Kaurismäkis Mann ohne Vergangenheit Gossenhauer

"Der Mann ohne Vergangenheit": Wie Aki Kaurismäki uns lehrt, unsere Nächsten zu lieben

Von H.G. PFLAUM

Ein Auto will nicht anspringen. Der Fahrer steigt aus, öffnet die Kühlerhaube, reißt wütend einige Teile raus, dreht erneut den Zündschlüssel. Nun startet die Karre sofort. Und es ist klar: Dieser Film gibt sich seine eigenen Gesetze, und sie unterwerfen sich nicht der Realität.

(Foto: SZ v. 14.11.2002)

Ich und meine Familie haben Glück gehabt, sagt die Frau eines Teilzeit- Nachtwächters, die ihn aufliest und gesund pflegt - denn sie haben eine Wohnung. Die ist ein rostender Transportcontainer, abgestellt auf einem öden Lagerplatz in der Nähe das Hafens. Auch der ins Leben Zurückgekehrte richtet sich schließlich in einem solchen Container ein, mit altem Krempel und einer wiederbelebten Musicbox, aus der bald ein wunderschöner, todtrauriger Blues von Blind Lemon Jefferson ertönt. In solchen Momenten ahnt der Zuschauer, dass der Filmemacher viele alte amerikanische Western gesehen haben muss. Kaurismäki lässt seinen Helden bei Menschen ankommen, die weder die Herkunft eines Mannes noch sein Geld zum Maßstab nehmen. Immer wieder geht es um ganz einfache Bedürfnisse, um eine Tasse Kaffee, um eine Suppe, die drei Leute gemeinsam löffeln, oder um das Essen, das der verlorene Mann in einem Schnellimbiss geschenkt bekommt, ohne darum betteln zu müssen. "Der Mann ohne Vergangenheit" erzählt davon, wie Menschen in der Nähe des Abgrunds miteinander umgehen.

Gegen Ende werden wir erfahren, dass der Namenlose auf der Flucht war vor einer gescheiterten Ehe, und dennoch hätte er die Rückkehr ins Leben ohne Frauen nicht geschafft, nicht ohne die Frau des Nachtwächters, und erst recht nicht ohne Irma, das späte Mädchen von der Heilsarmee, das dem verlorenen Mann erklärt, Gnade sei überall. Ihre zögernde, ängstlich vorsichtige Liebesgeschichte gehört zu den ergreifendsten, die seit Jahren im Kino zu sehen waren. Der Vergleich mit Detlev Bucks auf Spaß bedachte Heilsarmee- Komödie "Liebe deine Nächste" liegt nahe - sie schneidet dabei ziemlich schlecht ab.

Bei den Bürokraten auf dem Arbeitsamt hat der Mann ohne Namen und Papiere keine Chance. Doch manchmal blitzen in seinem zerstörten Gedächtnis Fragmente von Erinnerungen auf. Als er am Hafen einen Schweißer bei der Arbeit sieht, bittet er instinktiv darum, es selbst mal versuchen zu dürfen - und würde sofort einen Job bekommen, müsste er nicht ein Konto eröffnen und dafür seine Identität nachweisen. In dem Teil der Welt, der der Wirklichkeit am ähnlichsten sieht, zählt nicht, was ein Mann ist oder sein könnte; es geht primär um die Frage, was er vielleicht einmal war.

Aber Kaurismäki lässt immer wieder die Gesetze des Märchens in Kraft treten. Ein Überfall - der auch Gelegenheit zu einigen gallenbitteren Anmerkungen zum Thema Banken und Rechtswesen gibt - scheint mit der Verhaftung des Namenlosen eine erneute Katastrophe einzuleiten und führt doch endlich zur Klärung seiner Identität und seiner Vergangenheit, die der Mann mit einer Reise in den Norden zu einem sinnvollen Ende bringt.

In der ersten Einstellung saß der Fremde in einem Zug. In der letzten überquert er, gemeinsam mit Irma, ein Bahngleis. Dann fährt ein Güterzug vorbei, irgendwohin in die Ferne; er hat genau die Sorte von Containern geladen, in denen der Mann gehaust hatte. Wenn der Blick in die Tiefe wieder frei wird, ist das Paar verschwunden. Sie haben sich und damit eine neue Heimat gefunden, mag Helsinki noch so kalt sein. Man muss sich um die beiden keine Sorgen mehr machen.

Kaurismäki ist es gelungen, seine Geschichte gänzlich freizuhalten von Elendspoesie und sie in einen Schwebezustand zu versetzen zwischen Trauer und Komik, Melodram und Realismus; dabei findet er zu einer sehr eigenen und eigenwilligen Tonart, zu der auch der hinreißende Einsatz der Musik gehört, oder die Farbdramaturgie, die vor allem in den Nachtaufnahmen ein märchenhaftes Gegengewicht setzt zu der Kälte des Tageslichts. Nicht weniger wichtig ist die Choreografie, mit der er seine Figuren wie Traumwandler in Bewegung bringt und sie gegen die Wirklichkeit abgrenzt.

Was er ihm denn schuldig sei, fragt der Namenlose einmal einen Elektriker, der für ihn an seinem Lagerplatz die Stromleitung angezapft hat. "Siehst du mich mal in der Gosse mit dem Gesicht nach unten, dann dreh mich um!" Aki Kaurismäki erzählt eine schmerzhafte und doch traumhaft schöne Geschichte über die Angst vor dem Absturz und über die Hoffnung, dass dann vielleicht Menschen zugegen sind, die das Schlimmste verhindern.MIES VAILLA MENNEISYYTTÄ, Finnland 2002 - Regie und Buch: Aki Kaurismäki. Kamera: Timo Salminen. Schnitt: Timo Linnasalo. Mit: Markku Peltola, Kati Outinen, Juhani Niemelä, Kaija Pakarinen, Sakari Kousmanen. Pandora, 97 Minuten.