Kino Denken, fühlen, handeln

Jakob Lass' Film "Tiger Girl" ist ein wuchtiges Pamphlet gegen die allgemein grassierende Willenlosigkeit - nicht nur von Frauen.

Von Juliane Liebert

Feiern wir doch mal ausnahmsweise die Gewalt: "Tiger Girl" ist ein Film, nach dem man Lust hat, jemanden zu verprügeln. Was an sich gar nicht so selten vorkommt, meist trifft die Wut aber den Regisseur oder andere Beteiligte, man will sein Geld zurück, seine Zeit, sein Leben. Nach "Tiger Girl" aber will man jemanden verprügeln, weil der Film gut ist.

Dabei enthält auch "Tiger Girl" diesen ganzen Unsinn, der einem neuerdings so vorgebetet wird, wenn man weiblich ist und jung und für gewöhnlich zu höflich, um im Supermarkt nach einer dritten Kasse zu fragen: Das Patriarchat ist böse (echt jetzt?) und Selbstermächtigung ist wichtig. Im Film heißt die personifizierte Selbstermächtigung Tiger (Ella Rumpf), und Tiger ist zu gut, um wahr zu sein. Denn die Protagonistin des Films, Vanilla (Maria Dragus), ist nicht so selbstermächtigt. Sie glaubt an Uniformen, fliegt durch die Polizeiaufnahmeprüfung und lächelt viel verlegen. Für sie kommt Hilfe von außen in Form dieser schönen, wilden, rücksichtslosen jungen Frau, die natürlich kurze Haare hat. (Denn zarte blonde Frauen mit langen Haaren sind schwach, Frauen mit kurzen Haaren in Bomberjacken sind stark. Steht in der Bibel, Johanna 17, Psalm 9.)

Tiger rettet Vanilla davor, von einem Polizeischüler so halbfreiwillig mit nach Hause genommen zu werden. Es sollte Statistiken darüber geben, wie oft Frauen halbfreiwillig mit Leuten nach Hause gehen. Wäre aber auch grob von Vanilla, den armen Polizeischüler mit seinem halberigierten Glied einfach stehen zu lassen, das brächte sie nie übers Herz. Tiger entreißt sie dem Höflichkeitsbeischlaf mit einem Mantra, das sich nicht gegen den Polizeischüler richtet (er landet später in einem Kofferraum), sondern gegen die Institution der Liebe an sich: "Weißt du, was passiert wäre? Du wärst mit ihm mitgegangen, und dann hättet ihr was gehabt, und schwups säßt du mit zwei Kindern zu Hause mit diesem Arsch als Vater."

Bereit zum Kampf: Tiger, gespielt von der sensationellen Ella Rumpf.

(Foto: Constantin)

Tiger bewahrt Vanilla vor der Mutterschaft oder Schlimmeren - stellvertretend für alle Frauen, die sich an Laternen gedrückt nicht "Nein" zu sagen trauen, aber auch nicht "Ja". Denn dann wären sie ja Schlampen. Vanilla ist das alte Frauenbild, Tiger das neue. Die beiden werden Freundinnen. Großstadtgeflüster singen "Piss ans Ende Welt", eine Emanzipationshymne (bitte den Soundtrack veröffentlichen!), unsere Freundinnen klauen, betrügen, randalieren. "Höflichkeit", lehrt Tiger Vanilla, "ist eine Art Gewalt. Gewalt gegen dich selbst." Vanilla blüht auf, für ein paar flirrend sonnengetränkte Szenen (spielt in Berlin, in Berlin ist Freiheit immer flirrend sonnengetränkt) hofft man, die beiden würden jetzt für immer Hand in Hand durch die Stadt ziehen, den Baseballschläger im Anschlag, bis das Patriarchat sich winselnd erst aus dem deutschen Kino, dann aus Deutschland und dann aus der Welt verzogen hat. Aber so einfach ist das alles dann doch nicht.

Leider stellt sich unsere frisch emanzipierte Vanilla nämlich als schlechter Mensch heraus, der sich von Mitte des Filmes an zunehmend in den Wahnsinn verabschiedet. Als eine, die einfach um sich schlägt, weil sie es geil findet und ihr der Schmerz anderer Menschen Vergnügen bereitet. Vanilla ist nicht besser als die Jungs, die sie am Anfang bedroht haben. Vanilla ist das Patriarchat, nur ohne Männer. Das Patriarchat mit Brüsten. Und Tiger, die Vanilla befreien wollte, verliert beinahe das Einzige, woran ihr wirklich liegt - ihre Freiheit. Darum will man am Ende des Films (der nie moralisiert, immer schnell, immer nah an seinen Protagonisten ist, die wiederum nah an der Wirklichkeit sind) auch ganz gern Vanilla verprügeln. Mädchen, will man sagen, hast du denn gar nichts verstanden?

Hat sie nicht. Gerade das ist so toll an "Tiger Girl". Keine Moral. Keine Rettung. Dafür Frauen, die nicht in Willenlosigkeit vor sich hin wabern. Aber was heißt "Frauen": Jakob Lass zeigt selbstbewusst und eigenverantwortlich handelnde Menschen. Auch das macht diesen Film stark, weil er einen daran erinnert, wie sehr einen dieses Menschenbild anödet, das überall nur noch Zahnrädchen eines mysteriösen Spätkapitalismus oder konturlos zerfließende, verlorene Seelen sieht. Gerahmt vom Patriarchat oder der unerträglichen Leichtigkeit des Seins oder Wasauchimmer. "Tiger Girl" zeigt, wie fantastisch Kino sein kann, wenn die Helden trotzdem denken und fühlen. Und handeln, wohlgemerkt. Anstatt immer nur gehandelt zu werden.

Tiger Girl, D 2017 - Regie: Jakob Lass. Buch: Lass, Ines Schiller, u. a. Kamera: Timon Schäppi. Mit Ella Rumpf, Maria Dragus. Constantin, 91 Minuten.