boxer Herbert musste Kurth jetzt noch mal zulegen, das heißt vor allem: Muskelmasse aufbauen. Binnen eines Vierteljahres futterte und rackerte er sich Robert-de-Niro-mäßig zehn Kilo drauf, dafür machte er Box-Training und nahm sich einen Personal-Trainer. Dann mussten während der Drehzeit - es wurde chronologisch gefilmt - wieder 14 Kilo runter, um Herberts Verfall zu zeigen.

Wie man das in wenigen Wochen schafft? "Neandertaler-Diät", sagt Kurth, "nur Fleisch und Salat." Nein, schwer gefallen sei ihm das nicht: "Da entsteht auch ein Sog, so eine Euphorie. Ich bin noch nie so gerne so früh aufgestanden wie in dieser Zeit." So ausgemergelt wie gegen Ende des Filmes sieht Kurth längst nicht mehr aus, er wiegt wieder knapp hundert Kilo, er sagt: "mein Kampfgewicht".

Wie der Körperschauspieler Kurth als ALS-Patient Hebert seine Körperfunktionen nach und nach verliert, ist beklemmend. Der Verfallsprozess wirkt so dokumentarisch authentisch, dass er einem quälend nahe geht. Der Muskelprotz wird zum lallenden Wackelpeter am Stock, schließlich zum Wrack im Rollstuhl, das gewaschen, gewindelt, gepflegt werden muss. Ein Zucken mit dem gelähmten Mund, ein Sehnsuchtsblick aus seinen wasserblauen Augen - mehr Regungen bleiben ihm am Ende nicht. Äußerlich. Innerlich sieht es in dem Mann ganz anders aus. ALS greift die Nervenzellen an, die die Muskeln steuern, nicht das Hirn. Geistig ist Herbert reger als je zuvor in seinem Leben, und Kurth legt all diese Energie in sein warmes, ehrliches Proletengesicht, aus dem manchmal der Schalk blitzt. "Lebensbejahend" findet er den Film. Je weiter Herbert physisch verfällt, desto mehr kommt er als Mensch zu sich. Anfangs noch etwas unbeholfen und tapsig, dann immer selbstbewusster. Es ist berührend, das zu sehen. Der Muffel, der sich bisher nur über Kraft definiert und jede Form von Zuneigung abgelehnt hat, öffnet sich und hinterfragt sein Leben. Herbert nimmt die Krankheit an: "Ich bin Boxer. Immer gewesen. Wenn das mein letzter Kampf sein soll, dann ist das so." Hat Herbert die ihn trostlos liebende Marlene (Lina Wendel) kurz vorher noch schnöde abgewiesen, geht er jetzt mit ihr zum Tanztee, ganz altmodisch, es ist ein bisschen wie im "Letzten Tango von Paris", aber Herbert ist ohnehin ein Mann von gestern, er hat auch noch nie etwas im Internet gegoogelt. Für eine kurze Zeit probiert er mit Marlene ein Zusammenleben. Bis er sich und ihr das nicht mehr antun will. Dann ist da noch diese Tramfahrerin, der Herbert humpelnd folgt: seine Tochter. Er hat sie zuletzt als Sechsjährige gesehen, sich nie gekümmert. Lena Lauzemis spielt sie mit großen, verletzten Blicken, ihre herbe Abweisung erzählt eine eigene Leidensgeschichte. Sie will von diesem Vater nichts wissen, auch die Enkeltochter entzieht sie ihm. Herbert ist nicht nur ein Krankheitsfall, er steht auch exemplarisch für die Abgehängten unserer Effizienz- und Wohlstandsgesellschaft. Thomas Stubers in Leipzig gedrehter Film beleuchtet wie nebenbei Deutschland von unten, ein Nischen-Deutschland der Plattenbausilos, Spielhallen und prekären Existenzen, eingefangen in Bildern von trauriger Armseligkeit, denen gleichzeitig eine ganz eigene Schönheit innewohnt. Die Sprachlosigkeit, die den Film durchzieht, prägte auch Fassbinders frühe Filme, oder die Theaterstücke von Kroetz.

Die Unaufdringlichkeit, mit der das gefilmt ist, obwohl Peter Matjaskos Kamera Herbert extrem auf die Pelle rückt, ist beeindruckend, der Mut zur Poesie auch. Das ist großes Gefühlskino, das - nun ja: fast - aller Kitschgefahr entgeht. Wenn Herbert in einer Suff-Nacht mit seinem alten Tätowierer-Kumpel Specht (Reiner Schöne) auf dem Schoß im rasenden Rollstuhl eine Straße hinunterprescht, weil sie doch immer den Traum hatten, mit der Harley die Route 66 zu machen - dann ist das natürlich auch "Knockin' on Heaven's Door". Ein paar Genre-Klischees müssen sein.

"Herbert" ist Peter Kurths Triumph - und hoffentlich sein später Durchbruch

Stuber, Jahrgang 1981, gewann 2012 für seinen Kurzfilm "Von Hunden und Pferden" einen Studenten-Oscar, schon damals schrieb der milieusichere Clemens Meyer die Story. Beide sind Leipziger und kennen ihren Kiez. Sie bilden das Dream Team eines wieder ernsten und ernst zu nehmenden deutschen Erzählkinos in sozialkritischer Tradition.

"Herbert" ist trotzdem zuallererst Peter Kurths Triumph - und hoffentlich, nach all den "Tatort"- und Bösewichtrollen, die er in Film und Fernsehen hatte, sein später Durchbruch. Kurth bringt in diesem Film aufs Anrührendste ein, was ihn auch als Theaterschauspieler auszeichnet: diese Mischung aus süffiger Kraft und fein dahinter aufscheinender Zartheit. Auch dieses Trotzige, Widerständige, das er hat.

Der Stuttgarter Intendant Armin Petras nennt Kurth einen "Plastiker", der seine Figuren wie Skulpturen erschafft, "indem er wirklich gründlich daran meißelt". Kurths Spiel sei bestes Method-Acting, "aber mit DDR-Hintergrund und Brecht-Einfluss, also mit Brüchen und Verfremdungen". Petras muss es wissen, seit 22 Jahren arbeiten sie zusammen, ihre erste gemeinsame Produktion war ein Boxer-Musical von Rio Reiser 1994 in Chemnitz: "Knock out Deutschland". Kurth sagt, er teile mit Petras "die Neugier an Geschichten über unsere Zeit". Ehrensache, dass er 2006 das Hamburger Thalia Theater verließ und Petras ans Berliner Gorki Theater folgte, als dieser dort Intendant wurde. Seit 2013 ist er mit ihm in Stuttgart, spielt derzeit den Nathan und demnächst Willy Loman in "Tod eines Handlungsreisenden". Kurth war und ist der Star des Petras-Theaters. Ob in den melancholisch-poetischen Postwende-Stücken, die Petras unter dem Pseudonym Fritz Kater herausgebracht hat, oder in Inszenierungen wie Hauptmanns "Ratten", Ibsens "Baumeister Solness", Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten" - Kurth hat mit seiner Proll-Kompetenz all seinen Macker- und Verlierertypen enorme Glaubwürdigkeit und immer auch ein Geheimnis verliehen. Oft steht er einfach da und schaut. Oder raucht. Und bringt dabei viel Gewicht auf die Bühne.