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Karlheinz Stockhausen Der elektrische Gott

Der bedeutendste deutsche Komponist der Nachkriegszeit ist tot: Elektronikpionier Karlheinz Stockhausen ist im Alter von 79 Jahren in seiner Künstlerheimat Kürten gestorben.
Reinhard J. Brembeck und Andrian Kreye

"Engel-Prozessionen" nannte der streitbare, immer hellwache und visionär immer in die Zukunft stürmende Komponist eine der Szenen seines gewaltigen "Licht"-Zyklus, jenes aus sieben, den einzelnen Schöpfungstagen gewidmeten Opern bestehenden Riesenwerks, das ihn in den Jahren 1977 bis 2003 so ausschließlich beschäftigte.

Der Komponist Karlheinz Stockhausen 2001 in der Hamburger Musikhalle, wo er seinen frühen "Gesang der Jünglinge" präsentierte

(Foto: Foto: dpa)

Und das, wie so viele seiner Werke, Kritiker in die Verzweiflung trieb, Teile des Publikums zu Hohngelächter veranlasste. Aber auch seine Bewunderer fand, die diese große spiritualistisch religiöse Reise mit Hilfe der seltsamsten und unerhörtesten Klangerfindungen durch alle nur denkbaren Weltreligionen durchaus goutierten.

So wurde die Uraufführung des einstündigen "Licht"-Schnippsels "Engel-Prozessionen" in Amsterdams ehrwürdigem Concertgebouw vor fünf Jahren zu einem Triumph für Stockhausen. Ovationen für das, nach kurzen erklärenden Worten des Komponisten wiederholte Chorstück, brandeten auf, für eine Musik, in der Naivität, eine ungebrochene, niemanden verschreckende Klanglust und eine schier unerschöpfliche Phantasie, die No-Theater-Klänge genauso wie pathetischen Chorgesang wie Kindergartensound in eine fulminantes Ganzes zu schließen vermochte.

Revolution, Umsturz, Provokation, Wahnsinn

Und Engel-Prozessionen werden Karlheinz Stockhausen nun auch jubelnd in Empfang nehmen, diesen bedeutendsten deutschen Komponisten der Nachkriegszeit, der jetzt in seiner Künstlerheimat Kürten bei Köln im Alter von 79 Jahren gestorben ist.

Stockhausen kennt jeder - den Namen zumindest, wenn auch nicht unbedingt seine fast 300 Stücke. Mit diesem Namen verbinden sich Revolution, Umsturz, Provokation, Wahnsinn, Umdeutung aller Werte. Stockhausen war also ein Romantiker im eigentlichen Sinne des Wortes.

Einer, der die Zukunft suchte, dem Vergangenheit und Gegenwart nur Durchgangszustände waren für seine Visionen, an denen er einerseits mit dem tiefsten vorstellbaren Ernst und andrerseits mit einer kindlichen Naivität arbeitete, die so völlig im Widerspruch zu jener menschenverschreckenden, harschen Intellektualität zu stehen schien, die seiner Musik gerade von seinen Kritikern gern attestiert wurde.

Der 1928 bei Köln geborene Stockhausen gehörte einer Generation an, die man aus heutiger Sicht um ihre Freiheit, ihre Unbedingtheit, Radikalität und um ihre Visionen beneiden muss. Nach dem Naziterror mussten diese Jungen - und das waren neben Stockhausen vor allem Luigi Nono und Pierre Boulez - ganz neu anfangen. Alles, jedes Denken, jede Musik, jede Ästhetik, schien ihnen besudelt vom Tausendjährigen Reich.

Und so radikalisierten sie, ihrerseits nicht gerade zimperlich im Umgang mit Andersdenkenden, jene von den Nazis verfemte 12-Ton-Technik, die ihnen als einzige Form der Musik unverdächtig erschien, die in ihrem Glauben an Gleichberechtigung der einzelnen Musikmaterialien sich geradezu als Ästhetik gewordenen Protest gegen den Missbrauch von Musik und Kunst anbot. Die Musik dieser drei Vordenker einer neuen künstlerischen Moderne wurde in den 1950er Jahren als fürchterliche Provokation, als unsägliche Herausforderung des sich wieder formierenden Musikbetriebs begriffen.

Zum Pantheisten gewandelt

Dementsprechend heftig fielen die Reaktionen aus. "Kreuzspiel" (1953) heißt Stockhausens erster großer Erfolg, und er verweist schon überdeutlich darauf, dass er sich nie als politisch engagierter Komponist verstand, sondern als Spieler, als Tonbastler, Klangmonteur. Durchaus schon immer mit religiösem Hintergrund. "Gesang der Jünglinge" (1955/56) verweist darauf, aber brav Katholisches sollte man da nicht erwarten - es ist eines der ersten und nach wie vor reifsten Stücke der damals erstmals möglichen elektronischen Musik.

