Kino Auf der Flucht nach vorn

In "Pio" verwandelt der italienisch-amerikanische Regisseur Jonas Carpignano das reale Leben eines italienischen Roma-Jungen in ein packendes Spielfilm-Experiment.

Von Philipp Stadelmaier

Pio, vierzehn Jahre alt, schmeißt seinen Körper gegen die Schlafzimmertür seines Bruders und brüllt: "Ich schlag dir auf die Fresse und schmeiß dich aus dem Fenster!" "Schaffst du nicht", brüllt der Bruder zurück, steigt aus dem Fenster runter zu seinem Motorrad und düst davon.

Derbheit und Krach ist Normalität in Ciambra, einer Roma-Siedlung in der Nähe der süditalienischen Hafenstadt Gioia Tauro. Auch beim Abendessen im großen Familienkreis. "Du willst saufen? Ich schlag dir den Schädel ein", brüllt die Mama und Clanchefin im Spaß ihre Tochter an, und je mehr Wein fließt, desto lauter wird scherzhaft nach Ohrfeigen verlangt und danach, sich gegenseitig Flaschen ins Gesicht zu schmeißen.

Hier ist Pio Amato aufgewachsen, in einer Familie, die von Autodiebstählen und Einbrüchen lebt. Auch das ist hier Normalität. Und weil das so normal ist, will Pio endlich seinen älteren Bruder bei der Arbeit unterstützen. Als der Bruder dann irgendwann in den Knast wandert, beginnt Pio langsam, dessen Platz einzunehmen und Geld für die Familie aufzutreiben, durch Kleindiebstähle und Geschäfte mit Ayiva, seinem Freund, einem Migranten aus Burkina Faso. Der will Pio dazu bringen, weniger zu klauen. Er sammelt selbst europäische Waren, die er in einem Container nach Afrika bringen und dort verkaufen will.

Bei diesen Roma steht die Familie gegen den Rest der Welt, es gibt keine Solidarität mit anderen

Ayiva, gespielt von Koudous Seihon, war schon die Hauptfigur in "Mediterranea", dem ersten Film des italienisch-amerikanischen Regisseurs Jonas Carpignano. Dort spielten afrikanische Migranten in Kalabrien ihre eigenen Rollen. Es ging um ihre Integration in die afrikanische Community in Gioia Tauro, um den Rassismus der Weißen, um den schwierigen Aufbau einer neuen Existenz. Während der Dreharbeiten wurde dem Filmteam ein Auto gestohlen. Man empfahl ihnen, sich an die Roma zu wenden. Auf diese Weise lernte Carpignano die Amatos kennen. In "Pio", Carpignanos zweitem Spielfilm, der von Martin Scorsese mitproduziert und letztes Jahr in Cannes gezeigt wurde, stellen sie sich nun ihrerseits selbst dar. Der Darsteller von Pio Amato heißt folglich - Pio Amato. Eine Szene, bei der ein Auto entwendet und gegen Geld seinem Besitzer zurückgegeben wird, gibt es auch.

Zwischen den beiden Filmen gibt es also eine starke Verbindung. Durch die Migranten aus Ghana, Nigeria und Burkina Faso. Und durch die unverbrüchliche Solidarität des Regisseurs mit seinen Schauspielern und Figuren. Die Amatos klauen sich ihren Strom aus einer Leitung, leben vom Rumtricksen und Stehlen. Klar - von was auch sonst? Von einem gesellschaftlichen oder juristischen Standpunkt aus kann man von Kriminalität sprechen, von Illegalität. Nicht aber aus der Perspektive der Roma, die auch die Perspektive des Films ist. Die Amatos haben keine Teilhabe am Wohlstand, sind kein Teil der Gesellschaft. Sie werden höchstens von ihr diskriminiert. Von den Carabinieri, die in die Siedlung kommen und Leute verhaften, ebenso wie von den italienischen Mafiosi, die in ihren Sonnenbrillen mit schwarzen Limousinen vorfahren und eine schützende Hand über die Amatos halten, sie aber gleichzeitig zur Drecksarbeit zwingen.

Die frühere Freiheit der Roma, das Leben auf den Straßen evoziert Carpignano immer wieder durch ein etwas arg symbolische Pferd, das Pio auch mal im Traum erscheint. Ansonsten aber folgt er mit seiner agilen Kamera einfach dem Rhythmus eines Lebens, das sich in ständiger Flucht nach vorne befindet, sich niemals ausruhen kann. Er filmt, was die Amatos ihm liefern. Und die werfen mit voller Inbrunst ihre Körper in diesen Film und reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

So verbergen sie auch nicht ihre Verachtung für die Afrikaner. Hässlich seien sie, "wenn sie saufen, schlagen sie sich den Schädel ein, wie die Tiere." Pios Freundschaft mit Ayiva ist eine Ausnahme. Rassismus, so sieht man hier, ist das Problem jeder Gruppe, die sich als solche begreift, wobei die Roma die Afrikaner ebenso hassen wie alle anderen, vor allem die Polizisten ("man sollte sie alle verbrennen"). Das einzige Gesetz, nach dem die Amatos leben, ist der Satz, den der Großvater noch an Pio weitergibt, bevor er stirbt: "Wir gegen die Welt". Es ist das harte Leben der Amatos, das sie so hart und geschlossen hat werden lassen.

Die Afrikaner hingegen empfangen Pio in einer Szene herzlich. "Wir sind alle Zigeuner", sagt einer zu ihm, als Zeichen einer möglichen Verbrüderung zwischen Minderheiten. Der Film erzählt, wie Pio zwischen Afrikanern und Roma hin- und hergleitet. Aber er erzählt auch, wie er letztlich doch in eine Gemeinschaft initiiert wird, die keine Solidarität mit anderen zulässt, sich allein um sich selbst kümmert. "Es muss auch anders gehen", sagt Pio gegen Ende. Carpignano gibt ihm Recht. Ohne zu vergessen, dass diese Art der Solidarität noch in weiter Ferne ist.

Pio, ITA/BRA/D/FRA/SWE/USA, 2017 - Regie und Buch: Jonas Carpignano. Kamera: Tim Curtin. Mit Pio Amato, Koudous Seihon, Damiano Amato. Verleih: DCM, 118 Minuten.