Karlheinz Stockhausen Der elektrische Gott

Wie da von allen Seiten die phantastischsten, unglaublichsten und skurrilste Klangfiguren auf den Zuhörer einstürzen, wie sie sich plötzlich kühn über dem Hörer in die Luft erheben, dort Pirouetten schlagen, einander verfolgen, ineinander dringen, einander bekämpfen, sich umtänzeln, plötzlich verpuffen - das ist für jedes Publikum noch heute ein schier unglaubliches Phantasy-Erlebnis, ein Film in Klängen, die Begehung einer Tonlandschaft, wie die Natur sie so phantastisch nie hervorgebracht hat.

Mit seiner Werkschau auf der Weltaustellung in Osaka 1970 war Stockhausen dann auf dem Höhepunkt des Ruhms angekommen. Bis in die Avantgarde des Jazz und der Popmusik reichte sein Einfluss damals schon. Miles Davis und Herbie Hancock ließen sich von Stockhausens Klängen zu ihren eigenen elektronischen Experimenten inspirieren.

Die Beatles verewigten Stockhausen als Figur auf dem Cover ihres Albums "Sgt. Pepper", Frank Zappa, Pink Floyd und Can nannten ihn als Vorbild. Und auch jüngere Experimentalisten wie Sonic Youth, Björk oder die Produzenten des Techno beziehen sich auf ihn. Für sie hatte Stockhausen die elektronischen Klänge aus der Nische der "novelty sounds" befreit und zu einer eigenen Ausdrucksform erhoben.

Nichts dem Zufall

Mit "Licht" entfernte sich Stockhausen auf seine ganz eigene Art aus der in den 1970er Jahren unüberhörbar gewordenen Krise der Avantgarde. Noch einmal beschwor er Schönberg und Webern in einer dreistimmigen kurzen Weltformel, die ihm geradezu unerschöpflicher Quell für die wohl längste Komposition der Musikgeschichte wurde, in der der Supermann Michael gegen Bösling Luzifer antritt.

Stockhausen war mittlerweile zum absoluten Herrn seiner Werke und Produktionsmittel geworden, der selbst in der szenischen Gestaltung nicht dem Zufall und schon gar nicht fremden Händen überließ. Die Mailänder Scala besaß die Kühnheit, zumindest drei der "Licht"-Opern uraufzuführen, dann zog Leipzig mit zwei weiteren Stücken nach - noch steht eine Gesamtschau des Mammutwerks aus. Und immer wieder wird Bayreuth als möglicher Aufführungsort ins Feld geführt - ist Wagner doch der einzige Komponist vor Stockhausen, der ähnlich kühn in die Zukunft hinein komponierte und jeden Staus Quo ablehnte.

"Man macht sich," pflegte er zu klagen, "lächerlich über die sakrale Qualität meiner Stücke. Unsere Zeit ist ziemlich daneben." Aber das war nicht seine einzige Sorge. Von Goya gibt es die Tuschzeichnung eines alten Mannes auf zwei Stöcken, neben dem zu lesen steht: "Aun aprendo - noch lerne ich." Damit konnte sich Stockhausen identifizieren. Und hatte deshalb so gar kein Verständnis dafür, dass der Musikbetrieb sich nach wie vor geschamig um die Moderne drückte: "Im Grunde müsste jeder dieser berühmten Dirigenten seine eigene Reihe für Musik unserer Zeit haben. Wenn das nicht der Fall ist, sind sie einfach falsch am Platz."