Von Max Scharnigg

Früher war er Sänger der Band Echt, jetzt feiert Kim Frank ein Comeback als gefühlvoller Sänger. Das Popstar-Sein hat er nicht verlernt.

Popstar zu sein ist offenbar wie Schwimmen, das verlernt man nicht: Mit der einen Hand am Mobiltelefon Journalist Nr. 1 ein Interview geben, mit der anderen den Wirt der Pizzeria umarmen, mit dem Kinn Journalist Nr. 2 an den Tisch dirigieren und mit einem Augenschlag die Kellnerin dorthin Rotwein bringen lassen - Kim Frank funktioniert an diesem Abend in Hamburg schon wieder ganz gut. Dabei ist viel Zeit vergangen für einen, dessen Triumph auf Popmusik und Jugend fußte.

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Gute Aussichten: Kim Frank. (© Foto: Universal)

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Fünf Jahre sind es, seit die Band Echt ihre "Abi-Tour" abbrach, weil die Hallen zur Hälfte leer blieben. Sänger Kim Frank zog sich daraufhin mit 20 Jahren und seinem Anteil an den Einkünften von 1,5 Millionen verkauften Platten an die Ostsee zurück. "Alle fragen mich, welche Probleme ich damals ausgestanden hatte. Dabei war es eigentlich auch schön, Ruhe zu haben, aber das fragt keiner." Auch nicht, als er 2005 in Leander Haußmanns Film "NVA" die Hauptrolle spielte.

Seit einiger Zeit aber stehen in den Boulevardzeitungen wieder Schlagzeilen mit seinem Namen. Es geht darin vor allem um angeblich enorme Mengen an Haschisch und Geld. "So viel war es gar nicht", sagt Kim Frank und meint beides, vor allem aber seine Steuerschulden. "Ich bin nicht begeistert, wenn das in Zeitungen steht, aber dann rede ich lieber darüber, als es abzustreiten. Ich bezahle jetzt diese Schulden, und dann hat sich das."

Er macht mit seinem Arm im rosafarbenen Hemdsärmel eine Wirklich-Egal-Bewegung. Die Kellnerin kommt zum dritten Mal mit der Karte, Kim Frank lässt sich abermals die Tagesgerichte aufsagen, nimmt schließlich Rumpsteak, schickt der Enteilenden "unbedingt mit Pepe Verde!" hinterher und redet dann über seine Zerstreuungen der letzten Jahre: Fotografieren und Einkaufen und das Geheimnis von Bratkartoffeln (auf keinen Fall vorher kochen).

Sein Crescendo-Lachen klingt nicht jungenhaft, obwohl er erst 24 ist, sondern tief und unverbindlich nach dem Popstar, der im nächsten Atemzug ruft: "Es gibt keinen wie mich in Deutschland, das ist einfach so." Und dann schweigt er frisurversunken über seinem Teller, obwohl hier eben noch der lauteste Tisch war, und spricht erst, wenn er wieder mag.

Meistens geht es dann um seine Lieder, an denen er seit Jahren arbeitet. Die Lieder, die Kim Frank solo macht, sind anders als die Lieder von Echt, es sind gewichtige Stücke Popmusik, nicht das geworfen Musizierte von Heranwachsenden, deren Gefühlswetterlagen schnell umschlagen. Das Album "Hellblau" (Universal Records), das nun erscheint, ist gut abgehangener Bombast mit deutschen Texten, wie es ihn tatsächlich nicht gibt, zumindest nicht im Radio. "Wir haben hier ein Problem mit unserem Popverständnis, entweder muss es ironisch gebrochen sein oder eben ganz seicht und dumm. Dazwischen gibt es fast nichts, anders als in England oder Italien."

Bitte kein Karaoke!

Zucchero singt unironisch aus den Pizzeria-Boxen als Kim Frank das sagt. Einer der Lautsprecher ist neben einem Echt-Poster montiert. "Sind unsere Unterschriften noch drauf?" fragt Kim Frank, weil er kurzsichtig ist. Nahezu verblichen sind die Schriftzüge von fünf Jungen, die es als erste deutsche Teenieband schafften, Feuilletons, "Bravo" und ihre Altersgenossen zu einen und damit den Weg zu ebnen für Tokio Hotel und Wir sind Helden und das ganze Popfräulein-Wunder. Kim Frank weiß das und sagt es auch.

