Kendrick Lamar in Frankfurt Der wortgewaltigste zeitgenössische Rapper der Welt

Kendrick Lamar bei der Verleihung der Grammys im Januar.

(Foto: AFP)

Kendrick Lamar steht bei seinem Konzert in Frankfurt ganz oben, ganz für sich allein - ein menschgewordener Sozialkommentar.

Von Jan Kedves

Was macht man eigentlich am Nachmittag, bevor man abends auf der Bühne eine Stunde und 25 Minuten lang vor zehntausend durchdrehenden Fans der wichtigste, wortgewaltigste, musikalisch versierteste und modisch am besten designte zeitgenössische Rapper der Welt ist? Gurgelt man noch ein bisschen Ingwertee? Sortiert man die Troddeln an seinem weißen Designer-Boxmantel von Craig Green? Geht man noch kurz im eigenen Pop-up-Shop vorbei und schaut, ob sich die bedruckten Merchandise-Shirts mit Sprüchen wie "Pray For Me" gut verkaufen?

Man hätte all das Kendrick Lamar gerne gefragt, aber der Rapper aus Compton, Los Angeles, gibt während seiner Europa-Tournee keine Interviews. Was sicher schlau ist, denn der 30-Jährige hat gerade mal wieder einen Moment, wie man so sagt, und weil Lamar in den vergangenen Jahren schon einige Momente hatte, weiß er, dass sich popkulturelle Momenthaftigkeit umso stärker einstellt, wenn die Person im Zentrum gar nicht so viel redet. Außer auf der Bühne natürlich. In diesem Fall: Frankfurt, Festhalle, Donnerstagabend.

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Das Gelaber vom Moment muss leider sein, denn es fühlt sich so absolut richtig an, genau in diesem Moment genau diesem Rapper hier zuzujubeln. Vor einigen Tagen ist Lamars exzellentes Album "DAMN." - das den erdig-jazzigen Sound des Vorgängers "To Pimp A Butterfly" (2015) gegen nicht-käsigen Pop und harten Trap-Sound eintauschte - bei den Grammys als bestes Rap-Album ausgezeichnet worden. Zu Recht. Auch ist gerade, zur Halbzeit des Black History Month sozusagen, "Black Panther" in die Kinos gekommen, die mitreißende Verfilmung des ersten schwarzen Marvel-Comic-Superhelden. Lamar hat zu dem Film ein Soundtrack-Album produziert, das die afrofuturistische und zugleich afrotraditionalistische Saga aufgreift und weiterspinnt.

Wobei in die Momenthaftigkeit in Frankfurt sicher auch noch mit hineinspielt, dass Lamar seit fünf langen Jahren nicht mehr in Deutschland war, also auch mit "To Pimp A Butterfly", damals offiziell auf Präsident Obamas Spotify-Playlist, hier nie aufgetreten ist. Und ja, eigentlich kann man ja auch einfach mal aus der Nähe sehen, was das für ein Typ ist, der sogar aus Kooperationen mit U2 und aus Werbedeals mit eher abgelatschten Turnschuhmarken wie Reebok völlig unbeschadet, also mit vollem Momentum, herauskommt?

Und schon hätte man über die Beschreibung der momentanen Supersignifikanz des Kendrick Lamar, die auch eine Supersignifikanz in den Geschichtsbüchern sein wird, ganz sicher, fast vergessen zu beschreiben, wie Lamar auf seiner "The DAMN."-Tour zum Beispiel einen dreifach hoch und herunter fahrenden Lichterketten-Kubus-Käfig dabei hat, in dem er zwischendurch sitzt wie ein weißes betroddeltes Raubtier. Erst ist dieser Kubus nur eine Plattform mitten in der Menge. Dann fährt aus dem Boden, außen, ein Zaun aus bunt blinkenden Lichterketten hoch, was großartig aussieht, gerade weil Lichterketten sonst so etwas Billiges haben. Während die Menge über diesen Effekt also schon jubelt und rast, fährt in der Mitte der Plattform dann noch eine zweite Ebene halb hoch, sodass Lamar jetzt im Zentrum des glitzernd blinkenden Kubus levitiert, wie ein rappender Yoda.

