Karl May Kunst der Montage

Abenteurer der Bibliothek: Karl May in der Villa Shatterhand.

(Foto: Karl May Verlag)

Er gilt als sächsischer Fantast. Aber Studien zeigen, wie das Kraftwerk Karl May funktionierte.

Von Harald Eggebrecht

Der französische Komponist Claude Debussy hat in einer seiner Musikkritiken, bezogen auf die Analyse musikalischer Satzkunst, erklärt, dass es schon Kindern verboten werde, den Hampelmann auseinanderzunehmen, weil sein Geheimnis dann dahin wäre. Solche Vorbehalte lassen sich auf andere Künste übertragen. Doch es kann auch genau anders herum sein, wenn es in ästhetischen Analysen nicht darum geht, das Mysterium zu entzaubern, sondern vielmehr genau die Magie in ihrer Wirkweise zu begreifen.

Einer der in diesem Sinne besten, stets mit größtem Respekt operierenden "Anatomen" literarischer Werke ist der Mannheimer Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Rudi Schweikert, Jahrgang 1952. Sein bevorzugtes "Opfer" ist der sächsische Fantast Karl May, bei dessen Erwähnung manche immer noch meinen, es genüge, sich zu einem Lächeln herabzulassen. Doch Schweikert hat ernst gemacht mit dem Fährtensuchen und Spurenlesen im riesigen, vielseitigen und vielgestaltigen Œuvre des großen Fabulierers, der selbst ein gieriger Leser war von wüsten Ritterromanen, religiöser Erbauungsliteratur, Zeitschriften bis hin zu Grammatiken fremder Sprachen, Lexika und Wörterbüchern, das Studium von Atlanten nicht zu vergessen. Der Zitat-Titel "Durch eegenes Ingenium zusammengesetzt" krönt nun einen Materialienband, der Schweikert-"Studien zur Arbeitsweise Mays aus fünfundzwanzig Jahren" vereint. Das ist jedoch nur die Spitze eines von 2017 bis in die Tiefen von 1982 hinabreichenden Forschungseisbergs. Schweikert hat zum Beispiel keine Scheu, sich an all jene damals zeitgenössischen Stellen zu begeben, wo May seine Baustoffe fand, das heißt, an denen sich seine Fantasie entzündete oder mit denen er sie vielmehr erzählerisch fundierte.

So schlachtete May etwa den Roman "Californien und das Goldfieber" eines gewissen W. F. A. Zimmermann aus, der selbst wiederum Balduin Möllhausens authentische Aufzeichnungen aus dem Wilden Westen benutzt hatte. Schweikert vergleicht direkt: rechts Zimmermanns Text, links Mays Aneignungen, die er in seiner "Reiseerzählung" "Deadly Dust" verwendete. Selbst bei wörtlichen Übernahmen verändert May, biegt Figuren um, verkürzt oder verlängert, ganz so, wie er es für den Fortgang seiner Geschichte braucht. Schweikerts Vorgehensweise erhellt nicht einfach die Benutzung von Quellen aller Art, sondern vielmehr die außerordentliche Kreativität, mit der der nichtgereiste Fantast May diese Quellen für seine Zwecke ausschöpfte. Zu wissen, dass es diesen Zimmermann-Roman als Schürfstelle gab, mindert nun nicht die Anerkennung von Mays Originalität, sondern steigert die Achtung vor dessen Montage- und Collage-Genie. Seine Erzählung erschien 1888, fünf Jahre später arbeitete May sie in den dritten Band "Winnetou" ein.

Wunderbar auch, wie Schweikert im Eintrag über Mexiko in "Pierer's Universallexikon", über das auch May verfügte, jenes Material findet, das May in seiner Kolportage-Riesenschlange des "Waldröschen" über Hunderte Seiten ausimaginiert. Es geht um die Bevölkerung Mexikos, der "Pierer" zählt einige Indio-Völker auf, darunter die Miztecas. Schweikert kommentiert: "Die kurze Bemerkung ,Miztecas (haben bes. schöne Frauen)' <zündete> ganz offensichtlich bei May: ,Sujet'!" Entflammt macht es May dann nichts aus, die Miztecas in Nordmexiko anzusiedeln, obwohl sie tief im Süden an der Pazifikküste leben. Dafür hätte er nur den einschlägigen Lexikonartikel lesen müssen.

Doch für lexikalische, geografische, linguistische und andere Genauigkeiten im Sinne hieb- und stichfesten Schreibens hatte May keine Zeit. Dieser Autor produzierte geradezu im Schub aus dem Wust solcher Halbsätze von Angelesenem, vermeintlichem Wissen und grenzenloser Imaginationskraft. Schweikerts Untersuchungen weisen oft belustigt, aber meist fast ungläubig staunend und häufig bewundernd auf Mays "Zusammensetzingenium" und die Kunst hin, sich alles aneignen zu können nach seiner Fasson. Ob Aberglaube oder Schauerromantisches, ob Araberpferde, Ansichten zur Türkei oder zum fernen Osten Chinas, ob mythische Figuren wie den Freischütz oder Geheimbünde, ob Anleihen bei Alexandre Dumas père oder Fouqué - May brauchte und nutzte alles für das Kraftwerk seiner Kreativität.

Neben dem tollen Band mit den versammelten Studien finden sich Schweikert-Arbeiten auch im wie stets verlässlich interessanten Jahrbuch 2017 der Karl-May-Gesellschaft und im Ergebnisband des Bonner Symposiums über "Karl May in den 60er-Jahren". Damals wurde der sächsische Fantast auf allen Ebenen neu entdeckt und gedeutet, im Film, im Comic, in den Literatur- und anderen Wissenschaften. Im Zuge dieser Neubeschäftigung und Neubewertung wurde 1969 auch die bis heute quicklebendige Karl-May-Gesellschaft gegründet.

Rudi Schweikert: "Durch eegenes Ingenium zusammengesetzt". Studien zur Arbeitsweise Karl Mays aus fünfundzwanzig Jahren. Hansa Verlag, Husum 2017. 399 Seiten, 19 Euro.

Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 2017. Hansa Verlag, Husum 2017. 431 Seiten, 29 Euro.

Johannes Zeilinger & Florian Schleburg (Hrsg.): Abenteuer zwischen Wirtschaftswunder und Rebellion. Karl May in den 60er Jahren. Hansa Verlag, Husum 2017. 251 Seiten, 19 Euro.