Neues Buch "Sag alles ab!" "Der Kapitalismus ist pleite, wir dienen einem Toten"

Karriere auf Kosten von Gesundheit, Lebenszeit und Muße? Nein danke, sagen die Initiatoren von "Haus Bartleby" aus Berlin.

(Foto: dpa)

Aus Job und Hamsterrad aussteigen: Die Initiatoren von "Haus Bartleby" rufen dazu auf. Und plädieren für Faulenzen mit Stil. Aber wovon leben?

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Der Treffpunkt ist schon mal passend. "Haus Bartleby" lud am Wochenende in das "Silent Green Kulturquartier" in Berlin, einem ehemaligen Krematorium im Wedding. Hübsch friedlich ist es hier, aber auch ein bisschen gruselig. Die Besucher sitzen auf schwarz-marmornem Fußboden, während eine Initiative ein Jahres-Grundeinkommen verlost.

Der Verweis auf den Tod ist gelungen, denn auch die Initiatoren von "Haus Bartleby" wollen etwas sterben lassen - und zwar nichts Geringeres als den Kapitalismus, sowie alles, was ihrer Meinung nach damit zusammenhängt: Selbstoptimierungswahn, Ausbeutungs-Prinzipien, die massenweise zum Burn-out führen, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, die längst die Mitte der Gesellschaft erreicht haben, Abstiegs- und Existenzängste, die das tägliche Hamsterrad zugunsten einer immer kleineren und immer wohlhabenderen Riege von Superreichen antreiben. Und natürlich alles, was über die Probleme des Einzelnen hinausgeht: Die Ausbeutung der Umwelt, das Führen von Kriegen aus wirtschaftlichen Interessen, die Machtverteilung zugunsten von Eliten anstelle echter Demokratie.

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Varoufakis ist wieder da

Das ist alles nicht neu; neu ist aber das Buch "Sag alles ab!", erschienen in der Edition Nautilus, Haus Bartleby ist der Herausgeber. Unter dem Titel eines Tocotronic-Lieds versammelt es Texte ganz verschiedener Autoren wie Deichkind ("Bück dich hoch"), Yanis Varoufakis ("Auf der Grundlage der bestehenden Institutionen und politischen Strategien kann der Euro keinen Bestand haben"), dem Berliner Hartz-IV-Möbel-Architekten Van Bo Le Menzel ("Schule ist überbewertet"), FAZ-Journalistin Antonia Baum ("Schlaf ist meine Rettung") und den beiden Bartleby-Gründern, Journalistin Alix Faßmann ("Wer seinen blitzeblanken Lebenslauf riskiert, ist ein Gewinn für dieses Leben") und Dramaturg Anselm Lenz ("Die Arbeitsgesellschaft ist fertig. Der Kapitalismus ist pleite. Die Republik bröckelt. Wir dienen einem Toten.").

Faßmann und Lenz, beide knapp ü30, haben es vorgemacht: Sie haben ihre Jobs aufgegeben und stattdessen das "Haus Bartleby" gegründet, als Ort des Denkens und Voranbringens einer neuen Lebensweise abseits kapitalistischen Ungemachs. Beide waren mit ihrer Arbeit nicht zufrieden: Alix Faßmann sollte der SPD zu einem jungen Netzauftritt verhelfen, fand die Strukturen aber zu starr. Anselm Lenz störte die "Beweihräucherung alter Säcke" am Theater, das Aufschauen zu "schillernden Intendanten".