"Blood" heißt der Track, der dazu läuft. In ihm wird Lamar von einer blinden Frau, die auf der Straße herumzuirren scheint und der er behilflich sein will, erschossen. Die Interpretations-Experten von der meist recht verlässlichen Pop-Lyrik-Website Genius.com deuten das als Referenz auf das 5. Buch Mose, im Speziellen: auf Gehorsam oder Ungehorsam gegenüber Gott. Dazu passt, dass die Plattform, auf der Lamar gerade hockt, dann noch weiter hochfährt, in die Decke des Lichterketten-Kubus-Käfigs hinein, bis er oben auf ihm draufsteht. Himmelfahrt fertig. Sieht man mit den Augen hin, hat man keinerlei Probleme, den Star, der ja jetzt quasi als Toter rappt, in den sparsam dosierten Kunstnebelschwaden auszumachen. Aber will man das Ganze mit dem Smartphone filmen, was in der Festhalle natürlich jeder will, weil es einfach so fantastisch aussieht, dann hat man auf dem Screen nachher nur gleißendes weißes Wabern. Selbst die Verunmöglichung der digitalen Reproduktion dieser Show ist in der Show schon mit angelegt. Wahnsinn.

Lamar hat alte Pop-Show-Reflexe nicht nötig

Nur ein Beispiel für den perfekt durchinszenierten minimalen Maximalismus der "The DAMN."-Tour, die komplett auf Lamar fokussiert ist und die ihn in den nächsten Wochen auch noch nach Köln und Berlin führen wird. Keine Backing-Band, keine Tanzgruppen-Choreografien. Einfach nur er, Hydraulik, Pyrotechnik, Videoprojektionen, One-Man-Show. Das heißt auch: Während "Loyalty", dem Duett mit Rihanna vom "DAMN."-Album, fällt Lamar nicht in alte Pop-Show-Reflexe zurück. Da wäre die körperlich abwesende Duett-Partnerin nämlich per Video oder Hologramm hinzugefaket worden. Lamar hat das nicht nötig. Er ist kein Fake. Das weiß jeder hier.

Sondern: Lamar ist ein Rapper, der für etwas Neues steht - nach den Party-Animations-Rappern der frühen Tage der Hip-Hop-Kultur, nach den militärisch auftretenden Polit-Rappern der Achtzigerjahre und jenen, die danach kamen: die Gangsta-Rappern, die Bling-Rapper, die manchmal ins Hippieske abdriftenden Consciousness-Rapper. All diese Rap-Strömungen hat Lamar in sich aufgenommen. Er steht dort oben aber nur für sich, als einzelner, menschgewordener Sozialkommentar. Lamars prägende Kindheits-Erfahrung waren die Rodney-King-Beatings, die 1992 zu Riots in L.A. führten, das heißt: Er gehört zu einer Generation, die mit medial vermittelten und viralen Bildern ihrer eigenen Diskriminierung schon aufgewachsen ist.

In der "The DAMN."-Show mag sich das darin spiegeln, dass auf den beiden riesigen Video-Leinwänden hinter und über der Bühne immer wieder auch Schnipsel aus Nachrichtensendungen und Bilder von Polizeigewalt eingeblendet werden. Wie das so ist, wenn sich solche Bilder während einer Pop-Show mit donnernden Bässen, Hit-Refrains und dem allgemeinen Adrenalinpegel verbinden: Man wird mitgerissen und hat, wie man so sagt, eine gute Zeit. Dass es hier aber in jeder Sekunde um Fragen zum Leben und Überleben schwarzer Menschen in den USA geht, das vergisst man während dieser Show nie. Auch weil einem auffällt, dass Lamar eigentlich nie lacht. Er scheint sich sehr bewusst darüber zu sein, dass ein bisschen zuviel Lockerheit seinerseits die sehr genau austarierte Balance aus harten Themen und Entertainment zum Kippen bringen könnte, ins allzu leicht Verdauliche hinein.

Wenn er zwischendurch wissen will, wie es den Zehntausend in der Halle geht, fragt er deswegen auch nicht: "Hab ihr eine gute Zeit?". Sondern: "Lebt ihr noch?" Und dann wird es ihm für einen Moment zu ruhig in der Menge: "Seid ihr tot?"

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