Stockhausen hat sich vom Katholiken zum Pantheisten gewandelt, der auf sein tägliches Gebet nicht verzichtete. Dabei zog er vor neun Jahren im Interview mit dieser Zeitung durchaus eine Parallele zwischen sich und dem allmächtigen Schöpfergott: "Natürlich möchte man als Komponist auch etwas Neues schaffen. In dem Sinne bin ich auch der Schöpfer von jetzt über 260 Werken. Aber immer mit der Bescheidenheit, dass man den größten Schöpfergeist interpretiert, imitiert, variiert. Das steckt in uns selber drin. Ich bin auch ein geschöpftes Wesen und ich kann gar nicht anders, als diese kosmischen Gesetze zu erkennen und immer wieder anders neu zu formulieren."

Stockhausen, der religiöse Revolutionär - diese seltene Mischung trug ihm immer viel Häme, Hohn und Verachtung ein. Vor sechs Jahren, nach der Attacke auf das World Trade Center, ließ er sich dazu hinreißen, betroffen, entsetzt, aber irgendwie auch fasziniert, diesen Terrorakt "...als das größte Kunstwerk, das es je gegeben hat..." zu apostrophieren, da wurde mit Entsetzen und Abscheu auf einen sowieso verdächtigen Komponisten reagiert, der offensichtlich überhaupt keinen Unterschied mehr machte zwischen Kunst und Realität.

Aber die Realität war ihm längst zur Kunst geworden. Schon früh umarmte Stockhausen sein Publikum, umstellte es mit drei und vier Orchestern - auskommen sollte seinen Klängen niemand. Und mit den "Gruppen für drei Orchester" (1955/57) gelang ihm das da in einer selbst für ihn nie mehr überbietbaren Art und Weise.

Der elektrische Gott

Wie da von allen Seiten die phantastischsten, unglaublichsten und skurrilste Klangfiguren auf den Zuhörer einstürzen, wie sie sich plötzlich kühn über dem Hörer in die Luft erheben, dort Pirouetten schlagen, einander verfolgen, ineinander dringen, einander bekämpfen, sich umtänzeln, plötzlich verpuffen - das ist für jedes Publikum noch heute ein schier unglaubliches Phantasy-Erlebnis, ein Film in Klängen, die Begehung einer Tonlandschaft, wie die Natur sie so phantastisch nie hervorgebracht hat.

Mit seiner Werkschau auf der Weltaustellung in Osaka 1970 war Stockhausen dann auf dem Höhepunkt des Ruhms angekommen. Bis in die Avantgarde des Jazz und der Popmusik reichte sein Einfluss damals schon. Miles Davis und Herbie Hancock ließen sich von Stockhausens Klängen zu ihren eigenen elektronischen Experimenten inspirieren.

Die Beatles verewigten Stockhausen als Figur auf dem Cover ihres Albums "Sgt. Pepper", Frank Zappa, Pink Floyd und Can nannten ihn als Vorbild. Und auch jüngere Experimentalisten wie Sonic Youth, Björk oder die Produzenten des Techno beziehen sich auf ihn. Für sie hatte Stockhausen die elektronischen Klänge aus der Nische der "novelty sounds" befreit und zu einer eigenen Ausdrucksform erhoben.

Nichts dem Zufall

Mit "Licht" entfernte sich Stockhausen auf seine ganz eigene Art aus der in den 1970er Jahren unüberhörbar gewordenen Krise der Avantgarde. Noch einmal beschwor er Schönberg und Webern in einer dreistimmigen kurzen Weltformel, die ihm geradezu unerschöpflicher Quell für die wohl längste Komposition der Musikgeschichte wurde, in der der Supermann Michael gegen Bösling Luzifer antritt.

Stockhausen war mittlerweile zum absoluten Herrn seiner Werke und Produktionsmittel geworden, der selbst in der szenischen Gestaltung nicht dem Zufall und schon gar nicht fremden Händen überließ. Die Mailänder Scala besaß die Kühnheit, zumindest drei der "Licht"-Opern uraufzuführen, dann zog Leipzig mit zwei weiteren Stücken nach - noch steht eine Gesamtschau des Mammutwerks aus. Und immer wieder wird Bayreuth als möglicher Aufführungsort ins Feld geführt - ist Wagner doch der einzige Komponist vor Stockhausen, der ähnlich kühn in die Zukunft hinein komponierte und jeden Staus Quo ablehnte.

"Man macht sich," pflegte er zu klagen, "lächerlich über die sakrale Qualität meiner Stücke. Unsere Zeit ist ziemlich daneben." Aber das war nicht seine einzige Sorge. Von Goya gibt es die Tuschzeichnung eines alten Mannes auf zwei Stöcken, neben dem zu lesen steht: "Aun aprendo - noch lerne ich." Damit konnte sich Stockhausen identifizieren. Und hatte deshalb so gar kein Verständnis dafür, dass der Musikbetrieb sich nach wie vor geschamig um die Moderne drückte: "Im Grunde müsste jeder dieser berühmten Dirigenten seine eigene Reihe für Musik unserer Zeit haben. Wenn das nicht der Fall ist, sind sie einfach falsch am Platz."