Karim El-Gawhary: Frauenpower auf Arabisch Ist die arabische Welt frauenfeindlich?

Wo sind die "Pionierinnen" und "Kämpferinnen"? Jede der Frauen in Karim El-Gawharys Buch "Frauenpower auf Arabisch" hat darauf eine andere Antwort. Der Journalist ist ein detailgenauer Chronist.

Von Nadia Pantel

Wenn ein Mann ein Buch über "Frauenpower" schreibt, fällt es schwer, ein kritisches Zucken der linken Augenbraue zu unterdrücken. Noch dazu, wenn ein deutscher Journalist in Libyen, Ägypten, Saudi-Arabien, Syrien, Palästina und dem Jemen nach "Pionierinnen" und "Kämpferinnen" sucht, wie die Kapitelüberschriften versprechen. Gefällt sich da ein Autor in väterlichem Schulterklopfen? Genau, danke: so geht Emanzipation, sobald eine Frau das Kopftuch ablegt?

Zum Glück ist Karim El-Gawhary kein Erkläronkel sondern ein detailgenauer Chronist. Er analysiert und interpretiert wenig, sondern protokolliert einfach die Gedanken und den Alltag seiner Protagonistinnen. Die haben wenig miteinander gemeinsam. Nur eines eint sie: dass sie Frauen sind.

Manche von ihnen machen Karriere, so wie Salwa Aliresa in einer PR-Agentur in Saudi-Arabien, manche kämpfen für faire Arbeitsbedingungen, so wie Abier Aschour, die im ägyptischen Suez die erste Gewerkschaft für Brotverkäuferinnen gründet, manche sind Frauenrechtlerinnen, so wie Manal El-Scharif, die dafür kämpft, dass Frauen in Saudi-Arabien ihren Führerschein machen dürfen, und manche ringen schlicht ums Überleben, so wie Umm Naama, die am Stadtrand von Kairo ihren kranken Mann und ihre vier Kinder mit einem Euro und zehn Cent am Tag satt bekommen muss.

"Die größte Herausforderung für die Frauen in Ägypten sind nicht die Islamisten (...). Der größte Feind der Frauen ist die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage", schreibt El-Gawhary. Seine Berichte kommen ohne klare Rollenverteilung aus.

Ist die arabische Welt frauenfeindlich? Jede der Frauen in El-Gawharys Buch hat darauf eine andere Antwort. Eine sagt, ohne Anti-Depressiva halte sie die männliche Bevormundung in Saudi-Arabien nicht aus. Eine andere erzählt, dass sie als Taxifahrerin in Kairo nicht diskriminiert, sondern im Gegenteil besonders oft gebucht wird.

Je lebendiger, je weniger erklärbar

Als Leiter des Nahostbüros des ORF in Kairo berichtet El-Gawhary über alle Großereignisse von Gaza bis Tripolis. Und so geistern durch die persönlichen Geschichten dieses Buches die bekannten Schlagzeilen: israelische Phosphor-Granaten in Palästina, tödliche Ausschreitungen der Fußballfans in Port-Said, Euphorie und Gewalt auf dem Tahrir-Platz in Kairo.

Aus der Perspektive einzelner Frauen erzählt, werden diese Nachrichten zu Zeugnissen vom Tod der Tochter, von der Verhaftung des Sohnes oder auch von persönlichen Triumphen. Und je lebendiger "die arabische Welt" in der Vielzahl der gesammelten Stimmen wird, desto weniger scheint sie erklärbar.

El-Gawhary beendet sein Buch mit den lakonischen Worten: "Der Wandel lässt sich nicht in Jahreszeiten beschreiben". Statt den arabische Frühling zu feiern, erzählt er von Hoffnung und Versagen und von vielen kleinen, mutigen Entscheidungen.

Karim El-Gawhary: Frauenpower auf Arabisch. Jenseits von Klischee und Kopftuchdebatte. Verlag Kremayr &Scheriau, 2013. 203 Seiten, 22 Euro.