Karina Urbach Adel vernichtet

Karina Urbach forscht zur deutsch-britischen Geschichte und zum englischen Adel. Ihr Buch "Go-Betweens for Hitler" erscheint bei Oxford University Press.

(Foto: Karlheinz Schindler/dpa)

Die Historikerin hat über Royals und Nazis geforscht. Der Queen wird das nicht gefallen.

Interview von Alexander Menden

Am Dienstag kommt die englische Königin Elizabeth II. nach Deutschland. Zu den Stationen ihres mehrtägigen Besuchs wird auch die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen gehören. Sie selbst tat noch mit 16 Jahren in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs als Fahrerin in der britischen Armee Dienst. Einige ihrer Verwandten, unter anderem ihr Onkel, der abgedankte König Edward VIII., unterstützten dagegen ihre Heimat weniger enthusiastisch im Kampf gegen Nazideutschland. Tatsächlich gab es im britischen Hochadel nicht wenige Nazi-Sympathisanten. Adolf Hitler nutzte deutsche - und britische - Adlige als geheime Verbindungsleute, um bei der europäischen Elite hinter den Kulissen für ihn zu werben und Verhandlungen zu führen. Die an der University of London tätige deutsche Historikerin Karina Urbach hat sich in ihrem Buch "Go-Betweens for Hitler" eingehend mit dieser bislang wenig beleuchteten Strategie befasst.

SZ: Dass Edward VIII. nazifreundlich war, ist bekannt. Gibt es da wirklich neue Erkenntnisse?

Karina Urbach: Was wir nie belegen konnten, war, inwieweit Edward VIII. tatsächlich mit Hitler paktiert hat. Alle Historiker sind bisher an den Archivzugängen gescheitert. Die Royal Archives in Windsor verweigern den Einblick in alle Dokumente, die mit ihm und seinem Bruder George VI., der ihm auf den Thron nachfolgte, zu tun haben. Es gab aber eine frei einsehbare Quelle, die bisher überraschenderweise nicht ausgewertet worden war, ein Gespräch Edwards mit einem spanischen Diplomaten, der ein langjähriger Freund von ihm war: Der meldete dem spanischen Außenministerium 1940, Edward habe die Meinung geäußert, um den Krieg schnell zu beenden, müssten die Deutschen England bombardieren. Das war Landesverrat, obwohl Edward damals natürlich schon eine Randfigur war. Er selbst sagte interessanterweise, er sei "seit vier Jahren nicht mehr in der Politik".

Sie schreiben vor allem über die Rolle, die Adlige als informelle Verbindungsleute zwischen der Naziführung und der Oberschicht anderer europäischer Länder spielten. Zum Beispiel Carl Eduard, Herzog von Coburg, der ein Enkel Königin Victorias und SA-Mitglied war.

Der Herzog hatte eine Art gespaltener Persönlichkeit, sprach sein Leben lang mit englischem Akzent, war aber deutschnational, obwohl er immer Heimweh nach England hatte. Er wurde in England geboren und kam 1899 mit 15 Jahren durch einen Erbfall nach Coburg. Durch den ersten Weltkrieg und seine Folgen wurde er radikalisiert, nachdem ihn der Arbeiter- und Soldatenrat in Gotha abgesetzt hatte. Er wurde enteignet und unterstützte danach als Antikommunist die Freikorps-Bewegung. Er hat Hitler die Türen zur englischen Upperclass geöffnet. Von 1935 an war er Präsident der Deutsch-Englischen Gesellschaft und hat auf Hitlers Wunsch bei den Verhandlungen zum deutsch-britischen Flottenabkommen hinter den Kulissen mitgewirkt. Auch während der Rheinlandkrise 1936 und besonders bei den Verhandlungen vor dem Münchner Abkommen 1938 hat Hitler ihn als inoffiziellen Verbindungsmann eingesetzt.

Welches Verhältnis hatte Hitler grundsätzlich zum Adel?

In "Mein Kampf" bezeichnete er den Adel als degeneriert, aber zugleich umgab er sich sehr gerne mit Adligen. Göring kannte viele von ihnen und stellte sie Hitler vor. Goebbels hat das zunächst gar nicht verstanden, und auch der linke Flügel der NSDAP war unangenehm berührt. Aber erstens war Hitler ein Snob, was mit seiner sozialen Unsicherheit zu tun hatte. Und zweitens hatte er erkannt, dass die aristokratische Elite eben nur mit ihresgleichen spricht. Er selbst hatte in den Zwanzigerjahren überhaupt keine Kontakte ins Ausland, im Gegensatz etwa zum Landgraf von Hessen, der den italienischen König und Mussolini kannte.

