Karikaturist Ernst Maria Lang Bayerischer Jahrhundertmann

Ernst Maria Lang, geboten 1916 in Oberammergau, zeichnete von 1947 bis 2003 für die Süddeutsche Zeitung mehr als 4100 Karikaturen.

(Foto: Catherina Hess)

Ernst Maria Lang, der wohl berühmteste politische Karikaturist Deutschlands, ist tot. Der Mann, der in seinem zweiten Beruf auch das Stadtbild Münchens geprägt hat, zeichnete jahrzehntelang für die SZ.

Von Kurt Kister

Als Ernst Maria Lang am 8. Dezember 1916 in Oberammergau geboren wurde, tobte der Erste Weltkrieg, und es gab noch keine Sowjetunion. Jetzt ist Lang mit 97 Jahren in München gestorben, begleitet bis zuletzt von seiner Lebensgefährtin und seinen Töchtern. Er war wahrlich ein bayerischer Jahrhundertmann: Soldat, Architekt, und Karikaturist par excellence. Mit seinen Zeichnungen in der Süddeutschen Zeitung galt er zu Recht über Jahrzehnte hinweg als der bedeutendste politische Karikaturist Deutschlands.

Lang stammte aus einer der nahezu dynastischen Großfamilien Oberammergaus. Sein Ururgroßonkel, der geistliche Rat Josef Alois Daisenberger, verfasste für die Passionsspiele 1860 jenen Text, der, schwer modernisiert und entschärft, noch heute benutzt wird. Langs Vater war, fast möcht' man sagen: natürlich, Spielleiter bei den Passionsspielen, und der Bub ging natürlich in Kloster Ettal auf die Schule. Im komplizierten, nicht konfliktarmen Mikrokosmos von Oberammergau waren (und sind) die Langs mehr als nur ein Rädchen.

Im Oktober 1936 wurde der hünenhaft gewachsene Abiturient Lang zu den Pionieren nach Ingolstadt eingezogen. Als Reserveoffizieranwärter entlassen, schrieb er sich 1938 an der TH München für Architektur ein. Das Studium war zunächst nur sehr kurz, denn schon 1939 wurde Lang wieder zu den Fahnen gerufen. Er machte den gesamten Krieg im Osten mit, wurde hoch dekoriert und war zum Schluss Hauptmann.

Ohne Worte: Ernst Maria Langs Karikatur zu Willy Brandt und dem Springer Verlag.

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Den Nazis stand er als bayerischer Katholik eher fern. Soldat ist er dagegen irgendwo in seinem Inneren noch als alter Mann gewesen. Ein nicht kleiner Teil seiner Autobiografie "Das wars. Wars das?" ist den Kriegsjahren gewidmet. In der SZ der früheren Nachkriegszeit gehörte Lang zu jener skeptischen, gebrannten Generation junger Offiziere, die wohl ein Leben lang daran kauten, dass man Schindluder mit ihren Idealen getrieben hatte und sie manchmal auch zu wenig obstinat gewesen waren.

Sprechende Bilder

Am 24. November 1947 druckte die SZ die erste Karikatur des Hauptmanns a. D. und neuerdings wieder Architekturstudenten Ernst Maria Lang. Der Rest ist Karikaturgeschichte. Seine letzte Zeichnung erschien in der SZ im September 2003. Auch im Bayerischen Fernsehen war Lang zwischen 1954 und 1989 als Karikaturist und politischer Kolumnist mit dem Zeichenstift tätig.

Lang musste nie auf seine Figuren "Barzel", "Strauß" oder "Adenauer" schreiben. Man erkannte, wen, was und warum er zeichnete. Er stellte keine Comics her, wie das manche Karikaturisten tun, die lieber Blasen sprechen lassen, weil es ihre Bilder nicht so gut tun. Lang fixierte mit wenigen Strichen nicht nur den Phänotyp einer Person, sondern gleichsam auch noch deren Tun und Streben. Er war der glückliche Fall eines Karikaturisten, der jede Woche die große Politik und das kleine Leben im Sinne des Wortes ins Bild brachte. Und er hatte das Glück, in Zeiten zu arbeiten, in denen die Innenpolitik noch wirklich kontrovers war und es unter den Politikern Typen und Gestalten gab, die kein Karikaturist besser hätte erfinden können.

In seinem anderen Leben prägte der Architekt Lang mit einigen Bauten vor allem München. Die Studentenstadt Freimann stammt von seinem Reißbrett, ebenso das Hacker-Zentrum auf der Theresienhöhe. Als späterer Präsident der Architektenkammer gehörte Lang zu den wichtigen Funktionären seines Gewerbes. Im Münchner Gesellschaftsleben war er unübersehbar, nicht nur weil er sehr groß, manchmal recht laut und oft charmant-lustig war.

Angst hatte Lang keine, jedenfalls nicht vor Politikern. Als er 1960 sagte, der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer habe Anfang der Fünfzigerjahre in der Causa Wiederbewaffnung "gelogen", verklagte Adenauer den streitbaren Karikaturisten wegen Beleidigung. Zu einer Verhandlung kam es nie. Lang bedauerte dies, denn: "Ich hätte Adenauer gerne vor Gericht gesehen."