Er sieht immer noch auf das Poster. "Wir haben uns gegen diese Posen gewehrt, wir wollten nicht in die Boygroup-Ecke, das war immer ein Kampf mit der Plattenfirma." Zur Bestätigung wirft er das Rotweinglas um, taucht beide Ärmel und mehr darin ein. Seine Stylistin, der das Hemd gehört und die schon zu Beginn seines Steaks herbeitelefoniert worden war, beginnt ihn flächig mit Meersalz zu bestreuen. Kim Frank trinkt weiter, als wäre nichts, referiert über die Höhe des Echt-Erfolges: "Wenn wir in ein Hotelzimmer kamen, wurde noch mal extra auf Wanzen gecheckt und nachgesehen, ob Fans im Schrank versteckt waren. Wenn wir ins Kino wollten, wurde ein Saal geräumt und wir konnten die Filme sehen und dabei kiffen."

Die Superstar-Erfahrung von gestern ist wichtig, um Kim Frank und sein Werk "Hellblau" heute zu verstehen. Das Großspurige, Luxuriöse, das die Platte vorstellt, entspricht der großen Spur, in der Kim Frank als Echt-Sänger heranwuchs und in der er immer noch lebt, auch wenn der materielle Überfluss inzwischen ans Finanzamt umgeleitet ist. Es ist ein dandyhafter Geist, der übrig blieb und der ihn tatsächlich einzigartig macht - als selbstbewussten jungen Künstler ohne Furcht vor dem Mainstream, mit fundierter Großmäuligkeit und sexy Fallhöhe.

"Sag nicht Mainstream, sag Pop", bittet er und spricht über das Populäre, das er und sein Songwriter jedem Song implantierten und das dem Hörer in einer magischen Refrainlast offenbar wird. Hit sagt man, wenn Geigen, Piano, Stimmwucht verklungen sind, und man sagt es nahezu nach jedem Lied. Und dazu singt Kim Frank mit seiner markanten Stimme Texte, die selten über wacklige Befindlichkeitslyrik hinausreichen.

Später, viel später, wird er noch über den Vorschuss reden, den er für seine Soloplatte von Universal bekam: 50000 Euro nur, obwohl andere das Zehnfache für das Werk geboten hatten. "Es war mir wichtig, in einer Umgebung zu arbeiten, in der ich meine Musik selbst bestimmen kann, mit Menschen, die tatsächlich Interesse an der Musik haben." Und die nicht nur an einer Personalie interessiert sind, am Comeback einer früh gestürzten Ikone. Diese Ikone schreibt mit 24 Jahren Lieder wie andere mit 27, verkauft diese Lieder aber mit weltmännischer Grandezza und sammelt auf seiner MySpace-Seite bereits wieder so viele Fanzuschriften, dass man im Gästebuch zweimal mit dem Mausrad den Bildschirm hinunterscrollen muss, um einen Tag nach hinten zu kommen.

Es ist spät. Das Salz auf Kim Frank klumpte erst zu zartrosa Brei und härtet nun zu einer Kruste aus. Es splittert leise, wenn der Popstar zum Glas greift. Der Wirt der Pizzeria, die sich schnell geleert hat, kommt an den Tisch und möchte Karaoke singen. Kim Frank winkt ab, verspricht aber, seinen Freund den Wirt bei der Sat1-Karaokeshow unterzubringen. Das wäre nur ein Anruf.

Es geht heim, denn morgen ist wieder ein Fotoshooting, alle möchten jetzt dauernd sehen, wie er aussieht - ganz gut, wie ein weicher Lord. Kim Frank hat einen kleinen Bauch, der vollkommen egal ist. In Salzkruste aber mit großartiger Geste steigt er ins Taxi und telefoniert dabei mit Detlev Buck, dem Regisseur. Es geht um Berlin und Bäuche und insgesamt um Freundschaft. Bald hinterm Kiez verlässt er telefonierend den Wagen und geht ab. Der Taxifahrer sieht im Rückspiegel zu und fragt: "War das jetzt Musik oder Film, ich komm nicht drauf."

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(SZ v. 2.3.2007)