Im Kino: Another Year Sind so nette Menschen

Weil Mike Leigh selbst die größten Nervensägen mit so viel Liebe zeichnet, sind sie komisch - und im Idealfall lacht man auch in seinem neuen Film über sich selbst: "Another Day" ist ein Sammelsurium gescheiterter Existenzen.

Von Susan Vahabzadeh

Es gibt zwei Arten, wie man Glück verstehen kann - das Spiel der Zufälle, das Schicksal, das dem einen Steine in den Weg legt und dem anderen nicht; und die glückliche Empfindung, die vielleicht allein darauf basiert, zu genießen, was da ist, und sich nicht nach dem zu sehnen, was man partout nicht haben kann. Beides wird ungerecht verteilt unter den Menschen, und von dieser Ungerechtigkeit handelt, mehr noch als sein letzter Film "Happy-Go-Lucky", Mike Leighs neuer Film "Another Year".

Es geht um eine Gruppe von Menschen, die alle mehr oder weniger der selben sozialen Schicht angehören, und um ihr Glück - kein materielles, zumindest nicht die Anwesenheit von Luxus, sondern nur die Abwesenheit existenzieller Sorgen. "Another Year" folgt so einer Art urbanen Großfamilie über ein Jahr, in vier Sequenzen, für jede Jahreszeit eine - ein funktionales Paar kümmert sich um eine Reihe von dysfunktionalen Singles, die ihnen das Leben anvertraut hat, mit der geduldigen Hingabe berufener Eltern. Das reicht als Ausgangspunkt für einen Mike-Leigh-Film - er ist der Meister des magischen Alltags, alles, was geschieht, geschieht zwischen den Menschen, die er beobachtet, und so erschafft er kleine komische, tief emotionale Dramen, an denen man sich nicht sattsehen kann. "Another Year" könnte endlos weitergehen, und es gäbe an diesen komplexen, unendlich charmanten Figuren immer noch etwas zu entdecken.

Das Paar in "Another Year" heißt tatsächlich Tom und Gerri, sie sind nicht mehr jung, ewig verheiratet, der Sohn ist schon aus dem Haus. Gerri (Ruth Sheen) ist Therapeutin, Tom (Jim Broadbent) Ingenieur. Sie sind vielleicht nicht unendlich glücklich - aber sie haben sich mit dem, was ist, sehr gut eingerichtet. Allein das Haus, das sie bewohnen, erzählt tausend Geschichten, all der Nippes, die Bücher, die dekorative Unordnung, in der die beiden leben. Sie sind selbst ein wenig anstrengend, so viel Gutmenschentum und Verständnis kann einem manchmal auf den Geist gehen. Und das Sammelsurium gescheiterter Existenzen, das sich um ihren Küchentisch schart, fühlt sich dann vielleicht noch ein wenig kleiner und schäbiger, und weiß nicht wohin mit sich und seinen Emotionen - denn so wunderbaren Menschen kann man doch ihre nette, wohlwollende Überheblichkeit nicht übelnehmen.

Da ist Ken, ein alter Freund, der zu viel trinkt und zu viel isst und zu wenig macht aus seinem Leben - er tut eigentlich alles, um sich ein frühes Grab zu schaufeln, eine rührend hilflose, bedürftige Gestalt. Später kommt auch noch Toms Bruder dazu - seine Frau ist gestorben. Aber vor allem gehört Mary (Lesley Manville) fast zur Familie, die Sekretärin ist in dem Krankenhaus, in dem auch Gerri arbeitet - ein hoffnungsloser Fall. Sie trinkt zu viel, erlebt einen Rückschlag nach dem anderen und gibt doch nicht auf, aber was sie auch anfasst - es macht sie immer noch unglücklicher. Ein kleines Auto soll her, dann, sagt Mary, ist sie frei - keine gute Idee, für jemanden der so viel trinkt und so schlecht organisiert ist wie sie. Die Freiheiten, die sie hat, will sie nicht - und dass es keine andere Freiheit geben wird, dafür sorgt sie selbst. Viele Momente, die wir in dieser Küche erleben, sind komisch - aber letztlich ist sie ein Massengrab der kleinen Träume.

Lesen Sie auf Seite 2: Mike Leighs Hingabe zu seinen Filmfiguren.

Der amerikanische Patient

mehr...