Hatten all diese adligen Interventionen und Bemühungen denn einen handfesten Effekt?

Klar ist, dass die Adligen in den anderen europäischen Staaten sich leichter mit Emissären wie Coburg oder der sehr umtriebigen Stéphanie zu Hohenlohe identifizieren konnten als mit Bürgerlichen - wobei Hohenlohe ja ursprünglich selbst aus einem bürgerlichen Haus stammte. Es ist auch wichtig, zu bedenken, dass der Adel zutiefst antikommunistisch eingestellt war. Besonders die Briten sahen von der Sowjetunion ihr Empire bedroht, der Spanische Bürgerkrieg wurde zum Beispiel als Stellvertreterkrieg betrachtet. Daher galten die faschistischen Regime lange als das kleinere Übel.

Stéphanie zu Hohenlohe war ja eine besonders schillernde Gestalt.

Sie stammte aus relativ bescheidenen Verhältnissen in Wien, hatte in den Adel eingeheiratet und arbeitete zunächst für den ungarischen Machthaber Miklós Horthy. Dann lernte sie über den sehr antisemitischen Lord Rothermere, Herausgeber der Daily Mail, Hitler kennen, für den sie als Geheimbotschafterin fungierte. Nicht einmal Goebbels wusste davon. Besonders die Briefe Rothermeres und Hohenlohes in den amerikanischen Hoover Archives sind sehr aufschlussreich. Hitler nannte zu Hohenlohe "meine Prinzessin", was bemerkenswert war, weil Himmler herausgefunden hatte, das Stéphanie jüdischer Herkunft war. Sie war sehr stolz darauf, als eine der wenigen ein "normales Gespräch" mit ihm führen zu können. Es ist wirklich erstaunlich, wie weit sie es brachte. Unter anderem führte sie vor dem Münchner Abkommen in Hitlers Namen direkte Verhandlungen mit dem britischen Außenminister Lord Halifax.

Sowohl Coburg als auch Hohenlohe blieben nach dem Krieg unbehelligt. Der Herzog kam zum Beispiel als "Minderbelasteter" mit einer Geldstrafe davon.

Und Stéphanie zu Hohenlohe hat in der Bundesrepublik eine steile Medienkarriere gemacht. Der amerikanische Präsident Roosevelt hatte sie noch als "gefährlich" bezeichnet, er wollte sie verhaften und nach Russland deportieren lassen. 1963 vermittelte sie dann ein Interview mit einem anderen Präsidenten, John F. Kennedy, an die deutsche Illustrierte Quick. Sie hatte immer ein fantastisches Netzwerk und Kontakte zu Leuten, an die die Presse sonst nie herangekommen wäre.

Sie erwähnten die großen Schwierigkeiten, die sie bei der Recherche in den Royal Archives hatten. Warum wird der Zugang da so kompromisslos verwehrt?

Die offizielle Begründung lautet, dass es sich dabei um eine private Korrespondenz handelt, die nicht vom Recht auf Informationsfreiheit abgedeckt ist. Tatsächlich soll natürlich die Royal Family geschützt werden. Wenn man in Turm in Windsor Castle arbeitet, in dem die Archive untergebracht sind, geht der Archivar sogar mit auf die Toilette, damit man ja nicht im Vorbeilaufen in eine der Schubladen schaut. Das wird in anderen, ähnlichen Archiven, dem der Wittelsbacher oder des schwedischen Königshauses, ähnlich streng gehandhabt. Die bilden eine geschlossene Front, um den Ruf ihrer Vorfahren zu wahren, denn freundschaftliche Kontakte zu den Nazis sind nun mal sehr rufschädigend. Letztlich lässt sich nur durch Recherche in anderen Privatarchiven etwas Substanzielles herausfinden.

Und wie sieht es mit den Geheimdienstarchiven aus?

Das ganze nachrichtendienstliche Material ist auch komplett gesperrt, selbst nach mehr als 70 Jahren noch, das gilt für MI6 genauso wie für den KGB. Jedes Mal, wenn ich Sir Richard Dearlove treffe, den ehemaligen Chef des Secret Service, frage ich ihn, wann ich endlich mal an diese Dokumente herankomme. Und jedes Mal sagt er: "Darauf können Sie lange warten!" Jetzt weiß ich zumindest, warum vorher noch nie jemand ein Buch über dieses Thema geschrieben hat.