Kino: "Der alte Affe Angst" Liebe ist keine Himmelsmacht

Coolness war gestern: Oskar Roehler setzt mit seinem Psychodrama "Der alte Affe Angst" ein Fassbindersches Zeichen ins Neue Deutsche Kino.

Von SUSAN VAHABZADEH

Im Grunde sind Künstler Menschen, die dafür bezahlt werden, dass sie ihre Traumata und seelischen Verwirrungen und inneren Krisen aufarbeiten und uns daran teilhaben lassen - so eine Art Stellvertreter- Therapie. Oskar Roehler ist in dem ziemlich überschaubaren Verein interessanter deutscher Filmregisseure momentan sicherlich der, dessen Filme am offenkundigsten persönlich sind - was einem zum Teil vielleicht nur so vorkommt, weil die Eltern des Schriftstellerkindes Roehler, die in seinen Filmen eine so zentrale Rolle spielen, nicht so anonym sind wie die Verwandtschaft anderer Filmemacher. Der Vater trägt seinen Teil bei zur seelischen Zerrüttung in "Der Alte Affe Angst", vor allem aber erzählt Roehler die Geschichte einer unglücklichen Liebe, mit einer Fassbinderschen Lust an der gegenseitigen Zerfleischung. Und viel Mut, sich in die seelischen Karten schauen zu lassen - was nicht Nabelschau ist, sondern das Herz des Psychodramas an sich. Sozusagen ein Kampf gegen die Coolness.

Der Theaterregisseur Robert (André Hennicke) zieht mit seiner Freundin Marie (Marie Bäumer) zusammen, die er liebt, so gut er kann, was nicht besonders viel ist, denn er ist überwiegend von sich selbst und seinen Ängsten und den in der Kindheit erworbenen Neurosen gepackt. Es gibt unglaublich lichte, leichte Momente in diesem Film - wenn, beispielsweise, Robert erfährt, dass Marie schwanger, ist. Aber das ist eben jene Art von Leichtigkeit, die die Trostlosigkeit, die dann zu spüren ist, wenn Roberts Vater stirbt, wenn Marie sich aufgibt, erst richtig sichtbar macht. Die Dinge eskalieren im Forum-Hotel am Alexanderplatz - urbaner ist Deutschland nirgends, es ist immer wieder erstaunlich, wie bewusst und selbstverständlich Roehler seine Räume inszeniert, wieviel von den Gefühlen, von der Kälte und der Sehnsucht nach einer ordnenden Kraft sich spiegelt in seinen Cinemascope-Bildern.

Oskar Roehler hat, soviel ist sicher, einen Hang zu hysterischen Frauenfiguren - wobei sich die Marie etwa im Mittelfeld der Roehler-Skala bewegt, keine unberechenbare Furie, sondern ein begrenzt belastbares Mädchen. Die Beziehung leidet vor allem darunter, dass für Robert die Nähe, die er zu ihr empfindet, jegliche Erotik im Keim erstickt - oder vielleicht benutzt er seine sexuellen Probleme auch nur als Entschuldigung vor sich selbst, als Freifahrkarte in die Bindungsangst.

Marie reißt sich immer nur zusammen - sie ist Kinderärztin, und so, wie sie im Krankenhaus versucht, sich nie anmerken zu lassen, wenn sich die Hoffnungslosigkeit ihrer bemächtigt, verfährt sie auch zuhause. Robert nimmt nicht zur Kenntnis, was er ihr zumutet, verdrängt, dass er weiß, wie labil sie ist, dass er sie in den nächsten Selbstmordversuch treibt. Eine ganz und gar romantische Geschichte, von einem unumstößlichen Glauben an bedingungslose Liebe motiviert - und von der Sehnsucht, Menschen und Beziehungen heilen, sich eine zweite Chance erkämpfen zu können. "Der Alte Affe Angst" und Steven Soderberghs "Solaris" haben sehr schön nebeneinander gestanden und sich berührt im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale, haben einander weitergesponnen und kommentiert in ihrem Ringen um ein Reich der reparablen Liebe.

Roehlers größte Stärke ist es, dass er seine Zuschauer wirklich irritieren, aus der Bahn werfen, in Verlegenheit bringen kann - so überkandidelt ein Film wie "Suck My Dick " auch sein mag, hat er doch erhebliches Potential, einen emotional durchzurütteln. Diese Filme sind so leidenschaftlich, dass in den Kritiken manchmal eine peinliche Berührtheit durchklingt - was im Grunde nur beweist, das Roehler die richtigen Geschichten richtig erzählt. Das ist eine Art von selbstzerstörerischer Leidenschaft, die aus dem Kino so gut wie verschwunden ist - als sei die Verzweiflung etwas so Privates, dass sie nicht einmal mehr auf den Leinwänden stattfinden darf.

Es ist kaum ein anderer momentan so bereit wie Roehler, statt in seinen Filmen um Nüchternheit zu ringen, den Gefühlen freien Lauf zu lassen, dem Kontrollverlust, dem Schreien und den geradezu physischen Ausbrüchen, die Lust am Ekelhaften. Vielleicht erkennt man daran am deutlichsten, dass die Neunziger vorüber sind. DER ALTE AFFE ANGST, D 2003 - Regie, Buch: Oskar Roehler. Kamera: Hagen Bogdanksi. Mit: André Hennicke, Marie Bäumer, Vadim Glowna, Christoph Waltz, Herbert Knaup, Catherine Flemming. X Verleih, 95 Minuten.